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André Heller Eine Zeitgenossin

André Hellers bezaubernd unterhaltende Gespräche mit seiner 101 Jahre alten Mutter.

Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst Wien Hofburg 07 11 2008 Andre HELLER Elisabeth HELLER
André Heller und seine Mutter Elisabeth Heller, hier bei der Verleihung des Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst in der Wiener Hofburg, 2008. Foto: imago stock&people (imago stock&people)

Es klingt wie eine nüchterne Bilanz. „Ich hätte sichtbarer sein müssen“, sagt Elisabeth Heller in ihrem 102. Lebensjahr, „hab mich immer in den Hintergrund drängen lassen.“ Aber es ist kein verbittertes Resümee, das die 1914 in Wien geborene Mutter des Sängers und Kulturmanagers André Heller im Gespräch mit ihrem Sohn zieht. Eher ist es das Eingeständnis eines Versäumnisses, nicht genug aus ihren Talenten gemacht zu haben. Mode vielleicht. „Linien des Geschmacks hätte ich anderen aufzeigen können und des Stils.“

Der Konjunktiv am Ende des schmalen Büchleins ist falsch. Wie man mit Stil altert, ist das Mindeste, was man aus dieser vergnüglichen Lektüre lernen kann. Es sind meist sehr kurze Sessionen, zu denen Heller seine betagte Mutter aufsucht und meist mit der Frage eröffnet: „Wie geht es dir?“ Aber als Antworten folgen dann gerade nicht stereotype Befindlichkeitsfloskeln. Elisabeth Heller ist immer unterwegs. Zu den Erinnerungen ihrer eigenen Lebensgeschichte, aber auch zu den wechselnden Zuständen ihrer Wahrnehmung, dement dämmernd und hell erleuchtet in dem Bewusstsein, an der Grenze zu einem anderen Zustand zu stehen. Es einfach Tod zu nennen, trifft die Sache nicht.

Natürlich spricht Elisabeth Heller auch über die Mühsal des Alters. Das Leiden daran, plötzlich nicht mehr allein aufstehen zu können, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. Über die Angst, alles zu vergessen.

Und dann gibt es Passagen wie aus einem Beckett-Stück. „Möchtest du mir etwas sagen?“ fragt André und Elisabeth Heller antwortet in philosophisch anmutender Diktion: „Weißt du, das Reden hab ich ein Leben lang überschätzt, ich rede nur mehr das Nötigste, das Schweigen bringt für gewöhnlich höheren Genuss.“

Beim Lesen dieses hinreißend schönen, voller beglaubigter Altersweisheiten steckenden Buches, kommt irgendwann unweigerlich der Gedanke, dass der die Gespräche aufzeichnende Sohn der Mutter nachträglich Artikulationshilfen gegeben haben könnte. Aber selbst wenn es so wäre, nimmt es der zugleich unerbittlichen und warmherzigen Lebensbilanz nichts von ihrer natürlichen Klugheit. Elisabeth Heller spricht als Zeitgenossin eines Jahrhunderts. Karl Kraus, Franz Werfel, Alma Mahler und Hedy Lamar ist sie persönlich begegnet, Coco Chanel hat sie in Paris auf der Straße gesehen. Oder kommt es ihr heute nur so vor?

Man müsse den Durchschlupf finden, sagt Elisabeth Heller und ist überzeugt davon, dass man es selbst beeinflussen könne, ob man schwer oder leicht hinübergeht.

André Heller hat seiner Mutter ein sehr leichtes Stück Literatur abgelauscht. Wann in ihrem Leben sie mutig gewesen sein, will André wissen. Auf der Streif beim Skifahren habe sie Mut bewiesen. Vorm Volksgerichtshof, als sie wegen des Hörens von Feindsendern angeklagt war, ebenfalls. Und sehr viel Mut habe es gebraucht, die Mutter von André Heller zu sein.

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