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ANTON THUSWALDNER Kinder, seid ihr schlaff

Arno Geigers kraftvoller Roman "Uns geht es gut" erzählt von der Gewalt des Generationenkonflikts

19.10.2005 00:10
Die Illustrationen dieser Literatur-Rundschau stammen von Maria Luisa Witte. Sie wurde 1974 in Buenos Aires geboren, studierte in Hamburg Illustration und lebt und arbeitet dort. Ihre Zeichnungen zum Thema Buch und Lesen wurden auf Papier in Mischtechnik hergestellt (Akryl, Buntstift, Tusche). Mehr Informationen gibt es auf der Website von Maria Luisa Witte: www.marialuisa.de

Philipp verzettelt sich, tanzt aus der Reihe. Er bildet den unschicklichen Endpunkt einer Familientradition, denn mit seiner Person kommt die Erfolgsgeschichte zum Schluss. In dieser Hinsicht bleibt Arno Geiger, dessen jüngster Roman Es geht uns gut in der stattlichen Reihe der Familiensagas eine rundum gute Figur macht, ganz konventionell. Am Ende steht der Versager aus eigenem Willen, der die Früchte seiner Vorfahren erntet und ohne Ehrgeiz, ohne Plan in die Zukunft lebt. Philipp verkörpert den Taugenichts, mit dem kein Staat zu machen ist. Er hat ein Haus geerbt, auf dessen Vortreppe er gern sitzt, sinniert oder die Zeit verstreichen lässt. Er hat es zu nichts gebracht, selbst seine Liebschaft erweist sich als halbherzige Sache. Johanna, die Fernseh-Meteorologin, ist verheiratet, verbringt sporadisch ein paar Stunden mit ihm, und beide haben sich in dieser Zwischenlage, die niemandem lästige Verpflichtungen aufhalst, recht wohl. Dann und wann schaut die Briefträgerin vorbei für ein paar flüchtige Liebesmomente.

Der junge Mann lebt ganz in der Gegenwart. Mit seiner Existenz des puren Seins stört er den Roman, der österreichische Geschichte am Beispiel dreier Generationen erzählen und es bei der Feier des Hier und Jetzt nicht belassen will. Denn mit Philipp kommt nicht nur eine Familie an ihr Ende, sondern eine ganze Epoche. Der Schwung, der Menschen voranpeitscht, die Wirklichkeit nach ihren eigenen Vorstellungen zu verändern, ist verpufft. Nichts Neues unter der Sonne, so sieht der traurige Befund aus, und das Alte taugt auch nicht mehr viel. Mit Philipp betreten wir das Zeitalter, in dem das Menschenmögliche keine großen Sprünge zulässt. Fast sieht es so aus, als wäre die Geschichte an ein Ende gekommen.

Aber was heißt schon Geschichte! Geiger konzentriert sich auf das, was die Essenz eines einfachen Lebens ausmacht. Wie sieht, so lautet die Frage, die im Untergrund ständig rumort, Geschichte aus, wenn man sie nicht an den Daten eines Staates, an den Errungenschaften der Politik, am Wellenschlag der herausragenden Ereignisse dingfest macht, sondern an den Alltagskämpfen von Menschen, die sich mit ihren Familienmitgliedern herumschlagen müssen? Wie ist die Identität eines Landes beschaffen, wenn man sie über die Alltagsverflechtungen seiner Bewohner erfahren möchte? Jede Lebenswirklichkeit ist von ganz und gar eigenständiger Prägung, und doch sind die Irrungen und Wirrungen, die ein einzelnes Leben durchmacht, repräsentativ für eine Generation. Geschichte nach Arno Geiger ist kein fortschreitender Prozess, schon gar keiner, der sich Schritt für Schritt einer höheren Ebene zubewegt. Geschichte manifestiert sich in Individuen, die jedes für sich im Konflikt der Generationen der Zeit eine neue Prägung aufdrücken. Jede Generation behauptet, Recht zu haben gegen die Eltern und Großeltern, die sowieso verschwinden im Sog der Geschichte.

Triumphbögen errichtet Arno Geiger keinem. Er weiß, dass jede Lebenswirklichkeit, die sich durchsetzt, ohnehin nur eine auf Zeit ist. Eine neue Generation wartet nur darauf, sie zu kippen, zu verhöhnen, ihr den Garaus zu machen, sie zu ersetzen durch eine andere, der auch schon ein Ablaufdatum, das noch keiner kennt, eingeschrieben ist. Die Kraft, die Geschichte vorantreibt, sind weder Klassenkampf noch der Kampf der Geschlechter, es ist der Konflikt der Generationen.

