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Arno Schmidt in Berlin Lockerung der Wortbremse

„Wenn ich tot bin, mir soll mal Einer mit Auferstehung oder so kommen: ich hau ihm Eine rein!“: Die Berliner Akademie der Künste zeigt Arno Schmidt in 100 Stationen: ein fabelhaftes, unterhaltsames Sammelsurium zum 101. Geburtstag.

25.09.2015 16:07
Sabine Vogel
Zwingend: Ein Zettelkasten von Arno Schmidt in der Berliner Arno-Schmidt-Ausstellung. Foto: dpa

Eine gläserne Gallone – höchstwahrscheinlich mit Alkohol gefüllt – ist einer handtellergroßen Standlupe gegenübergestellt. Beides soll der Sichtverbesserung dienen, das eine der optischen, das andere der poetischen. Die zwei Objekte aus Arno Schmidts Nachlass befüllen die Vorder- und Rückseite einer der 100 durchnummerierten Vitrinen, mit denen die Ausstellung in der Akademie der Künste in Berlin Leben und Werk des vor 101 Jahren geborenen Schriftstellers in 100 Stationen veranschaulicht. Zuvor, zum 100., war die Schau in Celle präsentiert worden, wo Schmidt 1979 starb. „Wenn ich tot bin, mir soll mal Einer mit Auferstehung oder so kommen: ich hau ihm Eine rein!“

An jeder der Vitrinen, die als zierliche Stelen den abgedunkelten Raum durchleuchten, stehen kurze Zitate vom Autor oder aus der Rezeptionsgeschichte. Der Alkohol, so lesen wir da, dem Schmidt konsequent zusprach, diente ihm als „Lockerung der Wortbremse“ und zur „Erhöhung der Bildkraft“. Darüber hinaus weiß er um die Notwendigkeit, den Leser auf die Existenz seiner Leselinse hinzuweisen: „die & die Farbe hat das Glas, durch welches Sie jetzt gleich, für längere Zeit hindurchzusehen haben.“

Ordnung, halbzufällig

Die von der Schriftstellerin Susanne Fischer und ihrem Kollegen Bernd Rauschenbach (von der Arno-Schmidt-Stiftung) kuratierte Ausstellung nähert sich dem widerspruchsliebenden Monumentaldichter nicht chronologisch, sondern durch assoziative Stichwörter und kuriose Gegenstände. So entsteht ein höchst unterhaltsames Sammelsurium von Eindrücken in halbzufälliger Ordnung. Die biografischen Lebensabschnitte erschließen sich wie nebenbei.

Seine ersten Erzählungen, 1949 bei Rowohlt unter dem Titel „Leviathan“ veröffentlicht, schrieb Schmidt in seiner penibel winzigen Buchhalterschrift auf Telegramm-Formulare, von denen ein britischer Captain ihm einen halben Block geschenkt hatte. Hermann Hesse und Alfred Andersch – Letzterer von 1955 bis 1958 Redakteur beim Stuttgarter Rundfunk, bei dem Schmidt mit Funkessays einen „Broterwerb“ fand – erkennen das Genie des Eigenbrötlers.

Begriffspaare wie Lärm und Stille, krank und gesund, Vergänglichkeit („Futsch, auf ewig verschwunden“) und Unsterblichkeit („Ewiges Leben ist nichts für Jahrgang Firrzn“) haben die Ausstellungsmacher mit konzeptioneller Nonchalance und Spaß am trivialen Objekt (Huch, das sind wirklich seine Socken?) einander zugeordnet. Eine Ecke seiner Schreibtischplatte aus Sperrholz, Einweckgläser, Schmidts Meßmer-Teelöffel („Meß’mer ’n Tee“), seine bis auf den Stummel niedergeschriebenen Bleistifte, sechs mechanische Schreibmaschinen, zum „wütend rumhämmern“. Seine grüne Lederjacke, an der man sieht, was für ein Schrat Schmidt war, und dazu das Sonntagskostüm seine Frau Alice. Ein mit winzigen Bildern illustrierter Monatskalender, auf dem Posteingänge als Ereignisse verzeichnet sind, usw. Die Dinge illuminieren ein Leben in Armut und weltabgeschiedener Zweisamkeit.

1937 hatte Schmidt die Sekretärin Alice in Niederschlesien geheiratet, Schmidt arbeitete dort als Buchhalter bis zu seinem Einzug 1940 in die Wehrmacht. Wegen seiner starken Kurzsichtigkeit leistete er vor allem Schreibstubendienst, kam nach einem kurzen Fronteinsatz in Kriegsgefangenschaft. Danach zogen die mittellosen Ostflüchtlinge – Alice konnte immerhin Schmidts geliebte Wieland-Gesamtausgabe retten – mehrfach um. Der aus einem Ästchen handgeschnitzte Küchenquirl aus der Nachkriegszeit, in der das Paar von Waldpilzen und Beeren lebte, liegt neben dem Goldcollier, samt Juwelierrechnung über mehrere tausend Mark, das Schmidt später seiner treuen, als kritische Erstleserin und Geschäftsführerin unentbehrlichen Gattin geschenkt hat.

Stehlampe, spießig

Die „exotische Lampenmorchel“, eine spießig-moderne Wohnzimmer-Stehlampe auf geschwungenen Stielen, steht für den beginnenden behaglichen Wohlstand. Im November 1958 bezog das Ehepaar sein eigenes Haus in Bargfeld, das Schmidt nur noch selten verlässt. Da hat er schon „Brand’s Heide“, „Die Umsiedler“, „Aus dem Leben eines Faun“, „Das steinerne Herz“ und „Seelandschaft mit Pocahontas“ veröffentlicht – und für das letzte einen Prozess wegen Pornografie und Gotteslästerung hinter sich. „Phallerí – Phallera“ blödelt er wortspielerisch herum, praktiziert Unrechtschreibung, freut sich am Phonetismus („Kann-Arien-Vogel“) und denkt bald auch komisch-schamlos über Dramen der Impotenz nach.

Wer durch solche Häppchen der Schmidt’schen Schwadronierlust Appetit auf sein literarisches Großwerk bekommt, der könnte sich gleich in einen der funktionalen 60er-Jahre-Sessel setzen und in den ausgelegten Büchern schmökern. Oder erst mal ein wenig spielen am virtuellen Zettelkasten.

An einem Steuerpult kann man 100 Wörter antippen, zu denen dann sechs Zitate aus Schmidts Gesamtwerk über eine Laufband flimmern. In den Vitrinen darunter liegen natürlich auch ein paar Zettelkästen.

Akademie der Künste, Berlin: bis 10. Januar. www.adk.de

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