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Andreas Baader Superstar

Deutschland im Herbst 1977: Zwei Neuerscheinungen stricken weiter am Mythos

27.10.2003 00:10
GOTTFRIED OY

Fünf Jahre nach ihrer Selbstauflösung wird es nicht still um die RAF, wie erst kürzlich beim Eklat um eine Berliner Ausstellung beobachtet werden konnte. Und nun bringt der diesjährige Bücherherbst zwei Veröffentlichungen zum militanten Part der bundesdeutschen Studentenrevolte hervor, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Zum einen Gerd Koenens psychoanalytisch angeleitete "Dreiecksbiographie" von Bernward Vesper, Gudrun Ensslin und Andreas Baader;und zum anderen Thorwald Prolls im Gespräch mit dem Journalisten und Filmemacher Daniel Dubbe festgehaltenen Erinnerungen an 1968.

Dreh- und Angelpunkt von Koenens Suche nach den "Urszenen des deutschen Terrorismus" ist der zum literarischen Zeugnis einer Generation erhobene, 1977 postum veröffentlichte Romanessay Die Reise von Bernward Vesper, Sohn des Nazi-Dichters Will Vesper und Lebensgefährte von Gudrun Ensslin. Dieses verwirrende Konvolut literarisch verarbeiteter Drogenerfahrungen, politischer Stellungnahmen und biographischer Analysen steht bei Koenen beispielhaft für die Art und Weise der Auseinandersetzung vieler 68er mit dem Nationalsozialismus. Die Reise und ihr Autor dienen Koenen als Türöffner in das Reich des RAF-Personals der ersten Generation. Zudem nimmt er den konfusen Text als Blaupause für eine ebenso verrückte Politik der RAF, die, ähnlich wie Vespers Literatur, in ihrer Realitätsferne einen "Wahn der Zeit" widerspiegele.

Koenen bereitet erstmals zahlreiche Materialien aus dem Nachlass Vespers im Marbacher Literaturarchiv sowie bislang unbekannte Privatkorrespondenz Gudrun Ensslins für ein breites Publikum auf. Die interessante Rekonstruktion der Entstehungsgeschichte der Reise wird mit dem Anspruch überfrachtet, Erklärung der politischen Zusammenhänge von 68 ff. zu sein. Eine vermeintliche oder tatsächliche Verrücktheit Einzelner wird zum "Wahn der Zeit" addiert und soll die politischen Zusammenhänge verständlich machen - doch die maßgeblich an Biographien orientierte Zeitgeschichtsschreibung stößt hier an ihre Grenzen.

Eine Darstellung der Ereignisse um die Gründung der ersten bewaffneten Gruppen in der Bundesrepublik kommt nicht umhin, zumindest zentrale Akteure wie die staatlichen Organe, die Linke und die RAF in ihren Selbstzeugnissen zu berücksichtigen. Koenen hingegen beschränkt sich nahezu darauf, aus der mehr oder wenig stimmig rekonstruierten Psyche einzelner Berühmtheiten alles erklären zu wollen. Dabei wird die Linke in ihrer Vielstimmigkeit zum Thema RAF pauschal zur "Beschöniger(in) und Beschützer(in)" erklärt.

Nicht nur, dass einige der ewig beschworenen 68er-Mythen - der nach der Ermordung Benno Ohnesorgs "hysterisch kreischende Todesengel" (Gudrun Ensslin), die mit Gewehren und Bomben voll gepackten Kinderwagen, diesmal von Ensslin und den Dutschkes durch Berlin geschoben, der schmutzige Ehekrieg Ulrike Meinhofs - erneut aufs Tableau kommen. Nein, Koenen übt sich auch selbst in griffigen Charakterisierungen seiner Hauptpersonen. So wird Baader zum "Schlüsselkind", "Alphatier", "rebel without a cause", zur "männlichen Bienenkönigin", oder, ganz modern, zum "Gangsta-Rapper" mit einer "Mischung aus Anhänglichkeit und Ansprüchlichkeit, Charme und Grobheit", Opfer einer "jugendlich narzisstischen Störung" und eines "omnipotenten Selbstbilds".

