Lade Inhalte...

Anna Stern "Der Gutachter" Sich nur dieses Leben vorstellen können

Anna Sterns stiller Kriminalroman „Der Gutachter“ erzählt auch davon, wie Berufe aussterben und Menschen darunter leiden.

Uferlandschaft am Bodensee. Foto: © epd-bild / Hans Peter Stiebin

Über die junge, im schweizerischen Rorschach am Bodensee aufgewachsene Autorin Anna Stern heißt es, sie sei ein „Seekind mit mehr Wasser in den Adern als Blut“. Das mag überkandidelt klingen, aber in der Tat erfährt man bei Lektüre ihres Romans „Der Gutachter“ einiges darüber, wie jemand so mit dem Fischerberuf verwachsen, mit der Liebe zum Wasser gesegnet – oder doch eher geschlagen? – sein kann, dass die tägliche Fahrt aufs Wasser nicht nur Broterwerb, sondern der unbedingte Daseinszweck ist. Und der in diesem Kriminalroman verschwindende Gutachter ist gleichsam das Zünglein an der Waage eines solchen Lebens, soll er doch seine wohlbegründete Meinung abgeben, ob man bei dem namenlos bleibenden See (der eigentlich nur der Bodensee sein kann) Fünfe gerade sein lassen soll. Die Fischer nämlich hätten gern einen nicht ganz so pieksauberen See.

Die Zusammenhänge zwischen – nur ein bisschen – mehr Verunreinigung und größerem Fischbestand, wie sie Anna Stern elegant erklärt, spielen aber zu Recht eine Nebenrolle. Die junge Autorin studiert noch, sie hat aber durchaus keine Diplomarbeit geschrieben. Sie zeichnet ihre Figuren mit feinem Strich – unspektakulär, skrupulös, behutsam, darum umso glaubwürdiger.

Erst einmal abwimmeln

Da ist die Ehefrau des verschwundenen Gutachters, die sich so gefasst wie besorgt bei der Polizei meldet. Die versucht, als die Hoffnung schwindet, ihr Mann sei noch am Leben, ihrer kleinen Tochter normale Tage zu ermöglichen. Sie trifft bei der Polizei auf Paul Faber, der sie erst einmal abzuwimmeln versucht, mit dem Hinweis, „dass bei erwachsenen Personen ohne Verdacht auf einen Unfall, ein Verbrechen oder Suizid keine Fahndung eingeleitet werden kann“. Dann bekommt er erst einmal eine saftige Erkältung. Dann hat er aber doch das Gefühl, er müsse sich mal kümmern. Ein nicht übereifriger, aber gewissenhafter Arbeitnehmer, wie es sie auch in anderen Branchen gibt. Ein Mann, der mitfühlen kann; zugunsten der Ermittlung aber auch davon Abstand nehmen.

Anna Stern gibt dem Täter, der sich offenbar in einem Bootshaus zu verstecken versucht, von Anfang an eine (im Buch kursiv gesetzte) Stimme, eine eigene Erzählung, ohne zunächst seine Identität preiszugeben. Man kann ihn relativ besonnen finden, man kann sich fragen, wie er zum Täter werden konnte. Auch er fragt sich das, wenn er seine starken Hände ansieht, „die Arbeit gewohnt sind“, die „viele Narben, auch frische Wunden“ tragen. Nicht nur ein originelles Krimi-Thema, auch einen eigenen, auf angenehme Weise altmodischen Ton hat die Schweizerin in diesem, ihrem zweiten Buch. Keine Action, kein Showdown sind nötig, vielmehr spielt sich ein Drama ab, hervorgerufen durch Veränderungen in der Welt, die keiner der Beteiligten beeinflussen kann.

Anna Stern: Der Gutachter. Roman. Salis Verlag, Zürich 2016. 256 S., 22,95 Euro.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum