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Assia Djebar ist tot Eine Frau und frei sein

Die große algerische Schriftstellerin Assia Djebar ist 78-jährig in Paris gestorben.

Assia Djebar, hier am Tag der Aufnahme in die Académie française. Foto: AFP

Assia Djebar hat über all das schon geschrieben, als die westliche Welt sich noch gar nicht so aufgeregt dafür interessierte: Sie schrieb über die Brutalität des religiösen Fundamentalismus, über Gewalt, die zur Gewohnheit wird und darum immer heftiger ausschlagen muss, über die Situation der Frau im konservativen Islam. Es gibt einen eigenartigen historischen Roman von ihr, „Fern von Medina“, 1991, in dem sie sich von den Abenteuern der Frauen wegtragen lässt, die Mohammed noch kannten. Es gibt einen harten, ewig aktuellen Roman von ihr, „Weißes Algerien“, in dem sie vom Schrecken der Intellektuellen-Morde in ihrer Heimat berichtet.

Die sie 1980 verließ, um arbeiten zu können. Unvergessen der Dialog in „Fantasia“, in dem eine Mutter die Mutter der Ich-Erzählerin fragt: „Sie verschleiert sich also noch nicht, deine Tochter?“ – „Sie liest!“, antwortet die Mutter. Assia Djebar hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass sie ihre persönliche Freiheit nur ohne einen Schleier und außerhalb des Algeriens ihrer Jugend finden konnte. In einem Land, in dem es ihr möglich war, sich auf der Straße frei zu bewegen und umzusehen.

„Ich stamme aus einer Gesellschaft, in der die Beziehung von Mann und Frau außerhalb der Familie von so viel Härte und Schroffheit geprägt ist, dass es einem die Sprache verschlägt“, sagte sie 2000 bei ihrer Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in Frankfurt. Sie konnte nicht in Algerien leben, aber sie konnte über fast nichts anderes schreiben. „Mein Ziel war, die bleierne Stummheit der algerischen Frauen spürbar zu machen, die Unsichtbarkeit ihrer Körper.“

Nicht oft genug konnte die Schriftstellerin, 1936 als Fatima-Zohra Imalayene geboren, darauf hinweisen, was sie ihrem Vater, einem durchaus auch konservativen Lehrer, alles verdankte (zuletzt noch einmal 2007 in ihrem selbst für ihre Verhältnisse besonders persönlichen Buch „Nirgendwo im Haus meines Vaters“): nicht ins Haus gesperrt worden zu sein, eine französische Schule besuchen zu können, 1955 als erste Araberin überhaupt auf der Ecole Normale Supérieure in Paris aufgenommen zu werden.

Die Sprache, ihr „Haus“

Assia Djebar war Historikerin, drehte auch Filme, lehrte auch zwischenzeitlich in New York. Aber Romane zu schreiben, blieb ihr Beruf, und das Französische wurde ihre Sprache als Schriftstellerin. Ihr „Haus“, sagte sie, ohne je zu vergessen, dass es auch die Sprache der Kolonialisten war. Das Arabische, auch das Berberische als Sprache der Vorfahren blieb zudem untergründig präsent. Aus Widersprüchen aller Art, könnte man sagen, schlug die Autorin Assia Djebar immer Funken, von denen sich die stärksten in ihren stimmenreichen, häufig, fast immer als Mosaiken angelegten Romanen finden.

Den Literaturnobelpreis, für den sie seit vielen Jahren immer wieder einmal im Gespräch war, bekam sie nicht. Eine späte, für französische Verhältnisse wesentliche Ehrung erhielt sie aber 2005, auch dies wieder als erste Araberin, und nicht einmal ein männlicher Kollege kam ihr diesmal zuvor: Sie wurde in die Académie française aufgenommen.

Am Freitag starb Assia Djebar im Alter von 78 Jahren in einem Pariser Krankenhaus. Bestattet werden möchte sie in ihrem Geburtsort Cherchell.

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