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Antwort auf Ingo Schulze Die Würde, ein verletzliches Wesen

Die Autorin Kathrin Schmidt antwortet in einem Brief auf einen Beitrag von Schriftsteller Ingo Schulze, der auch in der FR erschienen ist: Sie sind noch da, die Beherrschten wie die Beherrschenden.

Marzahn
Die Berliner Großsiedlung Marzahn, hier am Helene-Weigel-Platz. Foto: Imago

Lieber Ingo,

für die Zeit einer Stadtschreiberschaft lebe ich im finnischen Tampere. Zum Frühstück lese ich auch hier deutsche Zeitungen, freilich online. Über Deinen Artikel war ich froh. Nicht nur, weil ich leider zu den Unsinnfaslern gehöre. Stets habe ich, und ich erinnere mich nicht, dass das je anders war, die Faust aufs Auge schlagen lassen, wenn ich etwas besonders passend fand. Dabei hast Du recht, es ist etwas Schmerzhaftes, etwas, das einer erst einmal die Sicht nimmt, kriegt sie es ab. Die Faust aufs Auge der Demokratie treffen zu lassen, ist ein Anschlag auf selbige. Ich danke Dir, dass Du mich darauf hinweist.

Ich danke Dir vor allem dafür, dass Du offen aussprichst, der Erregung über die AfD überdrüssig zu sein. Das bin ich auch, und ich kenne genug Leute, die das ebenso sehen, aber wohl vereinzelt oder in ihren Intimzellen abwarten, wer als nächster für diese Aussage eins auf die Mütze kriegt. Es gehört zum guten Ton, sich über die AfD aufzuregen und darauf zu pochen, ihr den Vorsitz in diesem oder jenen Regierungsorgan auf keinen Fall zu überlassen. Der Demokratie wegen, die aber doch gerade dadurch auch ausgehebelt wird, oder?

Du schreibst über den Sprachgebrauch und seine Verwunderlichkeiten. An einem Beispiel, das mir naturgemäß – ich habe bislang sieben Enkel – nahe ist, will auch ich gewissermaßen davon sprechen. Der Begriff des Beherrschtwerdens ist aus dem gesellschaftlichen Diskurs nahezu verschwunden, dabei reproduziert es sich nach wie vor und bestimmt das Leben einer nicht kleiner werdenden Zahl von Menschen.

Im Artikel 12 unseres Grundgesetzes steht, dass alle Deutschen (sic!) das Recht haben, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen. Wie unfrei dabei schon die Wahl der Ausbildungsstätte ausfällt, belegen inzwischen viele, auch internationale, Studien. In Deutschland bestimmt die soziale Herkunft den schulischen Werdegang der Kinder. Wer keine in der bundesdeutschen Beschäftigungshierarchie weit oben angesiedelten Akademiker als Eltern hat, wird deutlich seltener selbst einer. Wessen Eltern Hartz IV beziehen, wird das mit ungleich größerer Wahrscheinlichkeit als der des Zufalls eines Tages ebenso tun.

Wer aber in der Beschäftigungshierarchie weit oben steht, hat in der Regel auch räumlich keinen Zugang zur Hartz-IV-Welt und, außer der sehr gezielt medial vermittelten, keine Vorstellung davon, wie Leute damit leben. Wie sie essen, trinken, sprechen, spielen, die Welt sehen. In den Berliner Großsiedlungen von Marzahn-Hellersdorf lebt ein Drittel der Menschen von Hartz IV, in den zum Bezirk gehörenden sogenannten Siedlungsgebieten nur jeder Zwanzigste. Im Bezirk wachsen 39 Prozent aller unter 15-Jährigen in Hartz-IV-Familien auf, bei den Untersechsjährigen sind es gar 41 Prozent. Nicht mehr weit bis zur Hälfte. Sie leben in den Großsiedlungen, während zum Beispiel in Mahlsdorf, meiner netten Einfamilienhausgegend, nur drei Prozent aller Haushalte SGB II, wie Hartz IV haushaltsrechtlich heißt, beziehen. Nachzulesen im Sozialbericht 2015 auf der Website des Bezirksamtes.

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