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Angelika Reitzer Was genau ist nun das Lebensglück?

Angelika Reitzers sorgsamer Liebes- und Familienroman „Obwohl es kalt ist draußen“.

Angelika Reitzer
Angelika Reitzer. Foto: Peter Rigaud

Wer sein Glück macht, muss damit nicht immer zufrieden sein. Ein untergründiges Unbehagen schleicht sich ein; man weiß nicht, warum, will es auch, wenn denn alles seine Ordnung hat, nicht mehr erklärt bekommen. Ohnehin widersetzt sich das Leben den schlauen Erklärungen; es will gelebt werden, und nicht mal das ist, ans Ende vorausgedacht, so ganz sicher. Angelika Reitzers Roman „Obwohl es kalt ist draußen“ erzählt von Glücksumständen, die sich nicht festzurren lassen, woran die Protagonisten weitgehend selbst schuld sind, was sich indes nicht gegen sie verwenden lässt.

Barbara, die Heldin des Buches, eine junge, durchaus attraktive Frau, die die Tagträume kennt, auch die ihnen angeschlossenen Sehnsüchte, weiß ihr Leben, das alles in allem begünstigt erscheint, zu schätzen; dennoch fehlt etwas. In der Liebe ist Barbara, die in Wien als eine Art Sozialarbeiterin arbeitet und nebenbei, gelegentlich auch hauptberuflich als Model jobbt, bewandert; sie hat wechselnde Partner, von denen keiner die Probezeit übersteht, geschweige denn für eine Festanstellung in Frage kommt. Eines Tages lernt sie Ante kennen, der kroatische Wurzeln hat, in einer erfolgreichen Firma für „puristische Plattenspieler“ arbeitet und keinen Zweifel daran lässt, dass Barbara seine große und, so wird es gedacht, auch einzige Liebe ist.

Barbara kann sich dem nicht entziehen, auch wenn sie sich nicht so recht vorstellen mag, sesshaft zu werden, eine Familie zu gründen und zum Beispiel aus dem umtriebigen Wien hinaus aufs Land zu ziehen. Genau das aber geschieht: „Wenig später unterschrieben sie zusammen mit“ Barbaras Halbschwester „Jasmin und“ deren Mann „René einen Mietvertrag mit Kaufoption für ein Haus am Ortseingang von Maria Ellend, vierzig Kilometer östlich von Wien. Das Haus sah aus wie eine Jahrhundertwendevilla, stammte aber aus den 1960er Jahren. Innen war die Fälschung mit hohen Räumen, schönen Fliesen und sehr alten, sehr zierlichen Kachelöfen gut gelungen. Das Haus war, abgesehen von der Ölheizung, in einem guten Zustand.“

Es geht seinen Gang: Barbara und Ante bekommen zwei Kinder, John und Mia, die auf dem Land fast täglich eine neue kleine Welt entdecken können: „Auf den Fotos war alles da, auch wenn es nicht immer zu sehen war. Wie der Schnee liegen bleibt an manchen Stellen im Garten, an Wegrändern. (…) Schneckenhäuser und Steine. Die kleinen Käfer im immergrünen Efeu, vor denen John Angst hatte, weil sie durch das Fenster in sein Zimmer kommen könnten. (…) An ihren Kindern verstand Barbara noch einmal so viel besser, dass das Sehen vor dem Sprechen kommt.“

Eine Stärke der Autorin Angelika Reitzer, Jahrgang 1971, die aus Graz stammt und in Wien lebt, sind feine, unaufwendige, manchmal fast nebensächlich anmutende Einzelbeobachtungen, die beim Lesen nicht gleich zu einem Großen und Ganzen zusammengefügt werden müssen, um den Überblick zu behalten. Es geht auch ohne Deutungshoheit, besonders wenn man sich aufs Schauen verlegt und Mitnahmeeffekte zu schätzen weiß.

Um Barbara allerdings, der selbstzerstörerische Anmutungen nicht fremd sind, muss man sich Sorgen machen. Verdrängte Visionen kommen zum Vorschein, von denen die eine, bei der es darum geht, sich aus großer Höhe herabzustürzen, besonders hartnäckig ist: „Es fühlte sich richtig an. Vorhin hatte sie das Gefühl nicht gehabt, und schon in dem Moment, als sie an vorhin dachte, wusste sie, dass es vorbei war, überstanden. Niemand war auf dem Skywalk, niemand wäre da gewesen und hätte sie gestört oder behindert oder aufgehalten, sie hätte über das Geländer springen können und wäre frei gewesen.“

Wirklich frei? Wohl eher nicht. Einmal noch stellt sich Barbara ihre Frage aller Fragen: „Fehlte es ihrem Leben an Kontinuität? War sie es, die immer alle Brücken abbrach und nicht zurückschaute, oder ging es von den anderen aus? War sie noch der gleiche Mensch wie Barbie mit neunzehn? Irgendwas in ihr wollte diese Person ins Spiel bringen ... Dabei war sie doch von dem Leben, das sie damals geführt hatte, weiter weg als je zuvor.“ Ob das stimmt, erweist sich spätestens als unerheblich, wenn die Wirklichkeit ins Reflexionsgeschäft einbricht. Alles wird gut, könnte man sagen, ein inflationär gebrauchter Spruch, der eigentlich noch nie gestimmt hat, sich im Falle von Ante und Barbara allerdings auf eine ungenaue Bevorzugung einlässt: Die große Liebe ist nicht immer groß, wissen wir längst und vermuten dass sowieso nur gut wird, was vorher schon gut war. Aber auch das lässt sich jederzeit widerlegen.

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