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Anne Weber „Kirio“ Dumdidum Didumdidum

Anne Weber feiert in ihrem Roman „Kirio“ die Substanzlosigkeit, aber nicht mit aller Konsequenz.

Anne Weber
Die Schriftstellerin Anne Weber, mit „Kirio“ für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Foto: Markus Scholz (dpa)

Anne Weber stellt seit vielen Jahren feine poetische Luftmaschen her, in denen die lesende Person hängenbleibt, ohne gewürgt zu werden. Aber selbst diese Schriftstellerin schlüpft selten dermaßen an allen Festlegungen vorbei wie in ihrem neuen, erneut schmalen Roman „Kirio“, nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse, der an diesem Donnerstag vergeben wird.

„Kirio“ ist eine unorthodoxe Heiligenlegende und ein experimenteller Schelmenroman, dessen Autorin sich quietschfidel in den Vordergrund drängelt. So es eine Autorin ist, denn während sie sich quietschfidel in den Vordergrund drängelt, kokettiert sie oder sagen wir vielleicht: kokettiert die Stimme, die diesen Text präsentiert, ungemein damit, dass nicht einmal sie selbst weiß, wer sie ist. Ein Lachs? Ein Diktator? Gott? Außer Anne Weber bringt die Stimme ungefähr alles und jeden ins Spiel.

Außerdem ruft sie verschiedene Erzähler auf, die teils schüchtern, teils windig, teils stumm sind. Jedenfalls ist immer wieder Grund, dass doch die Stimme selbst, diese Pseudozeremonienmeisterin des hier zelebrierten Erzählens (und Verschweigens), zusammenfasst, was zu sagen ist. Es gibt aber auch eloquente Erzähler, etwa der Mann, der wie von ungefähr mit seiner Geliebten aufs Thema kommt. Was war noch gleich das Thema? Kirio.

In einem Buch, in dem die Autorin sich aus der Affäre zieht und in dem die sie vertretende Stimme gelegentlich umstandslos in einen Cumulonimbus gleitet – zum Nachdenken –, muss auch die Hauptfigur wohl ein Luftikus sein. Kurzum: Eine unbefleckte Empfängnis, per Telefon angekündigt, bringt Kirio in die Welt, auf der er am liebsten auf den Händen läuft. Auch das Radschlagen liegt ihm sehr – dass er sich später in einen Tour-de-France-Streckenabschnitt einschaltet, kann kaum verwundern. Er ist ein begabtes Kind, „gefällig, einfallsreich, immer guter Dinge“, gilt in der Schule gleichwohl als Störenfried. Messerscharf bemerkt sein ehemaliger Lehrer aber, dass dafür ein zentrales Kriterium fehlt: „Es ging ihm nicht darum, zu stören.“

Der Lehrer ist überhaupt der erste, der versucht, Sinn in die Situation zu bringen. Schon immer strebe der Mensch nach Umstürzen, aber: „Unsere jahrtausendelangen Anstrengungen waren vergebens. Und die ganze Zeit über wartete eine ganz einfache Lösung mit augenblicklicher Wirkung! Wer sich auf den Kopf stellt, stellt im selben Augenblick die Welt auf den Kopf, er befördert, was oben ist, nach unten, und umgekehrt.“ Da ist etwas dran, aber naseweis ist es auch.

Weber – wenn man einmal davon ausgeht, dass naturgemäß doch sie selbst hinter allem steckt – schlägt insgesamt einen saloppen Ton an, der einem auf die Nerven gehen kann, wenn einem gar nicht salopp ums Herze ist. Das ist aber so geplant und kalkuliert, wie die penetranten englischen Einsprengsel aufs Schönste belegen. Und wenn die Stimme sich ertappt fühlt – so tut, als fühlte sie sich ertappt –, sagt sie durchaus „Dumdidumdidumdidum“. Und wenn sie eine Weile nicht vorgekommen ist, lässt sie wieder von sich hören. „Im Übrigen frage ich mich manchmal, ob es nicht völlig unwichtig ist, ob ich nun existiere oder nicht. Sie haben inzwischen eine Vorstellung von mir, and so do I.“ Diese Stimme hat keinen Stil und kein Taktgefühl. Sie dürfte gerne noch weniger von beidem haben. Aber diese Stimme arbeitet zugleich gewissermaßen gegen sich selbst, indem es trotz aller Versicherungen doch irgendwie um etwas geht. Das wird zum Problem.

„Kirio“ feiert die Substanz der Substanzlosigkeit, angefangen bei erfrischend blödsinnigen, aber wohldurchdachten Kapitelüberschriften, die sich von „HU“ (für Nichthessen: das Autokennzeichen von Hanau) nach „Hanau“ modulieren, damit es noch auf die Brüder Grimm hinauslaufen kann. Recht so. Die Substanz der Substanzlosigkeit darf aus fast allem bestehen, allein gravierend darf es nicht werden. Wenn es in „Kirio“ gravierend wird, wird es sofort lebensberaterisch. Eine Hirnforscherin interessiert sich für Kirio, weil sie dem Guten auf der Spur ist. „Er ist nicht darum bemüht, gut zu sein“, doziert sie: „Er kann nicht anders.“ Wie bei der Kirio-Exegese des pensionierten Lehrers lässt sich darin noch ein persiflierendes Element entdecken – so sind die pensionierten Lehrer, so sind die Hirnforscherinnen –, aber Kirio selbst hat regelrechte Lebensweisheiten parat. „Du sollst jeden Tag Maus machen, lautet ein wichtiges Gebot“, erläutert er einem temporären Kumpel. Eine Maus soll man zeichnen und da hineinfüllen alles „Ängstliche, Verhuschte, Grau-in-Graue. Deinen Drang, dich in einen dunklen Winkel zu verkriechen, von niemandem gesehen oder belangt zu werden. Wer nicht jeden Tag die Maus aus sich herauslockt, in dem wird sie immer weiternagen ...“. Da rückt er doch etwas nahe an einen freundlichen Philosophen heran, wie auch Éric-Emmanuel Schmitt ihn sich hätte ausdenken können.

Lieber sieht man ihn in der Nähe von Aldo Palazzeschis Rauchmännlein-Roman „Il codice di Perelà“ (1911), den Weber etwa durch Pascal Dusapins Oper wahrgenommen haben könnte, lebt die 1964 in Offenbach geborene Schriftstellerin doch schon lange in Paris. Perelà und Kirio teilen das Luftige, die mangelnde Bodenhaftung, auch das Aufsehenerregende, gar Legendäre. Auch zeigt sich hierbei, dass Weber virtuos an uralte, aber auch an klassisch moderne Traditionen anknüpft.

Aber: Nach der „Kirio“-Lektüre genügt eine Handbewegung und fast alles ist wieder weg. Anne Weber hat ihr Ziel erreicht.

Anne Weber: Kirio. Roman. S. Fischer Verlag , Frankfurt a. M. 2017. 219 Seiten, 20 Euro.

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