Ensslin hingegen mutiert auf Koenens Couch zur "Muse und Liebenden", zur "Medea der Revolution" mit "sphinxhaften Lächeln", zur "Penelope" und "Hohepriesterin" mit "singender Unschuldsstimme", zum "androgynen Mädchen, (das) mit Hilfe sorgfältigen Makeups und dicker, schwarzer Kajal-Striche um die Augen eine geheimnisvolle Sphinx-Frau (wurde), die die Literaten um sich herausforderte, in sie ‚hineinzulesen'".

Die RAF und der Antisemitismus

Leider versteckt sich hinter diesen Klischees aus der patriarchalen Mottenkiste Koenens hellsichtige politische Analyse des Antisemitismus der RAF, der Gleichsetzung der Bombenangriffe der Alliierten auf Dresden oder Hamburg mit Auschwitz und der Beschwörung eines "Weltzionismus" mit Hauptsitz Israel als neuer faschistischer Weltmacht. Dass Koenen auf diese bis heute unterbelichtete Seite linker Geschichte allerdings mit einer sprachlich impliziten Gleichsetzung der Politik der RAF mit dem Nationalsozialismus reagiert, macht indes auch diesen Pluspunkt wieder wett. Formulierungen wie "ihre Ehre hieß Treue" und "(Selbst-)Ermächtigung" zum Terror, sowie die Behauptung, dass die Stammheimer Gefangenen ihren Tod in Anlehnung an Hitler als "nibelungenhaften Untergang" inszeniert hätten, legen eine völlig krude Analogie nahe.

Der schmale Interviewband Thorwald Prolls hingegen vermittelt etwas von der Aufbruchstimmung, von der 1968 nicht zufällig viele aus künstlerischem Umfeld beseelt waren. Proll, einer der "phantastischen Vier der Studentenbewegung", saß mit Ensslin, Baader und Horst Söhnlein, einem Münchner Regisseur und Schauspieler, wegen Brandstiftung in zwei Frankfurter Kaufhäusern 1968 auf der Anklagebank. Wo Koenen nur gescheiterte Künstlerexistenzen sieht, vermag Proll einen Einblick in die situationistisch motivierte Gedankenwelt von Teilen der studentischen Protestbewegung und ihrem Umgang mit der Gesellschaft des Spektakels geben. Noch vor Gründung der RAF ging es dabei auch um die Entwicklung neuer, militanter Aktionsformen. Proll, wie Ensslin und Baader auch an der Heimkampagne, der Auseinandersetzung mit Heimkindern und ihren Lebensbedingungen, beteiligt (für Koenen nur die "Rotte" der entflohenen Heimzöglinge, mit denen Baader gezielt Angst und Schrecken verbreitete), betont deren emanzipativen Elemente.

Leider kommt auch Proll - vom Interviewer mehr oder minder gedrängt - nicht umhin, Baader mit zitierfähigen Charakteristika zu belegen. Zunächst zurückhaltend, später sogar in literarischer Analogie zum tragischen Helden, wird auch hier eifrig an der Stilisierung eines - wenn auch mit negativen Attributen versehenen - Superstars gebastelt, allerdings deutlich dezenter, als im Falle Koenens. Statt Mythen zu dekonstruieren, werden somit in beiden Publikationen alte erneuert und neue dazu erfunden, die Assoziationsmaschine RAF kommt nicht zum Stillstand.

Den am Thema Interessierten sei indes empfohlen, sich selbst mit den weitgehend zugänglichen Originaltexten der 68er auseinander zu setzen. Einer eigenständigen, kritischen Lektüre dieser Dokumente ist immer noch mehr abzugewinnen, als etwa Koenens Information, wann und wo sich Andreas Baader sein geliebtes "Pitralon"-Rasierwasser besorgte - es sei denn, Günter Jauch erklärt das demnächst zur Millionenfrage.

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