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Anthony Doerr "Alles Licht, das wir nicht sehen" Alles, was man nicht sehen wollte

Anthony Doerrs zweiter Roman erzählt eindringlich vom Toben des Zweiten Weltkriegs im nationalsozialistischen Deutschland und im besetzten Frankreich.

22.06.2015 16:49
Petra Pluwatsch
Amerikanische Fallschirmspringer im französischen Carentan, 6. Juni 1944. Foto: REUTERS

Wir schreiben den 7. August 1944. Flugblätter regnen vom Himmel, hinunter auf Saint-Malo an der bretonischen Küste. „Sie wehen über die Befestigungsmauern, fliegen radschlagend über die Dächer und flattern in die Schluchten zwischen den Häusern. Ganze Straßen sind von ihren Wirbeln erfüllt, weiß blitzen sie auf dem Pflaster. Dringende Mitteilung an die Bewohner dieser Stadt, steht auf ihnen. Begeben Sie sich sofort aufs offene Land. Die Flut steigt. Klein, gelb und bucklig hängt der Mond am Himmel.“

Eine Person geht nicht an diesem verhängnisvollen 7. August 1944, als die Amerikaner die von den Deutschen besetzte Stadt unter Beschuss nehmen und fast völlig zerstören: Die blinde Marie-Laure aus Paris bleibt in Saint-Malo, weil sie niemanden hat, der sie aus der Gefahrenzone herausführt. Die 16-Jährige ist die stille Heldin in einem Roman, der so empathisch und erschreckend eindringlich vom Toben des Zweiten Weltkriegs erzählt, dass man sich fast ducken möchte unter den Detonationen der niedergehenden amerikanischen Bomben. Kürzlich wurde „Alles Licht, das wir nicht sehen“, so der Titel dieses fabelhaften Buchs, mit dem renommierten Pulitzer-Preis für Belletristik ausgezeichnet.

Sein Autor Anthony Doerr, 1973 in Cleveland (Ohio) geboren, ist in der amerikanischen Literaturszene kein Unbekannter. Der studierte Historiker erweist sich nicht zum ersten Mal als genialer Erzähler, der über eine bemerkenswerte Sprachgewalt und große Lust am Fabulieren verfügt. „All the Light We Cannot See“, so der Titel des 2014 erschienenen Originals, ist bereits sein zweiter Roman. Das Weltkriegsdrama schaffte es im vergangenen Jahr in die Endrunde für den begehrten „National Book Award“ (den schließlich Phil Kley für seinen Roman „Redeployment“ erhielt). Ende Dezember verdrängte es John Grishams Justizthriller „Gray Mountain“ (dt. „Anklage“) von Platz eins der „New York Times“-Bestsellerliste.

Kaleidoskop des Weltkriegs

Bekannt jedoch wurde Doerr vor allem durch seine Kurzgeschichten. Für die Erzählbände „The Shell Collector“, in Deutschland 2007 unter dem Titel „Der Muschelsammler“ veröffentlicht, und „Memory Wall“ wurde er mehrfach ausgezeichnet. Seine Erzählungen finden sich in der jährlich erscheinenden Sammlung „Beste amerikanische Kurzgeschichten“ und der nicht minder renommierten „Scribner Anthology of Contemporary Short Fiction“. So wundert es nicht, dass auch Doerrs jüngster Roman trotz seines beachtlichen Umfangs geprägt ist von der Affinität des Autors zur kurzen Erzählform.

„Alles Licht, das wir nicht sehen“ ist ein erzählerisches Kaleidoskop des Zweiten Weltkriegs. Es besteht aus einer Vielzahl von Szenen, deren Schilderungen mitunter kaum mehr als zwei oder drei Seiten umfassen. Schlaglichtartig und pointiert beleuchten sie die Vorkriegszeit und das Kriegsgeschehen zwischen 1940 und 1945 in Deutschland und Frankreich: Die Flucht der Pariser Bevölkerung vor den heranrückenden deutschen Truppen. Den vorsichtigen Widerstand der Menschen in Saint-Malo. Die Nöte der jüdischen Bevölkerung.

Im Mittelpunkt des Geschehens stehen das Mädchen Marie-Laure, das mit dem Vater in Saint-Malo Zuflucht sucht, und ein Waisenjunge aus dem Ruhrgebiet: Werner Hausner. „Er ist zu klein für sein Alter, seine Ohren stehen ab, und seine Stimme ist hoch und lieb. Das Weiß seines Haars lässt die Leute auf der Straße innehalten. Schnee, Milch und Kreide.“ Irgendwann im Verlauf des Krieges werden sich die beiden treffen. Zueinanderfinden werden sie nicht.

Doerr urteilt nicht

Werner ist ein technisches Genie. Jedes Radio kann er reparieren, und so bleibt es nicht aus, dass man an offizieller Stelle aufmerksam wird auf das bemerkenswerte Talent des elternlosen Jungen: Werner wird in die „Nationalpolitische Erziehungsanstalt“ Schulpforta aufgenommen. Eindringlich schildert Doerr die rigiden Erziehungsmethoden der Nationalsozialisten und die täglichen Demütigungen, denen die „Jungmänner“ ausgesetzt sind. Auch Werner erliegt anfangs den Einflüsterungen der Nazis und ist bereit, sein Leben in den Dienst von „Führer, Volk und Vaterland“ zu stellen.

Doerrs Verdienst ist es, dass er nicht urteilt. Nicht über Werner, der seine Augen verschließt vor den Bestrafungsritualen eines mörderischen Regimes. Nicht über Stabsfeldwebel von Rumpel, der sich an den Schätzen der Besiegten bereichert. „Alle sind in ihren Rollen gefangen: Waisen, Jungmänner, Frederick, Volkheimer, die alte Jüdin oben im Haus.“

Ein bemerkenswerter historischer Roman, der genau zum richtigen Zeitpunkt kommt: 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs.

Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen. Roman. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. Verlag C.H. Beck, 528 S., 19,95 Euro.

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