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Annette von Droste-Hülshoff Die Dichterin ist ihm zugetan

Karen Duves historischer Droste-Hülshoff-Roman „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ erzählt vom folgenreichen Komplott, das missgünstige Männer 1820 gegen die Dichterin schmieden.

Droste
Annette von Droste-Hülshoff, hier 18 Jahre später, 1838. Foto: epd

Der Stoff scheint wie geschaffen für einen Roman, und so war es nur eine Frage der Zeit, bis jemand ihn zu Papier bringt: Eine verbotene Liebe in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs, der alte Standes- und Konfessionsgrenzen schon bald einreißen wird; ein prominentes Paar – er zu Lebzeiten als „neuer Goethe“ umjubelt, sie die künftige Dichterfürstin Deutschlands. Und eine Intrige, die alles zerstört. 

In „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ hat Karen Duve die Geschichte der durch missgünstige Verwandte und Freunde hintertriebenen Verbindung zwischen Annette von Droste-Hülshoff und Heinrich Straube zu einem historischen Roman verarbeitet. Auf ein „Geheimnis“ sei sie gestoßen, erzählte sie unlängst dem Publikum auf der Frankfurter Buchmesse: Annette von Droste, diese als eher verstaubt geltende, zeitlebens unverheiratete Schriftstellerin aus dem Biedermeier, hatte romantische Gefühle! Männer waren fasziniert von dem kleingewachsenen, kurzsichtigen Adelsfräulein mit ihrem wachen Geist, ihrem vorlauten Mundwerk und ihrem mitunter beißend-spöttischen Humor. „Das war ein ganz schön lebendiges und freches Wesen, habe ich feststellen müssen!“

Wer sich in Droste-Gedichte vertieft, kann das durchaus erahnen, und auch die Liebes-Falle, in die man die 23-Jährige im Sommer 1820 lockt, ist nicht wirklich ein Geheimnis: Der Vorfall, dramatisierend als „Jugendkatastrophe“ der Dichterin in die Literaturgeschichte eingegangen, ist aus erhaltenen Briefen überliefert. Duve schöpft aus zahlreichen historischen Quellen und schildert entsprechend kenntnisreich die Familienverhältnisse bei den Droste-Hülshoffs und die Bedingungen, unter denen sie mühsam vom rückständigen Münsterland ins kaum fortschrittlichere Ostwestfalen zur Familie der Mutter reisen. Dort, auf dem Bökerhof bei Brakel im Paderborner Land, pflegen ihre Stiefonkel August und Werner von Haxthausen ein Netzwerk von Literaten, Künstlern und Wissenschaftlern. Ludwig Emil Grimm, der Maler, wird sich in seinen Memoiren an „schöne, fröhliche, freie Tage“ auf dem Bökerhof erinnern, sein Bruder Wilhelm verguckt sich dort in Annettes Schwester Jenny (und lässt sich von ihr und anderen Frauen der Familie Märchen zuliefern). Wenn die Kerle unter sich sind, schwadronieren sie augenzwinkernd über die legendären Treibhäuser der Haxthausens. 

Von Anfang an hat Annette von Droste einen schweren Stand auf dem Bökerhof. Die belesene Nichte ist zu schlau und zu emanzipiert für die Patriarchen-Familie. Ihrem in einem studentischen Poetenclübchen dilettierenden Onkel ist sie haushoch überlegen, spielt literarisch in einer anderen Liga. Und sie weiß es. Annette tritt selbstbewusst auf – und gilt drum als vorlaut und suspekt. Was August offenkundig so sehr reizt, dass er die fast gleichaltrige Stiefnichte bei jeder Gelegenheit maßregelt. Wilhelm Grimm kann gar nicht mir ihr: „Es ist schade, dass sie etwas Vordringliches und Unangenehmes in ihrem Wesen hat; es war nicht gut mit ihr fertig werden.“ 

Noch rund 30 Jahre später erinnert sich die Dichterin in einem Brief an eine Freundin mit Grausen an die Bökendorfer Sommer: „Ich habe Ihnen ja schon früher erzählt, wie wir sämtlichen Cousinen haxthausischer Branche durch die bittere Not gezwungen wurden, uns um den Beifall der Löwen zu bemühn, die die Onkels von Zeit zu Zeit mitbrachten, um ihr Urteil danach zu regulieren, wo wir dann nachher einen Himmel oder eine Hölle im Hause hatten, nachdem diese uns hoch oder niedrig gestellt.“

