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Anthropologie Kein Wir-Gefühl im Pongoland

Michael Tomasello macht sich auf die Suche nach den "Ursprüngen der menschlichen Kommunikation". Seine Thesen: Sprache ensteht in der Kooperation. Von Volker Sommer

27.09.2009 00:09
Volker Sommer
Porträt eines in Iowa lebenden Bonobo. Foto: bilderberg

Warum formiert sich im Leipziger Zoo kein FC Pongoland - trotz Dutzender ballgewandter Orang-Utans, Bonobos, Gorillas und Schimpansen? Einer der wenigen, der Motivationen nicht nur von Menschenkindern sondern auch von nichtmenschlichen Primaten erforscht, antwortet in seinem neuen Buch: Menschenaffen fehlt das Wir-Gefühl; sie können deshalb keine Taktik abstimmen.

Seit einem guten Jahrzehnt leitet der Amerikaner Michael Tomasello am seinerzeit in Sachsen gegründeten Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie die Abteilung für vergleichende und Entwicklungspsychologie. Die dortigen Forschungen zu sozial-kognitiven Prozessen bei Menschen, Menschenaffen und Hunden sind Weltklasse. Ein großzügiger Etat segnet Tomasello mit exzellenten Mitarbeitern und offenbar genügend Zeit zum Bücherschreiben. Sein letztes krönt jene Trilogie, mit der Tomasello menschliche Spezifika rekonstruiert, nämlich Kultur (1999), Spracherwerb (2003) sowie Kommunikation (2008), das jetzt auf Deutsch erschienen ist.

Die Thesen von "Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation" lauten: Kommunikation hat ihren Ursprung in Kooperation; Sprache entspringt nicht vokalen Urformen, sondern Zeigegesten und Pantomime; der spezifische Unterschied zu Menschenaffen ist jenes Wir-Empfinden, das kollektive Intentionen erlaubt.

Zwar können auch Menschenaffen andere als absichtsvoll Handelnde begreifen - und somit Gedanken lesen - und ein Fußballspiel aufmerksam verfolgen. Doch vermögen sie nicht, die soziale Vogelperspektive einzunehmen, die es Mannschaftsmitgliedern erlaubt, aufeinander abgestimmte Rollen zu spielen.

Die These basiert auf Forschungen im Leipziger Zoo, in dem das Max-Planck-Institut das Wolfgang-Köhler-Primaten-Forschungszentrum mit Tomasello als Kodirektor betreibt. Die Einrichtung ehrt die Pionierstudien von Wolfgang Köhler (1887-1967) zu mentalen Fähigkeiten von Menschenaffen. Sein Schimpanse Sultan ging in Lehrbücher ein, weil er nicht durch Herumprobieren, sondern kopfakrobatisches Nachdenken kurze Stöcke mit Röhrchen zusammensteckte, um an außer Reichweite befindliche Bananen zu gelangen.

Dass auch Tiere zu "Einsicht" fähig sein mögen, wurde in den Folgejahrzehnten vielfach verworfen, revidiert und erneut geprüft. Diese Tradition hat Tomasello um explizite Vergleiche mit Menschen ausgeweitet. Damit treibt er im stetig breiter werdenden Fahrwasser einer naturalistischen "Phänomenologie des Geistes". Der 200 Jahre alte Meilenstein der Philosophie sei genannt, weil der Hegelpreis der Stadt Stuttgart dieses Jahr an Tomasello geht.

Somit sind naturgeschichtliche Deutungen mittlerweile selbst im kulturistischen Lager hoffähig - obwohl Menschen dort bisher als Tabula rasa auf die Welt kamen. Tomasello ist wohl deshalb gelitten, weil er kaum als biologischer Determinist missverstanden werden kann. Denn er verwirft populäre nativistische Thesen: die von Noam Chomsky, wonach Sprachfähigkeit auf angeborener universeller Grammatik aufbaut, als auch die Modularitätstheorie, die menschlichen Geist gleich Schweizer Taschenmessern organisiert sieht, mit angeborenen Adaptionen für je spezifische Bereiche.

Tomasello glaubt nicht an solche Blaupausen. Vielmehr sei es die auf gegenseitiges Informieren und Teilenwollen angelegte soziale Verfasstheit, die es Menschenkindern erlaubt, Denken im vollen menschlichen Sinne zu entwickeln. Was Kulturen dann als vokale Grammatiken ausbilden, folgt im Nachhinein und ist entsprechend unterschiedlich. Bei anderen evolutionären Anthropologen trifft Tomasello allerdings nicht nur auf Gegenliebe. Rein faktisch ist zunächst problematisch, dass er Lautsignale von Tieren - im Unterschied zu Gesten - als instinktiv und unflexibel ansieht und damit als untaugliche Fundamente für Sprache. Dem widersprechen Studien von Meisen über Paviane bis Meerkatzen, die Variabilität nicht nur in der Modulation, sondern auch in der Kombination von Lauten belegen. Außerdem: Selbst wenn Gesten der Sprache Anbeginn wären, übernahm der angeblich so unflexible Lautapparat irgendwann doch die Hauptrolle - womit wir wieder beim Anfangsproblem landen.

