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Arthur Schnitzler: Später Ruhm Der alte Mann und die Begeisterten

Aus dem Nachlass wurde nun Arthur Schnitzlers frühe, freche, abgründige Künstler-Novelle „Später Ruhm“ gezogen. So dass die Ironie der Geschichte schon beim Titel anfängt.

Jung-Wien mit Damen, 1894: Hofmannsthal, Schnitzler (stehend), Beer-Hofmann, Salten. Foto: dpa

Die erhebliche Ironie geht von vornherein auch über den Text hinaus. Denn die Debatte darüber, ob eine Novelle, die jahrzehntelang schlichtweg unbeachtet in einem Archiv lag, als „verschollen“ gelten und entsprechend sensationell nun als „Entdeckung“ zelebriert werden kann, findet ihr Pendant in der Geschichte selbst: Der brave Beamte Eduard Saxberger hat die Existenz seines frühen Gedichtbandes „Wanderungen“ selbst quasi längst vergessen. In seinem täglich benutzten Schreibtisch finden sich noch ein paar Exemplare, er hat sie oft gesehen und sich bloß nicht darum gekümmert. Einige junge Enthusiasten aber, die durch einen antiquarischen Kauf auf ihn aufmerksam geworden sind, feiern ihn auf einmal als großen Dichter und seinen Band als von der Welt missachtetes Meisterwerk.

Morgenstimmungen, Abendstimmungen. Oder auch Nachtstimmungen

Ist es das? Der Leser wird darüber im Dunkeln gelassen, was es mit den „Wanderungen“ auf sich hat, weil er selbst das Büchlein nicht lesen kann. Freilich gibt es Hinweise darauf, dass es sich um Durchschnittsware handelt: Der Titel selbst gehört dazu (Legion die unter diesem Namen veröffentlichte Lyrik), aber auch ein geplantes neues Werk des alten Mannes, das schon einmal den Arbeitstitel „Abendstimmung“ erhält. „Alle lyrischen Gedichte sind ja schließlich entweder Morgenstimmungen oder Abendstimmungen …“, erklärt einer der Jungdichter. „Oder Nachtstimmungen…“, ergänzt ein anderer, denn die jungen Leute sind Dichter, aber auch Spötter. Sobald es nicht um sie selbst und ihr eigenes Werk geht.

Es war jedenfalls offenbar keine Tragödie der Literaturgeschichte, Eduard Saxbergers „Wanderungen“ aus dem Blick zu verlieren. Die heute im Zsolnay-Verlag erscheinende, vorab üppig angekündigte Novelle von Arthur Schnitzler hingegen ist weder ein halbgares Anfängerstück noch ein früher Geniestreich, sondern: ein vorzügliches Stück tüchtig satirischer und psychologisch informierter Literatur. Sie entstand 1894, 32 Jahre alt ist Schnitzler, „Anatol“ hat er schon geschrieben, „Liebelei“ noch nicht. Es ist kein Wunder, dass er sich mit der Frage nach der Haltbarkeit von Literatur und der Peinlichkeit rund um die Suche nach Ruhm befasst.

Eher Zufall als Fügung scheinen dem Nachwort von Wilhelm Hemecker und David Österle zufolge dazu geführt zu haben, dass die Novelle unveröffentlicht blieb. Ein Abdruck in Hermann Bahrs Zeitschrift „Die Zeit“ scheiterte wohl auch an Schnitzlers Unlust, stark zu kürzen. Eine Aufteilung auf mehrere Nummern wiederum, fand Bahr, würde die Novelle „um jede Wirkung bringen“. Schnitzler hielt die Geschichte jedenfalls weder für unfertig noch für undruckbar. „Eindruck: Hübsch, einige sehr gute Stellen“, heißt es im Tagebuch bei einer Wiederlektüre.

Im vor den Nationalsozialisten nach England geretteten Nachlass kam das Typoskript in die Universitätsbibliothek von Cambridge. Dort gehörte es nicht zu den Stücken, die Sohn Heinrich (kluger, entschlossener Mitleser schon zu Lebzeiten des Vaters) mit einem „Nicht zu veröffentlichen“-Vermerk versah. Schnitzler hatte seine Novelle am Ende „Geschichte von einem alten Dichter“ genannt. Dass der Verlag jetzt zum Ursprungstitel zurückkehrte, mag dem Philologen nicht behagen. Aber natürlich ist es zu schön und effektvoll, sie bei einer derartigen Verspätung unter dem Titel „Später Ruhm“ zu veröffentlichen.

