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Analyse zum Rechtspopulismus Eben noch innig verbunden

Die Autoren Georg Seeßlen und Markus Metz bieten in „Der Rechtsruck“ scharfsinnige „Skizzen zu einer Theorie des politischen Kulturwandels“.

Noch vor wenigen Jahren schien es ein bewährtes Mittel der Selbstberuhigung zu sein, dass ausgerechnet Deutschland von den Phänomenen des Rechtspopulismus weitgehend verschont worden sei, während rundherum in Europa starke rechte Bewegungen entstanden waren und sogar Machtoptionen zu entfalten begannen. Hatten die deutschen ihre Lektion aus der Geschichte ein für alle Male gelernt?

Das war natürlich schon damals eine Täuschung. In ihrer scharfsinnigen Analyse zeichnen der Publizist Markus Metz und der Autor und Filmhistoriker Georg Seeßlen die ideologischen Verbindungs- und Traditionslinien nach, aus denen die inzwischen erstarkten rechtskonservativen und -radikalen Bewegungen hervorgegangen sind, die heute ganz offen ihr Ziel einer konservativen Revolution propagieren. Die Rechte hat es immer gegeben, nur hatte sie ihre Ziel zunächst anders definiert. Die Neokonservativen verstanden sich in den 80er-Jahren, schreiben Seeßlen und Metz, immer noch als liberal, „ja sie verstanden sich als Verteidiger der Liberalität gegen einen irgendwie protosozialistischen Wohlfahrts- und Bürokratenstaat und eine desorientierte Gesellschaft, in der sich die Kids nur zu Tode amüsieren konnten.“

Das war es wohl auch, gegen das Helmut Kohl zu Beginn seiner 16 Jahre währenden Regierungszeit meinte, eine geistig-moralische Wende mobilisieren zu können. Das Vorhaben einer konservativen Erneuerung scheiterte vor allem an einer sogenannten kulturellen Hegemonie von links, die sich trotz der politischen Mehrheitsverhältnisse in vielen gesellschaftlichen Milieus, insbesondere an den Universitäten und in den Kulturinstitutionen und Medien behauptete. Eine fundamentale Liberalisierung erfasste schließlich sogar die CDU nach Kohl.

Die Neuformierung einer intellektuellen Rechten ist auch die Geschichte einer narzisstischen Kränkung, einem Leiden an eben jener dominanten Kulturlinken. Aber: „Die Spaltung in der intellektuellen Kultur Deutschlands vollzog sich aus einer gemeinsamen Geschichte, aus einem gemeinsamen Wissen und einem gemeinsamen Milieu heraus. Es schien in den neunziger Jahren, als würden sich Altlinke und Neokonservative gerade deswegen so verbissen bekämpfen, weil sie gerade noch so innig verbunden waren. So tendierten manche dazu, sich nicht trotz, sondern gerade wegen der gemeinsamen Schnittmengen zu radikalisieren.“

In der öffentlichen Wahrnehmung wurden die Wanderungsbewegungen von ganz links nach ganz rechts, wie sie etwa die 68er-Protagonisten Horst Mahler und Bernd Rabehl vollzogen, als Ausdruck eines intellektuellen Irreseins beschrieben. Seeßlen und Metz verweisen indes auf die Strömungen und Unterströmungen, die diese Wandlungen plausibel machen.

Die Autoren beschreiben, wie Neoliberalismus und Rechtspopulismus eine unheilvolle Allianz eingingen, die ihre Energie nicht zuletzt aus anti-intellektuellen Affekten bezog. Dabei gilt es zu bemerken, dass es der Neuen Rechten weniger um einen Kampf gegen eine Linke geht, die es ohnehin kaum noch gibt. Ihr erklärtes Programm sei vielmehr die Spaltung der „mehr oder weniger liberalen, mehr oder weniger demokratischen ‚bürgerlichen‘ Mitte.“

Markus Metz und Georg Seeßlen: Der Rechtsruck. Skizzen zu einer Theorie des politischen Kulturwandels. Bertz + Fischer, Berlin 2018. 240 S., 12 Euro.

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