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Arno Geiger So muss sich das damals angefühlt haben

In seinem neuen Roman „Unter der Drachenwand“ erzählt der 1968 geborene Arno Geiger wie selbstverständlich vom Allesverschlinger Krieg.

Drittes Reich - Bund Deutscher Mädchen
Jugend unter Hitler: BDM-Mädchen legen übungsweise einen Knöchelverband an. Foto: dpa

Der österreichische Schriftsteller Arno Geiger ist ein Meister der Aneignung und der unsentimentalen Empathie. Die Zeitläufte schienen ihn dabei bisher eher indirekt zu interessieren. Dabei spielte etwa die Zeit vor und nach dem Zweiten Weltkrieg schon in „Es geht uns gut“, seinem Buchpreis-Buch von 2005, eine Rolle. Die Kriegszeit am Rande auch in „Der alte König in seinem Exil“, dem Buch über seinen Vater und dessen Alzheimererkrankung. August Geiger, 1926 geboren, wurde als 18-Jähriger noch Anfang 1945 an die Ostfront geschickt. Es gibt Situationen, in denen der Jahrgang über Leben und Tod entscheiden kann. Und in denen der unspektakuläre, aber existenzielle private Raum, aus dem eigentlich die Welt von Arno Geigers Romanen besteht – erst recht die seiner letzten Geschichten, „Alles über Sally“ und „Selbstporträt mit Flusspferd“ –, von den Ereignissen verschlungen wird.

So ist es dem knapp 24 Jahre alten Wiener Veit Kolbe ergangen, der 1944 bereits seit fünf Jahren an der Front um sein Leben kämpft – dass der Krieg am Ende nichts anderes ist als der verzweifelte Versuch aller Beteiligten, ihn zu überleben, daran besteht hier kein Zweifel. Veit leidet unter Todesangst, dazu unter dem, was er bereits verpasst hat. Er glaubt, die versäumten Jahre (ein Hochschulstudium) nicht mehr aufholen zu können, quält sich mit dem Gefühl, „dass ich mit dem ganzen Scheiß nichts mehr zu tun haben wollte, ich wollte mein kleines Privatleben führen, wie es in einer besseren Welt selbstverständlich wäre“. Gegen Depressionen und Erschöpfungen schluckt er Pervitin, die berüchtigte stimulierende Wunderdroge der Wehrmacht, ohne darüber nachzudenken. Eine Verletzung gibt ihm Gelegenheit, sich an den Mondsee zurückzuziehen, für ein Jahr unter dem Radar der Kriegsmaschine und seines „Dienstherrn“ zu bleiben.

„Unter der Drachenwand“ lernt er die Darmstädterin Margot kennen, die hier mit ihrer neugeborenen Tochter Zuflucht gesucht hat und auch Abstand zur Familie, den alle Personen im Buch dringend nötig haben. Darmstadt wird zerbombt, die Mutter berichtet von all den Toten und selbst sie, die schlichte, etwas geschwätzige und dabei nüchterne Hessin, die „nicht über einen Teelöffel voll freudiger Nachrichten verfügt“, wird zynisch, als sie von den 50 Gramm Bohnenkaffeezuteilung berichtet, die es für die Überlebenden gibt. Auch hätte sie lieber die toten Verwandten und Freunde zurück.

Die kleine Liebesgeschichte des Mädchens Nanni

Verschlungen wird aber auch der private Raum des gutmütigen, unangepassten „Brasilianers“, eines zur Unzeit heimgekehrten Auswanderers, der in Mondsee mit Orchideen handelt und aus seiner Verachtung für die aktuelle Politik kein Hehl machen kann. „Jeder halbwegs nüchterne Mensch muss ein politisches System mit den Augen der Toten betrachten“, sagt der Brasilianer, als er zum ersten Mal aus dem Zuchthaus wiederkommt.

Verschlungen wird aber auch der private Raum der 13-jährigen Nanni, die am Mondsee in einem Mädchenausbildungslager gedrillt wird und der die rührende Romeo-und-Julia-Liebe zum wenige Jahre älteren Kurt von der Mutter gnadenlos ausgetrieben werden soll.

Verschlungen wird aber erst recht alles, was der Jude Oskar Meyer hatte, der sich mit Frau und Kind 1944 ausgerechnet zur Flucht von Wien nach Budapest entschließt. Ein furchtbarer Fehler, begangen, weil er den alten europäischen Kulturmetropolen nicht rechtzeitig misstraut hat. Eine Gelegenheit, nach Ghana zu gehen, hat er aus Scheu vor dem fremden Kontinent vorübergehen lassen. Obwohl er bereits fast alles gesehen hat, kann er es noch immer nicht glauben.

Auf Konventionen wird verzichtet

„Unter der Drachenwand“ führt die Fäden der Figuren sehr locker zusammen und zwar rund um Veit, der selbst Oskar Meyer kurz begegnen wird, ohne es zu wissen. Wir erkennen ihn an seinem Halstuch. Die Fäden scheinen so locker zu hängen, dass man leicht verpassen kann, mit was für einer ausgeklügelten und gewagten Konstruktion Geiger hier aufwartet. „Unter der Drachenwand“ kommt im Gewand eines nicht weiter erläuterten Konvoluts daher. Veit führt ein Tagebuch über sein Mondseejahr, Margots Mutter, Nannis Kurt und Oskar Meyer schreiben Briefe, die ihrerseits als kleinere Konvolute dazwischengeschoben werden – das offenkundige Aneinanderhängen jeweils etlicher Briefe führt zu jenen Wiederholungen, an denen es in lästigen oder katastrophalen Phasen des Lebens erst recht nicht mangelt. Es gibt Diagonalstriche, die still, aber ständig darauf stoßen, dass es in den „Originalen“ (und wie üblich bei handschriftlichen Texten) mehr Absätze gegeben haben dürfte als jetzt im Buch.