Auf theoretischer Ebene erscheint das Primat einer kooperativen Motivation unausgegoren. Das beißt sich mit jener Theorie der "Machiavellischen Intelligenz", wonach zu erwarten ist, dass soziale Akteure eigennützig handeln. Bei Kommunikation geht es demnach zunächst nicht um Information, sondern um Manipulation - Zusammenarbeit entsteht sekundär, falls Individualismus unter dem Strich weniger Vorteile bietet. Am schwersten wiegt der Verdacht, dass Tomasello nach einem grundlegenden Unterschied zwischen Mensch und Tier fahndet. Derlei Suche wird stets fündig, weil sich Begriffe stets so weit ausdefinieren lassen, bis alle anderen Lebewesen außen vor bleiben.

Nach inzwischen ad acta gelegten Kriterien wie Werkzeuggebrauch oder Zukunftsplanung lautet der letzte Schrei dieser Sonderstellungsphilosophie nun: Wir-Gefühl. Das gehe Menschenaffen ab und mache uns Menschen einzigartig.

Andere Verhaltensbiologen meinen hingegen, Tomasello könne zwar im Ohrensessel schreiben, verstehe aber von natürlich lebenden Primaten entsprechend wenig. In der Tat ignoriert er 50 Jahre Freilandforschung in Urwäldern und Savannen praktisch vollständig. Stattdessen denkt er sich Tests aus, bei denen in Gefangenschaft aufgewachsene Primaten schlechter abschneiden als wohlbehütete deutsche Kindergärtler.

Wen wundert´s? Denn verkündet nicht gerade Tomasello, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt? Eben deshalb können in Heimen aufgewachsene Menschenwaisen sich zu sozial Blinden entwickeln. Das soll nicht heißen, dass es sich in Pongoland nicht gut lebt. Doch werden die Menschenaffen hier nicht mit jener ökologischen und sozio-emotionalen Komplexität konfrontiert, die sie in ihren Urwaldheimaten heranreifen lässt.

Wenn schon nicht im wilden Wald, so könnte Tomasello zumindest in den Korridoren seines Instituts ein geteiltes Wir suchen. Dort könnte er zuweilen Christophe Boesch treffen. Als Leiter der auf Freilandprimatologie spezialisierten Abteilung ist Boesch davon überzeugt, dass Schimpansen bei ihren gemeinsamen Jagden auf Affen durchaus aufeinander abgestimmte Rollen einnehmen: vom Treiber über den Blockierer des Fluchtweges bis zum Fänger. Ein kollektives Ziel dürfte sich auch in den aggressiven Expeditionen in die Territorien benachbarter Schimpansengesellschaften widerspiegeln. Die können in geradezu militärisch anmutende, sich über Jahre hinziehende Ausrottungskämpfe kulminieren.

Mehr Demut stünde Tomasello schon deshalb an, weil er in den 90er Jahren dezidiert vertrat, Menschenaffen könnten sich nicht in andere hineinversetzen. So schienen Versuche zu belegen, dass Schimpansen den Zusammenhang zwischen Sehen und Wissen nicht begreifen. Sie sollten beim Erbetteln von Nahrung zwischen einer Person mit Augenbinde wählen und einer, die sie ansehen konnte. Zur Überraschung der Tester bettelten die Menschenaffen die Sehenden nicht häufiger an als die Sehbehinderten. Im Laufe der Zeit gelangte Tomasellos Arbeitsgruppe allerdings zu der Einsicht, dass Schimpansen in ihrer Naturgeschichte weniger mit Kooperation als mit Konkurrenz konfrontiert wurden. Wird das Experiment entsprechend in eine Wettbewerbssituation abgewandelt, dann wählt ein Niedrigrangiger systematisch jene Leckerbissen, die ein Hochrangiger nicht sehen kann. Offenbar versteht er doch, was der andere sieht und damit weiß und will.

Dass Tomasello bereit ist, eigene Thesen zu widerlegen, belegt die Exzellenz seiner Wissenschaft - auch wenn er die in Fachzeitschriften publizierte Kehrtwende in seinem Buch nur mit einem Halbsatz erwähnt.

Das Fußballbeispiel stammt übrigens nicht von Tomasello. Wer sein Buch liest, vermisst derlei spielerische Leichtigkeit. Stattdessen wimmelt es von Fachausdrücken, Wiederholungen, Zusammenfassungen, Zitaten der Primärliteratur. Keine Spur jenes Lesevergnügens, das andere Primatologen wie Frans de Waal, Robert Sapolsky oder Jane Goodall bescheren. Da werden die Akteure zu Personen in Geschichten, die uns anrühren. Warum trägt Tomasello kein solches Herz auf der Zunge, warum bleiben seine Ausführungen so holzschnittartig? Vielleicht will er dem Vorwurf des Anthropomorphismus den Wind aus den Segeln zu nehmen. Vielleicht fehlt ihm auch Fingerspitzengefühl für die ökologische, soziale und mentale Vielfalt von Primatenexistenzen.

Dass die Laudatio auf den frischgebackenen Hegelpreisträger von Jürgen Habermas gehalten werden wird, dürfte der Wahrheitsfindung kaum dienlich sein. Denn auch der kennt bestenfalls den Dschungel der Großstadt.

Volker Sommer ist Professor für evolutionäre Anthropologie am University College London.

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