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Arno Geiger Die erträgliche Leichtigkeit des Seins

Arno Geiger erzählt in seinem neuen Roman „Selbstporträt mit Flusspferd“ von einem jungen Mann mit Schmerzen. Aber es wird schon werden, darf sich der Leser angesichts dieser hinreißend federleichten Hochsommergeschichte sagen.

„Schön wie ein Segelschiff in finstrer Nacht“. Foto: REUTERS

Zwischendurch lässt sich Arno Geiger in die Werkstatt schauen. Sein Erzähler macht Karate, eine Sache, die „ich immer für mich hatte“, und er ist auch nicht gerade unfroh darüber, dass sich unterm achtlos angezogenen, etwas knappen T-Shirt mit aufgedrucktem Clownsgesicht seine Muskeln abzeichnen. Er ist zweiundzwanzig.

Er schildert aber auch die paradoxe Übung, komplexe Bewegungsabläufe vollkommen natürlich zu vollziehen. „Der Geist soll sich frei bewegen, also so, dass man ihn nicht anwendet.“ Dann erklärt er: „So müsste man auch schreiben können, einfach und unpoliert. Ich kennen niemanden, der das professionell beherrscht.“

Der junge Erzähler ist Student der Veterinärmedizin, zu schreiben, noch dazu professionell zu schreiben, steht nicht auf seinem wenngleich noch denkbar unausgegorenen Lebensplan. Wie der Maler, der sich selbst fromm oder neckisch in einer Bildecke platziert, guckt hier der Autor unmaskiert um die Ecke. Er gibt uns einen Wink, er lenkt den Blick auf den federleichten Ton dieses Hochsommerromans, der dermaßen harmlos daherkommt, dass man ihn leicht unterschätzen kann. Bis man es selbst versuchte, zweifellos.

Solche Bücher gibt es viele, und viele missraten jämmerlich. Geradezu lässig begibt sich Arno Geiger zurück in die letzte Vor-Literaturkrisen-Zeit und lässt seinen jungen Helden an WG-Küchentischen über das Leben sinnieren, lässt ihn Trennungsschmerz und neue Liebe empfinden, aber nicht zu arg, lässt ihn auch an der großen weiten Welt des Schreckens und Terrors leiden. Aber wenn ihm etwas Privates dazwischenkommt, verpasst er schon auch das Ende der Geschichte.

Und er lässt ihn ein bisschen erwachsener werden, am Ende und allerdings wirklich nicht in der stärksten Szene des Buches, eher einer etwas rappelnden.

Der Erzähler als Jammerlappen

Die Potenzial zur persönlichen Katastrophe lässt Geiger hingegen links liegen. Das Schlimmste ist noch, dass der junge Mann in einen Schmodderteich plumpsen wird, in dem bis vor kurzem das titelgebende Zwergflusspferd seine täglichen Bäder genommen hat. Der Geschmack des Wassers kommt ihm aus früher Kindheit bekannt vor.

Es gelingt Geiger aber – „einfach und unpoliert“ –, so darüber zu schreiben, dass die drastische Überpsychologisierung eines kurzen Zurück-in-den-Mutterleib als Teil der Initiation zum Erwachsenwerden als kleine Posse vermittelt und keineswegs aufgeladen wird.

Wenn überhaupt, ist eine Spur Ironie im Spiel. Die Allgegenwart des Todes beginnt beispielsweise mit einem verwundeten Uhu im ersten Satz, dem der Erzähler nicht wird helfen können. „Der fällt in eine finstere Grube, den fängt niemand auf“, kommentiert er unerwarteterweise und ein wenig üppig, aber eigentlich doch angemessen.

Das Elegische, das man durchaus auch als jammerlappig bezeichnen kann, durchzieht das Buch. Worte dürfen, müssen dabei auf die Goldwaage gelegt werden, denn es geht nicht um Kaventsmänner (selbst wenn es gelegentlich so klingt), sondern um Unzen. Lobt die heikle Tochter ihren anstrengenden Vater, so entgeht dem Erzähler nicht, dass es ein getarntes Lob ist, „gut versteckt wie in den Wörtern Globus, kieloben und Hämoglobin“.