Wir befinden uns also in Wien um 1890. Der brave Saxberger lernt einem Kreis enthusiasmierter Dichter, teils in spe, kennen, der an Schnitzlers eigene Jung-Wiener Umgebung erinnern darf, muss. So dass es eindrücklich ist, wie frech und dabei intelligent der Autor jedermann die Leviten liest. Gescheit und vor Abgeklärtheit schon geradezu wieder gutmütig ist sein Spott: gegen Saxberger, einen leicht philisterhaften Tropf, der in die Verlegenheit und das Vergnügen kommt, für eine Sache verehrt zu werden, die sich für ihn selbst restlos erledigt hat. Die Gedichte, die ihm die jungen Leute geben, damit er sie beurteilt, sind ihm ein Rätsel. „Er konnte ihm doch keineswegs sagen, dass er die Gedichte nicht – ja was nur nicht –, nicht verstanden habe? Nicht verstanden! Saxberger erschrak beinahe. Er, der Dichter der ,Wanderungen‘, verstand die Gedichte des Herrn Meier nicht.“

Auch langweilt ihn die Lektüre quälend. Er fühlt sich geschmeichelt durch das Lob, nachdem ihn all die Jahr im Kreise des Kollegen und des Stammtischs keiner bemerkenswert fand. Jedes Nachlassen des Interesses an seiner Person aber ist nun eine narzisstische Kränkung, keine davon lässt Schnitzler, Meister der Peinlichkeiten, unerwähnt. „Später Ruhm“ dreht sich an dieser Stelle im Kreis, aber die manchmal antisubtile Überdeutlichkeit, die damit einhergeht, steht in einem wirkungsvollen Kontrast zum wolkig-pathetisch-dauerwitzigen Ton im Kreis der jungen Dichter. „Herr Linsmann, Sie pfeifen wie ein Gott!“

Sie nennen sich: Die „Begeisterten“

Die „Begeisterten“, wie sie sich nennen, tragen ihrerseits schwer an der Missachtung, die ihnen entgegengebracht wird: „Kein Mensch weiß was von uns, keine Seele kümmert sich um uns. Die Zeitungen nehmen keine Notiz von uns.“ Konkurrenzen werden vornehmlich mit dem Nachbartisch im Stammlokal ausgetragen, nun aber soll ein gemeinsamer Vortragsabend es rausreißen. Auch Saxberger soll etwas Neues beitragen. Der Leser ahnt, dass das für den wackeren Mann zum Problem werden könnte, auch bewundert der Leser die Dramaturgie von „Später Ruhm“, die auf ein ganzes Feuerwerk guter Pointen hinausläuft.

Denn facettenreich ist das auch jenseits der allerdings großartigen Schlusswendung. Saxberger findet keine Inspiration mehr an einem Donauufer, an dem inzwischen die Dampfstraßenbahn vorbeistöhnt. Es stört ihn auch gar nicht sehr, sobald er wieder ehrlich mit sich ist. In seiner neuen Umgebung spiegelt er sich, ohne es zu merken, vor allem in seinem Desinteresse gegen die jeweils anderen. Die hier äußert ulkig umgesetzte Beobachtung, dass Künstler und „Künstler“ (noch weiß man es nicht) nur miteinander auskommen, weil sie dringend Aufmerksamkeit benötigen, diese aber selbst nur notfalls zu geben bereit sind, dass Künstler und „Künstler“ also brachiale Egoisten sind, ist der schaurige Anteil in „Später Ruhm“. Dazu gehört, dass man die Arbeiten der Freunde nicht liest, dass man ohnehin nicht viel liest und intellektuell letztlich wenig zustande bringt. „Da war ja gewiss ungeheuer viel Talent, gearbeitet wurde aber eigentlich recht wenig“, denkt sich Saxberger. „Später Ruhm“ ist auf eine nüchtern-heitere, auch erfrischend folgenlose Weise ein Vernichtungsschlag.

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