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Andreas Rostek „Die Bücher haben kein Verfallsdatum“

Verleger Andreas Rostek über die edition.fotoTapeta, die Riesendummheit, sich nicht für den Osten zu interessieren, Flops und das Glück einer gepflegten Backlist.

Verleger Rostek
Der Berliner Verleger Andreas Rostek in der Wohnung, die zugleich der Verlag ist. Foto: Gerd Engelsmann

Seit Jahrzehnten kenne ich Andreas Rostek. Wir arbeiteten zusammen bei der „taz“. Nach der Gründung des eigenen Verlags in einer Wohnung in Berlin Moabit ruinierte er das Unternehmen fast mit einem Bändchen, in dem Glossen von mir gesammelt wurden. Seit ein paar Monaten vertreibt er eine kleine Festschrift zu meinem 70. Geburtstag als E-Book. So viel zu meinen positiven Voreingenommenheiten. Ich bin dennoch zu ihm gegangen, um ihn zu interviewen, weil er mir eine Lektion erteilt hat, die ich an die Leser weitergeben möchte: Mit Vorsicht allein kommt gar nichts zustande. Man muss auch mal etwas wagen.
 
Gab es jemanden, der dir noch mehr von der Verlagsgründung abriet, als ich?
O ja. Eine Mitarbeiterin des Wagenbach-Verlages, die den Betrieb aus dem Effeff kannte, schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Der Chef unserer Verlagsauslieferung erklärte mir, wenn ich ein Buch nicht nach einem halben Jahr ordentlich verkauft hätte, dann würde das nichts mehr und spätestens ein Jahr darauf wäre ich bankrott. Ich dachte, ach, das stimmt doch nicht. Aber er hatte natürlich recht.
 
Sie haben sich nicht verkauft?
Es gibt den Verlag ja noch. Also verkaufen sich ein paar ordentlich, manche verkaufen sich schleppend über die Jahre und ein paar sind ganz schlimme Flops.

Zum Beispiel?
Miron Bialoszewski (1922–1983): „Das geheime Tagebuch“. Ich mag das Buch sehr. Aber hierzulande bin ich offenbar der Einzige. Ich fand es vielversprechend, Polens Geschichte aus dem Blickwinkel dieses durchgeknallten Dichters und Theatermannes erzählen zu lassen, eines Bohemien aus dem Plattenbau. Dagmara Kraus, eine großartige Dichterin, hat das Buch übersetzt. Nicht einmal 100 Exemplare haben wir verkauft. Es war das teuerste Buch, das wir jemals gemacht haben.
 
430 Seiten Übersetzung.
Das ist nur die Hälfte der polnischen Ausgabe! Aber das Buch war dann doch nicht nur ein Flop. Ein paar Jahre später kam auf der Leipziger Buchmesse ein Mann zu mir – es war der Slawist und Dichter Lothar Quinkenstein – und machte mich, weil er bei uns Miron Bialoszewskis „Geheimes Tagebuch“ gesehen hatte, auf das Buch eines Freundes von Bialoszewski aufmerksam, auf „Spuren“ von Ludwik Hering (1908–1984). Das ist nun wirklich eines der stärksten Bücher, die ich je in Händen hatte.
 
Worum geht es?
Geschichten vom Warschauer Ghetto. Der Protagonist sitzt in einer Gerberei – das Gebäude gibt es noch immer – und beobachtet den Schmuggel zwischen den Ghettobewohnern und denen draußen. Er erzählt das mit einer Härte und Klarheit – ich habe mehrfach geheult, als ich an dem Buch arbeitete.

Wurde das Buch ein Erfolg?
Ich weiß nicht. Es kam erst vergangenen Oktober heraus.
 
Wann ist ein Buch ein Erfolg?
Wenn ich die tausend Exemplare, die ich drucke, verkaufe.
 
Bei einigen Büchern deines Programms – auch beim „Geheimen Tagebuch“ – kommen Institutionen der Herkunftsländer für die Übersetzungen oder Teile davon auf.
Sonst könnte ich das in vielen Fällen nicht machen. Wer eine europäische Öffentlichkeit möchte, der ist froh über die Möglichkeit, sie wenigstens auf diesem Wege bei dem einen oder anderen Autor herstellen zu können. Leichter wäre es, wenn die Kulturbeauftragte des Bundes, Monika Grütters, ein Förderprogramm für kleine, unabhängige Verlage auflegen würde – vielleicht ähnlich dem für unabhängige Buchhandlungen. Immerhin helfen die verschiedenen Buchinstitute anderer Länder wie das polnische in Krakau bei unserer Arbeit.
 
Das hat mit den allerersten Anfängen des Verlages zu tun.
Fototapeta.art.pl war und ist eine polnische Internetseite, die sich mit Fotografie beschäftigt. Sie wird gemacht von einem Freund, Marek Grygiel. Er ist Fotoredakteur der „Gazeta Wyborcza“. Wir wollten zusammen ein Buch herausgeben, das die Aufnahmen zeigte, die unser alter Freund Tadeusz Rolke gemacht hatte von dem, was er an Spuren der chassidischen Juden noch hatte finden können im Südosten Polens und in der Ukraine.
 
„Wir waren hier: Verschwindende Spuren einer verschwundenen Kultur“. Eine Ausgabe auf Deutsch und eine auf Polnisch.
Das war möglich, weil uns die „Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit“ unterstützte. Da waren die menschenleeren Bilder von Rolke. Nichts als Steine und Landschaften. Dazu ein Text von Simon Schama, dem englischen Historiker, der das bewaldete Grenzgebiet zwischen Polen und Litauen beschreibt. „Metaphysische Touristik“, schreib ein polnischer Rezensent.

