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Annette Mingels Man kann nur ein vorläufiges Ergebnis erhalten

Annette Mingels nähert sich in ihrem Roman „Was alles war“ behutsam und rational der Frage nach der Bedeutung von Blutsbanden.

Foto von Annette Mingels Foto: Hendrik Lueders

Die Familie ist ein kompliziertes Gespinst. Aber woraus besteht es eigentlich? Diese Lebens- und Wohngemeinschaft von Eltern und Kindern wird meist nicht hinterfragt. Es ist ja die Biologie, die uns die Rollen darin zuweist. Was aber, wenn das nicht so ist, wie im Falle einer Adoptivfamilie. Oder bei einer Samenspende – ein Thema das in dem neuen Buch von Annette Mingels nur gestreift wird. Dann muss man darüber nachdenken, was diese Beziehungen ausmacht, wie man zur Mutter, zum Vater zur Tochter, zum Sohn wird. Und das tut Mingels, selbst ein Adoptivkind, in ihrem Roman „Was alles war“ so beherrscht wie sorgfältig.

Ihre Protagonistin Susa ist als Baby adoptiert worden. Nun ist sie eine Frau von Mitte 30. Sie ist Wissenschaftlerin, Biologin, erforscht Plattwürmer und gibt Seminare an der Universität. Zu Beginn des Buchs lernt sie einen Mann kennen, Vater zweier kleiner Mädchen, dessen Frau, die Mutter der Kinder, vor nicht langer Zeit gestorben ist. Nur kurz überlegt sie, ob sie das wirklich will – ihn, die Kinder, dieses ganze Paket. Später kommt noch ein gemeinsames Kind dazu.

Mingels erzählt behutsam abwägend, auch rational, sie tastet sich vor. Es ist, als habe sich die Autorin, was den Ton und die Haltung angeht, ihrer Protagonistin, der Naturwissenschaftlerin, anverwandelt. Nicht dass hier etwas seziert wird, aber es spielen sich trotz des großen Themas, das unser Innerstes berührt, keine Dramen ab. Das ist nicht Susas Art. Susa trifft ihre leibliche Mutter, die sich nach all den Jahrzehnten bei ihr gemeldet hat. Sie begegnet ihr distanziert. Die Wissenschaftlerin kann mit der spiritistisch angehauchten Weltenbummlerin nicht viel anfangen. Oder will sie ihr deshalb nicht nahe kommen, weil sie allein das Treffen mit dem fehlenden Teil ihrer Biografie als Verrat an der anderen Mutter empfinden würde, den Menschen, die sie aufgezogen haben?

Auf solche Schlangenwege schickt Mingels die Gefühle ihrer Protagonistin. Susa lernt ihre Halbbrüder kennen. Das ist einfacher. Geschwister darf man mehrere haben, Vater und Mutter sind einzigartig, normalerweise. Aber in Familien, die ein Kind angenommen haben, gibt es die Eltern zwei Mal, die leiblichen und die Adoptiveltern, und irgendwann fällt wohl unweigerlich das Wort vom „richtigen“ Vater, der „richtigen“ Mutter, und man erschrickt. Wer ist das, der Richtige? Muss man diese Frage überhaupt beantworten?

Im Mittelpunkt des Buchs steht diese Beziehung von Eltern und Kind, die Frage nach der Bedeutung von Blutsbanden und denen, die geschaffen worden sind, indem man das Leben miteinander geteilt hat. Aber es geht auch um die Beziehung des Paars Susa und Henryk, darum, wie sie damit zurechtkommen, wenn nachts das Kind schreit und einer eine Stelle in einer anderen Stadt angeboten bekommt. Es sind Fragen, mit denen sich viele herumschlagen. Es hat etwas Tröstliches, davon zu lesen.

Susas Vater stirbt, nicht der leibliche, und das ist ein schlimmer Schmerz. Sie würde ihn nicht empfinden, würde die neu entdeckte leibliche Mutter sterben, denkt man. Und trotzdem haben die Blutsbande eine Bedeutung. Warum bloß? Sind die Gene so wichtig? Das sind Fragen, die das Buch in einem aufwirft, die es aber nicht beantwortet. „Man kann nur das Bild vervollständigen, die Analyse vorantreiben, ein vorläufiges Ergebnis erhalten“, denkt Susa. Jede definitive Antwort wäre ein so grober wie vergeblicher Versuch, endgültig Ordnung in das Familiengespinst zu bringen.

Annette Mingels: Was alles war. Roman. Albrecht Knaus Verlag, München 2017. 288 Seiten, 19,99 Euro.

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