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Asterix bei den Pikten Würdige Erben

Der neue Band „Asterix bei den Pikten“ schließt endlich wieder an die großen Zeiten der Serie an. Jean-Yves Ferri und Didier Conrad erzählen eine klassische Geschichte mit zeichnerischem Schwung.

24.10.2013 21:34
Jens Balzer und Christian Schlüter
Ungeheuer mit Niedlichkeitsfaktor: Fafnie ist neu bei Asterix. Foto: Les Editions Albert René

Die wichtigste Nachricht zuerst - und damit eine Entwarnung: Der neue Asterix-Band ist witzig und intelligent, er bietet eine gelungene Geschichte und knüpft an die gute alte Tradition der Reiseerzählung an. Nach dem reichlich unvermittelten Auftritt von Außerirdischen, Manga- und Superhelden im vorletzten Band (2005) und einer vollkommen missratenen Fantasie über Asterix und Obelix als tatternde Greise (2009) bekommen wir es endlich wieder mit gallischen Kernkompetenzen zu tun: Zaubertrank brauen, fremde Völker besuchen, römische Legionäre verprügeln, Wildschweine jagen. Welch eine Freude und große Erleichterung!

„Asterix bei den Pikten“ heißt das neue Abenteuer und führt uns nach Schottland. Die dort wohnenden Pikten, die antiken Vorfahren der Schotten, haben ihren Namen von den Römern, er rührt vom lateinischen „picti“ her und bedeutet so viel wie: die Bemalten. Dabei handelt es sich um selbstverständlich rothaarige, vor allem aber auch großflächig tätowierte Menschen, die sich ganz so wie ihre gallischen Vettern als enorm streit- und rauflustig erweisen und sich ebenfalls gegen eine römische Besatzungsmacht behaupten müssen.

Der Plot des 35. Asterix-Bands: Die Gallier eilen den bedrängten Pikten mit ihrem kriegerischen Sachverstand zu Hilfe.

Bei dem neuen Abenteuer zeichnet erstmals nicht mehr Albert Uderzo verantwortlich. Nach dem frühen Tod des genialen Szenaristen René Goscinny 1977 hatte der Zeichner Uderzo die folgenden Bände von „Der große Graben“ bis „Asterix und Obelix feiern Geburtstag“ auch selber getextet – leider ohne das erzählerische Talent und den Witz seines früheren Kompagnons auch nur annähernd zu erreichen.

So geriet das Asterix-Projekt in eine Sackgasse: Deswegen – und wohl auch auf Druck von Goscinnys Tochter und Erbin Anne – zog sich Uderzo nach langem Zögern zurück und überwacht jetzt nur noch die Einhaltung der Asterix-Norm – seines Lebenswerks.

Lange wurde gerätselt, ob den von Uderzo eingesetzten Nachfolgern das Wunder gelingt, Asterix getreu dem großen Vorbild weiterzuführen und zugleich alles besser zu machen. Nach der Lektüre lässt sich sagen: Es ist geglückt, der Szenarist Jean-Yves Ferri und der Zeichner Didier Conrad haben mit „Asterix bei den Pikten“ den richtigen Ton getroffen. Vor allem Conrad hat sich virtuos in den Zeichenstil der klassischen „Asterix“-Phase – Mitte der sechziger Jahre – eingefühlt. Als wesentliche Referenzen kann man „Asterix als Legionär“ und „Asterix und die Normannen“ ansehen.

Seine Bilder sind detailverliebt und präzise. Sein Strich aber wahrt stets eine leicht skizzenhafte, unfertig wirkende Kontur und gewinnt daraus seine Dynamik. Gerade in dieser Schwung stiftenden Unschärfe lag – jenseits der Knollennasen – ja die wesentliche grafische Innovation, mit der Uderzo sich als Zeichner in den fünfziger und sechziger Jahren von der Mehrzahl der eher geometrischen, oft steif wirkenden franko-belgischen Comics absetzte.

Wunderbar auch der Blick, den Conrad für die Details der Uderzo’schen Bildsprache hat: Wie er etwa die unentwegt sich in Bewegung befindlichen Helmfedern von Asterix dessen aktuelle Gemütslage symbolisieren und gelegentlich konterkarieren lässt. Oder wie er die Körperlichkeit von Obelix in ihrem Wechsel aus Kraft und Beharrlichkeit in den Bewegungslinien einzufangen versteht.

Ein gewisser Klassizismus herrscht allerdings auch in der Geschichte vor. Anspielungen auf die Gegenwart des Jahres 2013 sucht man weitgehend vergeblich. Ebenso fehlen die Statisten-Auftritte aktuell bekannter Politiker, Schauspieler oder anderer Prominenter, wie Goscinny sie einst so liebte und Uderzo sie so trefflich zu karikieren verstand.

Running Gags und Zitatenschwemme

Wenn es Referenzen und Anspielungen gibt, dann auf den klassischen Kanon der Asterix-Geschichten von „Asterix der Gallier“ bis zu „Asterix bei den Belgiern“ und auf die dazugehörigen Running Gags. Natürlich kommt es auf der Fahrt von Gallien nach Schottland zu einer Begegnung mit dem Piratenschiff mitsamt dem vorhersehbaren Ausgang.

Natürlich zerstreiten sich Asterix und Obelix im Verlauf der Geschichte, so dass sie mit hochroten Köpfen ihre Knollennasen aneinander pressen und sich in sehr großen Lettern als „Herr Asterix“ und „Herr Obelix“ anherrschen. Und als die verfeindeten Stämme der Pikten aufeinander losgehen, ist das Schlachtengemälde so unübersichtlich, dass es mit eingeblockten Texten erläutert werden muss – wie weiland bei „Asterix und die Goten“.

Gelegentlich hat man das Gefühl, dass es an Zitaten nun auch einmal reicht. Vielleicht haben es Ferri und Conrad beim Beweis ihrer Asterix-Kompetenz übertrieben, vielleicht lag es an der unentwegten Kontrolle durch Albert Uderzo. Vielleicht aber geht der Asterix-Traditionalismus auch nur auf die strategische Entscheidung zurück, mit der Erinnerung an die guten alten Zeiten die Stammleserschaft zu versöhnen, die nach der ästhetischen Talfahrt der letzten Jahrzehnte immer unzufriedener wurde. Wie auch immer, es bleibt die Frage nach den Neuerungen, schließlich soll sich ja auch ein neues Publikum für Asterix begeistern können.

Immerhin haben Conrad und Ferri doch ein bisschen riskiert. Sie führen Fafnie ein, eine Art Ungeheuer von Loch Ness und nach dem Hund Idefix erst die zweite Tierfigur in der Asterix-Welt, die als entwickelter Charakter in Erscheinung tritt. Fafnie ist sehr groß und sehr verspielt und sehr niedlich, und sie fügt sich in ihrer tragenden Rolle bestens in die Geschichte ein. Eine Erweiterung des Personaltableaus mitsamt erhöhtem Niedlichkeitsfaktor: Das könnte die Zukunft sein.

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