Geiger spielt jedoch nicht mit der Authentizität, überhaupt ist „Unter der Drachenwand“ von jeder Art von Spiel weit entfernt. Er stellt uns etwas vor, das echt so gewesen sein könnte. Das hat er so gut im Griff, dass er auf zwei Konventionen verzichtet: Auf die Figur, die die hier abgedruckten „Papiere“ gefunden hat (wie es noch in „Es geht uns gut“ der Fall war) oder wenigstens auf den Hinweis eines „Herausgebers“. Dabei gibt es sogar einige kurze Informationen darüber, wie es für die Figuren weiterging, sogar mit in Teilen nachvollziehbaren Adressangaben. Man wird sofort danach suchen, sich Straßenkarten ansehen. Alles Neckische geht dem ab. Vieles ist so erstaunlich oder spezifisch, dass Geiger es sich kaum ausgedacht haben kann. Aber der Roman gibt über die Geschichten, die er erzählt, keine weiteren Auskünfte. Die Literatur übernimmt die Regie, komplett.

Zur Konstruktion gehört auch die Wahl des Jahres 1944, Veits Jahr am Mondsee, das Jahr der Bombardierung von Darmstadt, der Besetzung Budapests durch die Wehrmacht, des Aufrufs zum „Volkssturm“: Ein Jahr, in dem die Niederlage kaum noch zu leugnen ist, die Verwickelten und Verzweifelten aber nicht wissen können, wie lange genau es noch dauern wird.

Zur Konstruktion gehört auch der gar nicht lose, vielmehr straffe Umgang mit den Themen: Dem fundamental Tödlichen, Sinnlosen, Verrohenden des Krieges, das sich all jenen bald erschließt, die an die Front müssen, nicht aber den schrecklichen Alten, die daheim in den noch unzerbombten Städten schwadronieren und der Jugend doch alles eingebrockt haben.


„Papa gab mir gute Ratschläge, alles hirnverbrannte Ideen, über die ich eine Wut bekam.“ Mit dem Aufruf zum Volkssturm erweist sich selbst das Gerede, Kinder seien das teuerste Gut des F. (die Wörter Führer und Hitler werden nicht ausgeschrieben), als Hohn. „Es gelang jetzt kaum noch jemandem, sich in unverfänglicher Distanz zum Krieg zu halten, alles, was jung und männlich war, riss der Krieg mit.“ Die Kraft der Ideologie ist gleichwohl hartnäckig. „Die Abschätzigkeit, mit der der Brasilianer über den F. sprach“, so Veit, „fand ich auch diesmal gewagt, die Partei war die Sinngebung meiner Jugend gewesen, und ich konnte mich auch jetzt von dem Gedanken, dass der F. ein großer Mann war, nicht gänzlich freimachen.“

Die Liebe, das ist ein großes Geheimnis und eine große Schönheit im Kern des Romans, existiert trotzdem, Oskar Meyer kennt sie, Veit lernt sie kennen.

Meistens spricht Veit. Anders als die anderen, alle gut voneinander zu unterscheidenden Stimmen wirkt er manchmal etwas zu klug, aber nie zu gebildet. Seine Sprache, seine Beobachtungsgabe scheint dann doch die eines Schriftstellers und weniger die eines jungen ausgelaugten Soldaten, der Angst vor Verblödung hat. Es ist brillant, dass ihm auffällt, wie Selbstmitleid und Verächtlichkeit die„fatalsten Gefühlsgeschwister“ darstellen oder wie der Vater und seine Nazi-Gesellen nie über sich lachen, immer nur über andere. Wie die Eltern die Wohnung mit Bildern des fernen Sohnes an der Front geschmückt haben: „Die Bilder hatten am Familienleben teilgenommen, ich am Krieg.“

Man glaubt dennoch jedes Wort, weil das Kluge, das Genaue so klug und genau ist, dass die Künstlichkeit zurücktritt. Über die Front selbst berichtet Veit wenig, teils mit den verbreiteten Soldatenwidersprüchen (hat er die Erschießungen von Zivilisten regelmäßig gesehen oder nur von ihnen gehört?). „Einmal in Russland fanden Kameraden und ich auf einer Wiese einen Totenkopf, ein beunruhigender Anblick, wir spielten mit dem Totenkopf Fußball, ich weiß auch nicht. Ich glaube, wir taten es aus Respektlosigkeit gegen den Tod, nicht aus Respektlosigkeit gegen den Toten.“

Die bereits während des Krieges gespürte und abgedrängte Schuld – nicht umsonst hat man auch eine Vorstellung vom Zorn der nun mächtig vorrückenden Roten Armee – ist präsent, nicht nur in dem Moment, in dem sich Veits und Oskar Meyers Augen treffen.

„Unter der Drachenwand“ ist auch ein Virtuosenstück über ein Thema, über das man im Prinzip keine Virtuosenstücke lesen möchte. Geigers noch nie so weit getriebene Meisterschaft kann aber selbst diesen Eindruck mit dem wirklich ungeheuren Sog der Geschichte abdrängen. Wie es dem nachgeborenen, 49 Jahre alten Geiger gelingt, Zeit und Menschen zum Leben zu erwecken, hat aber auch unheimliche Züge, nein nicht unheimliche Züge. Es ist unheimlich.

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