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Anna Kim „Die große Heimkehr“ Im Labyrinth des Konjunktivs

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, dazu die Musik von Billie Holiday: Der epische Korea-Roman „Die große Heimkehr“ der koreanisch-österreichischen Schriftstellerin Anna Kim.

05.02.2017 17:40
Sabine Vogel
Anna Kims Seoul ist ein Labyrinth der Möglichkeiten, ihr Roman ein Buch voller Gerüche, Geräusche, Melodien und atmosphärischer Bilder. Foto: AFP

Dieser Roman hat einen Klang. Er hallt lange nach. Wie ein Echo in den Tiefen des Gemüts, wie eine Serenade in Blau, ein Blues aus einer fernen Zeit, die vielleicht schon vergangen war, bevor sie begann. Er klingt wie Billie Holiday. Genauer: nach ihrem Lied „Solitude“ – in meiner Einsamkeit verhöhnst du mich mit Erinnerungen, die nicht vergehn...

Jazzkeller sind die besten Orte, um unterzutauchen, sagt der alte Mann einmal. Er ist der Erzähler im soeben erschienenen Romanepos „Die große Heimkehr“ der in Wien aufgewachsenen Koreanerin Anna Kim. Sie erinnert sich an das Licht des späten Nachmittags, an den bleigrauen Himmel, das verrostete Trockengestell mit schrumpeliger Wäsche auf dem Gehsteig der Altstadt von Seoul. Und „aus dem Hausinnern tröpfelte Musik, die maunzende Trompete, das trippelnde Klavier, der tapsende Bass und schließlich, lauter als die Begleitung, die Stimme Billie Holidays“.

Die Romanfigur Anna kommt nach Seoul in der Hoffnung, dort eine Spur ihrer Mutter zu finden, die sie zur Adoption gab. Doch die Vergangenheit ist eine andere. Das Persönliche ihres Schicksals spielt keine Rolle, ja, Annas Anliegen verschwindet wie ein vom Wind verwehtes Blatt. Es wird von einer Geschichte überrollt, in deren Ungeheuerlichkeit alles Private wie in einer riesengroßen Flut untergeht. Anna, kaum angekommen, kaum kennt sie den Weg durch die Stadt, soll einem alten Mann einen Brief aus Amerika übersetzen. Darin wird ihm der Tod von Eve Moon mitgeteilt. Sie starb im Altersheim. Yunho, der alte Mann in seiner Wohnung voller Bücher und sentimentaler Musik, erzählt Anna sein Leben.

Auch die Geschichte einer großen Liebe

Es ist die Geschichte seiner großen Liebe zu jener Eve und die Koreas vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die siebziger Jahre, von der Teilung 1948 in ein kommunistisches und ein kapitalistisches Land, von der japanischen Besatzung, dann der amerikanischen und sowjetischen Interessengebiete. Es ist die Geschichte von Massenerschießungen, Folter, Umerziehungen, Militärputschen, Ungerechtigkeit, Armut und Not.

Es ist die Geschichte von Yunho, Eve und Johnny, die 1960 im Frachtraum einer Fähre aus Seoul fliehen und im koreanischen Viertel von Osaka unterschlüpfen. Sie sind jung und einfältig, und sie kämpfen in einer Zeit grauenhaften Horrors und grenzenlosen Verrats um ihr schäbiges kleines Überleben. Das ist der Mensch. Johnny, Sohn der wohlhabenden Familie Kim, hat sich der antikommunistischen, paramilitärischen Schlägertruppe der Nord-West-Jugend angeschlossen, die im Dienst des regierenden Diktators Syngman Rhee aus Südkorea die schmutzigen Aufgaben des Terrors erledigt. Sein Jugendfreund Yunho ist das Kind armer Leute, sein begabter Bruder wird gar von der Familie Kim adoptiert, aber das ist eine weitere Geschichte, welche die Beziehung der Freunde mit vergifteten Gefühlen grundiert.

Yunho, der sich als Fabrikarbeiter durchschlägt, steht ideologisch auf der Gegenseite, er sympathisiert mit den Kommunisten. In Kim Il Sungs Nordkorea soll das Leben besser sein. Und Eve, die schöne Prostituierte, die beide Freunde zu ihren Geliebten macht und ausspioniert, hat nicht nur einen amerikanischen Namen angenommen. Von Anfang an ahnen wir, dass sie als Agentin für Südkorea und den amerikanischen Geheimdienst arbeitet. Und beide verraten wird.

Doch was ahnen, wissen, glauben wir? Was ist Erinnerung, was Wahrheit, was Propaganda, von welcher Seite, unter wessen Einfluss, in welchem Auftrag? Nichts ist sicher, nichts, was man hört oder sieht, am allerwenigsten die Erinnerung, jene nur „von Gefühlen durchzogene Schatten“.

Sie sind wie ein Traum, bei dem man nicht einmal sicher ist, ob man ihn selbst geträumt hat oder ein anderer ihn erzählt hat. „Sie kennen sie sicher auch, die unbeweglichen Erinnerungen? Sie sind weder tot noch lebendig, gefrorene Bilder, die einst Erinnerungen waren. Sie halten still, da sie Erinnerungen an Erinnerungen sind, sie wurden von uns geschaffen in einem letzten Versuch, das Vergessen aufzuhalten.“ Schicksal ist Illusion, Fatalismus eine Volkskrankheit und Heimat eine Fiktion. Seoul ist ein Labyrinth des Konjunktivs, alle Identitäten sind flüchtig, trügerisch, nichtig, und in jedem Moment neu erfindbar.

Der Roman von Anna Kim, 1977 in Daejeon in Südkorea geboren, ist voller Gerüche und Geräusche, voller Melodien und atmosphärischer Bilder. Sie gehen einem nicht aus dem Kopf. Oder ist es das Herz? Yunho dreht Billie Holidays Schallplatte um, es kracht und knistert, dann erklingt das Lied der Rückseite: „East of the sun and west of the moon.., just you and I, forever and a day... .“ Wenn eine Geschichte so unfassbarer Grausamkeiten so berührend nachhallt, dann ist das wunderbare Literatur.

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