Der Erzähler als Jammerlappen also. Julian Birk, ein weiterer Beleg für die eindrucksvolle Fähigkeit Geigers, Jahrgang 1968, hinter einer vermutlich sehr anders gearteten Figur weitgehend zu verschwinden, trifft nach zehn Jahren seine ehemalige Freundin Judith wieder. Sie ist es, die den unrettbar verlorenen Uhu auf die Notfallambulanz bringt. Die nichts weiter sagende Begegnung setzt die Erinnerung an den Sommer der Trennung in Gang. „Ein junger Mann mit Schmerzen sein, ist eine Ganztagsbeschäftigung.“ (Einfachheit und Unpoliertheit geht hier stets vor Grammatik.)

Das Jahr 2004 wird dabei in jeder Hinsicht erkennbar, von der Musikauswahl auf der Party – selbstverständlich einer fürchterlichen Party – bis zu den politischen Ereignissen. Die Geiselnahme an einer Schule im nordossetischen Beslan nimmt Julian auf die Weise mit, auf die einen fernes, aber doch plastisch greifbares Grauen mitnimmt. Er ist auf einmal ungemein interessiert, aber den Sturm auf die Schule versäumt er schon wieder.

Er spiegelt sich im Flusspferd

Es ist heiß in Wien, Semesterferien, er übernimmt von einem Kommilitonen für einige Wochen den Job, auf ein vorübergehend privat untergebrachtes Zwergflusspferd aufzupassen. Es ist keineswegs klein und seltsam schön, „schön wie ein Segelschiff in finstrer Nacht, schön wie ein Priester im dunstigen Wald“.

Julian staunt immer wieder über „die Realitätsferne dieses Tieres“, die seiner eigenen entsprechen dürfte, wie das Zwergflusspferd ohnehin für Projektionen taugt. Aber nie knistert das Papier der Theorie, nie hört man eine Konstruktion knarren. „Ich beobachtete das Tier, ich empfand Zärtlichkeit für sein gemächliches, ängstliches, entscheidungsschwaches Wesen, ich glaube, wir hatten unsere Verwandtschaft vom ersten Tag an erkannt, vom ersten Tag an … dass wir den realen Anforderungen, die das Leben stellt, nur bedingt gewachsen waren.“

Es wohnt im Garten eines schwerkranken, sterbenden Professors (mit dem es wiederum teilt, ein „Auslaufmodell“ zu sein), dessen kapriziöse Tochter ebenfalls derzeit auf Besuch ist. Sie heißt Aiko, „sagen Sie einfach Prinzessin zu mir“, sagt sie.

Julian denkt an Judith – dass er sie verlassen hat, hindert ihn nicht daran, sehr beleidigt und deprimiert zu sein, Logik der Liebe –, aber Aiko gefällt ihm auch schon ganz gut. Es ist erstaunlich, wie flugs es Geiger gelingt, einen in all diesen Seelenkrimskrams hineinzuverwickeln. Eine nur ganz leicht tränenfeuchte Sommerbrise wird einen dabei umwehen, und der Geruch nach Flusspferd.

Einer der Gründe, weshalb „Selbstporträt mit Flusspferd“ ein so geglücktes Buch ist, liegt sicher darin, dass Julian natürlich nicht nur ein lahmer und larmoyanter, sondern auch ein reflektierter Zeitgenosse ist. Gewiss will er zum Beispiel nicht heim zur Mutter, im Gegenteil hat er, aus ländlicher Großfamilie stammend, eine kühle Beziehung zum familiären Idyll. „Kinder können mit Ungewissheit nichts anfangen, sie sind herrisch und rechthaberisch. Ich glaube, wenn Erwachsene darüber reden, dass sie sich das Kindliche bewahren wollen, den Kinderblick, dann deshalb, weil sie gerne herrisch und rechthaberisch sind, gegen alle Ungewissheit.“ Früh erklärt er: „Der Umstand, erwachsen zu sein, gefällt mir außerordentlich.“

Dass er am Ende noch erwachsener ist, sollte man insofern nicht zu ernst nehmen. Da ist es eher so, als wollte der Autor abrunden, was sich nicht abrunden lässt: eine Portion normales Leben. Morgen wird es schon genau so weitergehen.

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