Philipp gehört bei Arno Geiger das erste Wort und das letzte in diesem Roman, der sich nicht einen einzigen Standpunkt zunutze macht, sondern sich mehrere Perspektiven aneignet. Jedes der 21 Kapitel greift einen Tag Familiengeschichte heraus. Geiger sucht die Atmosphäre einer Zeit, die Stimmung, denen sich Menschen ausgesetzt fühlen und die sie kraft ihres Einsatzes verstärken. Den Tüchtigen, denen die Welt gehört, schenkt der Autor seine Aufmerksamkeit, auf dass sich die Tatenlosigkeit Philipps nur umso schärfer absetzt von den Vorgängern. Es gab Generationen, die Arbeit noch zu adeln vermochte, die ihre Kraft darauf verwendete, ihre Gegenwart zu gestalten. Philipp, Held der Verlorenen, der Abschied genommen hat von der Illusion, dass er einzugreifen vermag in seine Gesellschaft, zieht sich in den geschützten Bereich seines Inneren zurück. Im Österreich der Allianz konservativer Mächte ist eine umfassende Lethargie über die Menschen hereingebrochen.

Mit Philipps Großvater Richard war noch ein Staat zu machen. Er spielt in den Nachkriegsjahren Österreichs als Minister eine Rolle, als in zähen Verhandlungen den Russen ein Staatsvertrag abgerungen wird. Er leidet an chronischen Zahnschmerzen und an seiner Tochter Ingrid, die sich mit 19 Jahren störrisch ein eigenes Leben plant. "Ich verhandle nicht jahrelang mit den Sowjets", lässt er sie beim Frühstück wissen, "damit meine Tochter in der Zwischenzeit den Verstand verliert. Siebzehn Jahre lang haben jetzt andere über uns bestimmt. Und jetzt, wo sich die Verhältnisse ein wenig klären und man endlich wieder Herr im eigenen Haus wird, lasse ich mir den Unfrieden nicht von der eigenen Tochter hereintragen." So bekommen Familien-Angelegenheiten den Charakter einer Staatsaffäre!

Die jüngere Generation wiederum meint es ernst mit der Liebe. "Die Welt verändert sich, sie verändert sich an Stellen, von denen man es nicht erwartet: In der Gestalt von Töchtern zum Beispiel." Ingrid nimmt ihr Leben selber in die Hand. Sie heiratet den Mann, den sie will, ungeachtet seiner gesellschaftlichen Stellung, sie lässt sich zur Ärztin ausbilden und sorgt sich um den Haushalt. Sie steht für die überforderte Generation der Frauen, die die Tatkraft entdeckt und ein Hintergrunddasein im Schatten des Mannes aufgibt. Sie lebt im seltsamen Widerspruch, gleichzeitig aufmüpfig und angepasst zu sein. Sie kündigt die Konvention auf, als Frau von den wichtigen Posten weggesperrt zu werden und erkauft sich diese neue Freiheit um den Preis verstärkten Raubbaus am eigenen Leben. Überall lauern Erwartungen und Ansprüche an sie, das Ich ist gezwungen, in Lauerstellung zu verharren, um sich kleine Nischenplätze zu sichern. Aber sie gehört zu jenen, die die neue Zeit schaffen und mit ihrem Minister-Vater abrechnet: "Am liebsten würde sie sagen: Papa, gib die Hoffnung auf, dass sich die Ordnung deiner Eltern nochmals wiederholt."

Was ist aus ihnen geworden, aus all diesen Toten, die täglich mehr werden?

Ingrid stirbt einen düsteren Tod. Die Familie macht Ferien, sie springt von einem Boot in die Donau und taucht nicht mehr auf. Sie verfängt sich mit ihrem Armreifen in einem alten Fahrrad auf dem Grund des Stromes und verursacht damit quälende Fragen. Warum hat sie sich nicht des Armreifens entledigt? Schaffte sie es nicht mehr oder fand sie sich mit ihrem Schicksal ab? Ist der Tod gar als Kritik am Selbstbewusstsein ihrer forschen Generation zu werten?

Philipp sitzt die Familiengeschichte im Nacken. Er fühlt sich bedrängt durch die Geschichte, auf deren Boden er steht. "Was ist aus ihnen geworden, aus all diesen Toten, die täglich mehr werden?", fragt er sich. Mit solchen Grübeleien befindet sich einer von vornherein auf verlorenem Posten. Philipp entsorgt kurzerhand die Geschichte, mit der er nichts zu schaffen haben will. Auf dem Dachboden des Großeltern-Hauses, in dem Tauben eingezogen sind und ein fürchterliches Chaos aus Dreck und Federn angerichtet haben, sollen zwei Arbeiter Ordnung schaffen. In einer gewaltigen Kraftanstrengung wird ausgemistet, und so entledigt sich Philipp symbolisch mit einem Schlag der dort eingelagerten Vergangenheit. Die ganze Geschichte, aufgehoben in Briefen, Fotos, Dokumenten, landet auf dem Müllhaufen.

Arno Geiger, Jahrgang 1968, legt den geschichtsskeptischen Roman seiner Generation vor. Er hegt keine Illusionen, verwirft aber die Geschichte nicht respektlos wie Philipp, um unbehelligt weiterleben zu können. Er sichtet die Vergangenheit nüchtern wie ein Dokumentarist, um seine Schlüsse zu ziehen. Mit diesem, seinem vierten Roman hat sich Geiger in die vorderste Reihe der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur vorgearbeitet.

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