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Annette von Droste-Hülshoff „Die Judenbuche“ als Graphic Novel

In der klug durchdachten Comic-Adaption von Annette von Droste-Hülshoffs Literaturklassiker „Die Judenbuche“ trifft die Dichterin ihren eigenen Protagonisten.

Die Judenbuche als Graphic Novel
Das Opfer kennt seinen Mörder - doch das Publikum bleibt im Ungewissen. Foto: Ahlering/Voloj/Knesebeck

Die Graphic Novel beginnt wie ein Sonntagskrimi: In einem verschneiten Wald führt ein jüdischer Händler im letzten Tageslicht Vieh und Wagen heimwärts. Ein Knacken im Geäst lässt ihn aufhorchen. Da tritt hinter einem Baum sein Mörder hervor. Der Arglose kennt den Angreifer, das Publikum hingegen sieht ihn nur von hinten. Dann liegt das Opfer erschlagen unter einer Buche – es ist jener Baum, an dem am Ende der Geschichte ein Selbstmörder hängt. Der Täter, so scheint es, hat sich am Tatort selbst gerichtet.

In ihrer Comic-Adaption der „Judenbuche“ nach der Erzählung von Annette von Droste-Hülshoff stoßen uns Illustratorin Claudia Ahlering und Autor Julian Voloj mitten hinein ins dramatische Geschehen – und weichen damit gezielt von der literarischen Vorlage ab.

„Die Bekanntheit der Novelle machte uns zunächst Sorgen“, schreibt der Literaturwissenschaftler Voloj in seiner Nachbemerkung. „Während Droste-Hülshoff in ihrer Milieustudie langsam auf Mordfall und Selbstmord hinarbeitet, haben wir uns entschieden, damit zu beginnen und zu enden. Daraus entsteht bei uns der Erzählbogen, der auch Schuld und Sühne symbolisiert.“

Historischen Mordfall aufgegriffen 

Dass die Dichterin weit ausholte für ihre Kriminalnovelle, die sie in den 1830ern aus dem Stoff eines historischen Mordfalles aus dem Paderborner Land formte, hat seinen Grund. Ursprünglich plante sie ein „Westfalen-Buch“, in dem sie Gebräuche, Landschaft, Menschenschlag und Volksglauben ihrer Heimat beschreiben wollte. Ihr „Sittengemälde aus dem gebirgigten Westfalen“ (den Titel „Die Judenbuche“ erfand der Redakteur Hermann Hauff, als die Erzählung 1842 in Fortsetzungen im renommierten „Morgenblatt für gebildete Leser“ erschien) sollte hier eingebettet werden.

So kommt es, dass Leser der Droste-Novelle vor dem ersten Todesfall Landstrich und Bevölkerung kennenlernen. Die Dorfbewohner sind durch klägliche landwirtschaftliche Erträge, durch Kriege, Brand und Seuchen, aber auch Abgaben an die Grundherren schwer belastet, und der Wald ist der Schauplatz, auf dem der Konflikt ausgetragen wird. Der Adel erhebt Besitzansprüche auf Forst und Wild, die Dörfler betrachten beides als frei verfügbar, denn „das Holz lässt unser Herrgott frei wachsen, und das Wild wechselt aus eines Herren Lande in das andere; die können niemand angehören“. So schlagen des Nachts die „Holzfrevler“ Schneisen, mit den Förstern Katz und Maus spielend. Verhasster als die Förster sind nur die Juden.

Die Dichterin erlebte die Verhältnisse vor Ort selbst mit: „Das Wilddieben und Holzstehlen geht überhaupt noch seinen alten Gang“, schrieb sie 1839 an ihren Freund und Mentor Christoph Bernhard Schlüter, „man kann nach Sonnenuntergang nicht spazierengehn, ohne Banditengesichtern mit Säcken zu begegnen ...“

 Den „abgeschlossenen Erdwinkel ohne Fabriken und Handel“ kannte die im Münsterland geborene Autorin von vielen Besuchen: Es war die Heimat ihrer Mutter, die aus einer der bedeutendsten Adelsfamilie im Paderbornischen stammte. Urgroßvater und Großvater der Dichterin waren als Gutsherren und Ortsrichter in die Untersuchungen involviert, die dem tatsächlichen Mord am jüdischen Händler Soistmann Berend und dem späteren Suizid des mutmaßlichen Täters Hermann Georg Winckelhan folgten, und einer ihrer Onkel veröffentlichte den Bericht auf Grundlage der Gerichtsakten. Annette von Droste schöpfte aus naher Quelle, als sie den Fall literarisch verarbeitete.

Eine Kindheit voller Gewalt

Was macht einen Menschen zum Mörder? Für ihre doppelbödige Novelle ersann die Autorin eine Vorgeschichte, an der sich nach dem spektakulären Einstieg auch die Comic-Adaption orientiert. Ahlering und Voloj schildern die von Alkoholismus und häuslicher Gewalt geprägten Familienverhältnisse, in denen der Protagonist Friedrich Mergel aufwächst, konsequent aus der Perspektive des Kindes. Eindringlich setzen sie seine Alpträume ins Bild, lassen die „Windsbraut“ durch die Stube fahren in der Nacht, als Friedrichs Vater nicht mehr zurückkehrt.

Wer die Novelle gelesen hat, erkennt sogleich den zwielichtigen Onkel mit dem hechtsartigen Gesicht, unter dessen demoralisierenden Einfluss der Neunjährige nach dem Tod des Vaters gerät, oder den Johannes Niemand, Alter Ego des zum hochmütigen Dorfelegant heranwachsenden Friedrich, an dessen schlaksiger Gestalt.

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