Bevor sie die Ereignisse des Sommers 1820 beschreibt, nimmt Karen Duve sich 400 Seiten Raum für das Panorama einer bewegten Epoche. Das Personal ihres Romans bildet eine dankbare Kulisse, denn die politischen Umwälzungen im frühen 19. Jahrhundert treffen das Umfeld der jungen Annette von Droste auch ganz persönlich. Das ist der Großvater, der sich hilflos gegen die Erosion der alten Ständegesellschaft stemmt, der Onkel, der in den Befreiungskriegen gegen Napoleon ins Feld zieht, als Student den Traum vom Nationalstaat teilt und, als der enttäuscht wird, trotzig in die altdeutsche Tracht schlüpft – wenigstens das. Der Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien beschert Europa ein „Jahr ohne Sommer“ und treibt auch die Landbevölkerung Westfalens in Hungersnöte. Das Selbstmordattentat eines Burschenschaftlers namens Karl Sand gegen den Bühnenautor August von Kotzebue in Mannheim ist Tischgespräch im Bökerhof, und in einer Kasseler Gemäldegalerie mokiert sich Tante Caroline darüber, dass „einfach zu viele Juden“ da seien: „Vor jedem einzelnen Bild stehen die immer ewig lange rum.“ 

Hat sie das wirklich so gesagt? Vermutlich nicht, doch etliche authentische Zitate aus Tagebüchern oder Briefen tauchen in den Dialogen des Romans auf. Sprachlich findet Duve einen Kompromiss zwischen dem Duktus der Zeit und der Verständlichkeit für heutige Leser, streut immer wieder charakteristische Redewendungen ein („Ei Sapperment!“) und kann sich einmal ein „Hätte, hätte, Epaulette“ nicht verkneifen.

Als sich Droste und Straube in jenem Sommer 1820 auf dem Bökerhof begegnen, ist die Konstellation schon ohne Störfeuer schwierig genug: Hier die katholische Adlige, im Begriff, sich schreibend aus dem Korsett ihrer Zeit zu befreien, dort der protestantische Bürgerliche, der sich von Freunden das Studium finanzieren lassen muss. Doch der drei Jahre ältere Straube ist anders als die „Löwen“. Er nimmt Annette ernst, erkennt neidlos ihr lyrisches Talent an, tauscht mit ihr Gedichte aus. Kein Zweifel: Heinrich ist bis über beide Ohren verknallt. Von Annette kann man sagen, dass sie ihm mindestens sehr zugetan ist.

Künstlerische Freiheit muss Duve sich bei den zentralen Szenen nehmen, denn deren genauer Ablauf liegt im Dunkeln. Mitunter lesen sich diese Passagen wie aus einem Nackenbeißer-Roman entsprungen, und dass Droste kindlich aufgeregt dem Urteil Straubes über ihre poetische Arbeit entgegenfiebert, darf bezweifelt werden. Professionelles Feedback auf ihre Arbeit hat sie zu diesem Zeitpunkt längst von anderer, berufener Stelle bekommen. 

Gleichwohl scheint sie die ungeschickten Annäherungsversuche zu genießen, und das ruft ihre Verwandten auf den Plan. Man will ihr eine Lektion erteilen. Treibende Kraft sind Stiefonkel August und Heinrich Straubes angeblich bester Freund August von Arnswaldt. Mitte Juli taucht der smarte Spross einer hannoverschen Adelsfamilie auf dem Bökerhof auf, spielt den Verliebten und stellt Annette die verabredete Falle. Mit einem theatralischen Brief sagen sich beide Männer anschließend von ihr los. Die Nichte ist vor der ganzen Familie diskreditiert. „Ich sollte mit Gewalt recht schuldig werden“, resümiert Annette von Droste später. 

Die Dichterin will danach über Jahrzehnte hinweg nichts mehr mit ihrer ostwestfälischen Sippschaft zu tun haben. Erst 1837 setzt sie wieder einen Fuß ins Paderborner Land – im Bökerhof aber will sie auch 17 Jahre nach den Vorkommnissen nicht mehr wohnen. Bei ihren künftigen Aufenthalten nimmt sie nun stets Quartier bei Onkel Fritz im benachbarten Gut Abbenburg. Den Quell ihrer Poesie bringt der Vorfall nicht zum Versiegen. Als sie sich 1845 zum letzten Mal im „Paderbornischen“ aufhält, ist sie eine publizierte Schriftstellerin. 

Der unglückliche Heinrich Straube indes legt die Feder für immer nieder. Er tritt in den Staatsdienst ein, ist als Anwalt in Kassel tätig und heiratet eine andere. Als er 1847 stirbt – ein Jahr vor Annette von Droste-Hülshoff –, findet man in seinem Nachlass eine Locke der Dichterin.

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