Damit war auch klar, worum es dem Verlag ging.
Geschichte erzählen. Ohne Zeigefinger. Aber hart, klar und deutlich. So habe ich meine persönliche europäische Osterweiterung erfahren. Ich hatte ja keine Ahnung von dem, was hinter Oder und Neisse passierte. Ich hatte lange in Italien gelebt, hatte mich nie für den Osten interessiert. Eine Riesendummheit. Tadeusz Rolke hat mir Polen gezeigt, mir Geschichten und Geschichte erzählt. Ohne Polen gibt es kein Europa. Unser Westeuropa, in dem wir uns so wohl fühlten, war, das wusste ich damals nicht, ein verkrüppeltes Europa. Durch Rolke habe ich auch gelernt, Deutschland mit anderen Augen zu sehen. Der Verlag ist auch der Versuch, ein wenig von dem, das Rolke mir beigebracht hat, weiterzugeben an die Leser der von uns verlegten Bücher.

Karl Schlögel hatte uns schon sehr früh darauf hingewiesen, dass wir gut daran täten, auch nach Osten zu sehen.
Aber wer hörte in den 80er Jahren auf ihn? Tatjana Gofman, eine jetzt in der Schweiz lebende Autorin von der Krim, spricht vom „schlögeln“. Das ist eine Geschichtsschreibung, die die Alltagswahrnehmung benutzt, um den historischen Blick zu fundieren. In ihrem Roman „Sewastopologia“ schlögelt sie selbst ganz wunderbar.
 
Es gibt Titel im Programm – etwa bei denen zur Ukraine –, da geht es nicht um Geschichte, sondern um aktuellste Gegenwart.
Das ist vielleicht eine Art Geschichtsschreibung des Augenblicks. So etwas soll es auch weiter immer mal wieder geben. Wir hatten auch ein Buch über und aus der Türkei schon fast fertig. Wir haben es dann zurückgezogen aus Sorge um die Autoren.
 
Die Türkei spielt im Verlagsprogramm sonst keine Rolle.
Bei all unseren Projekten spielt eine Grundidee immer mit: Dagmar Engel, meine Frau, und ich wollen helfen beim Aufbau einer europäischen Öffentlichkeit. Bei allem, was wir machen, geht es uns darum. Auch bei dem gescheiterten Türkei-Projekt ging es darum.

Europäische Öffentlichkeit – das war vor zehn Jahren.
Darum geht es auch heute. Mehr als je. Gerade weil sich jeder in sein eigenes nationales Schneckenhaus zurückziehen will, muss man dagegen arbeiten. Außerdem: Der kulturelle Annäherungsprozess wird weitergehen, was immer an der tagespolitischen Oberfläche gerade getrieben wird. Artur Klinau aus Belarus hat mir einmal gesagt: „Zur Nation machen unser Land die Künstler, die Schriftsteller. Die Politiker werden es nicht sein.“ Mit ihm haben wir zwei Bücher gemacht. Es geht mir überall – auch bei uns hier – darum, mitzumachen bei dieser Kulturproduktion unterhalb der Tagespolitik. Diese Prozesse werden ihre Wirkung entfalten. Das ist jedenfalls meine Hoffnung. Darum habe ich mit der Zeitungsarbeit und dem Journalismus aufgehört. Darum mache ich diesen Verlag.

Wie lange noch?
Ich würde das gerne noch eine ganze Weile machen. Schon um die verschiedenen Fäden immer dichter zusammenführen zu können. Der Verlag ist eine Adresse geworden. Ich bin neugierig auf das, was sich noch ergeben wird.
 
Du erzählst so von den Büchern, als hättest du jedes einzeln gepudert und in Windeln gelegt.
Ich habe jedes redigiert und betreut, einige übersetzt. Es ist ein kleiner Verlag. Hier macht der Verleger vieles selbst. Aus Kostengründen. Aber vor allem macht es natürlich Spaß.
 
Weil der Verleger sie so mühsam zur Welt gebracht hat, darum verschwinden sie auch nicht von der Backlist?
Die Bücher haben kein Verfallsdatum. Sie sind ja heute nicht dümmer, als sie vor drei oder sechs Jahren waren. Natürlich gibt es Entwicklungen, die über bestimmte Einschätzungen hinweggehen. Aber die meisten unserer Bücher erliegen ja der Versuchung der schnellen Reaktion nicht, finde ich.
 
Gibt es ein Buch in deinem Programm, das durch die jüngsten Entwicklungen wichtiger geworden ist, als es bei Erscheinen war?
Tomasz Rózyckis „Bestiarium“ ist schon ein paar Jahre alt. Aber wenn man es jetzt liest, bekommt die Geschichte eine Bedrohlichkeit, die sie damals wohl doch noch nicht hatte. Es ist der Albtraum eines Mannes, der vielleicht Alkoholiker ist, vielleicht nur Träumer: Eine Stadt wird überschwemmt. Er sieht, wie alles vernichtet wird. So etwas liest man und denkt: Der hat so eine Welle schon einmal durch- und überlebt. Er ist heil dabei herausgekommen. Er saß hier an diesem Tisch. Es ist, denkt der Leser, so schrecklich es ist, zu schaffen.

 

Interview: Arno Widmann

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