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„An einem Dienstag geboren“ Alles Allahs Wille

Elnathan John gibt in seinem Romandebüt „An einem Dienstag geboren“ verstörende Einblicke in eine Jugend im Norden von Nigeria.

Nigeria
Jugend im Aufruhr, hier in Kano 2011 bei Protesten vor Goodluck Jonathans Wahlsieg. Foto: afp

Die Jungs unter dem Baobab-Baum rauchen „Wee-wee“ und prahlen damit, wen sie umgebracht haben. Dantala ist dann immer still, „denn ich habe niemanden umgebracht“. Dabei wird es aber nicht lange bleiben. „In der Gang der großen Jungs in Bayan Layi bin ich der jüngste“, sagt der Ich-Erzähler in Elnathan Johns Debütroman „An einem Dienstag geboren“. Seine Unschuld wird John seinem Protagonisten trotzdem nicht lange bewahren – nur wenige Seiten später streift Dantala mit den anderen brandschatzend durch die Straßen der fiktiven nordnigerianischen Kleinstadt Bayan Layi und schneidet mit seiner Machete in menschliches Fleisch – beauftragt und bezahlt von Mitgliedern der bei Wahlen unterlegenen Partei.

Es ist ein erschütternder, in seiner Schilderung brutalster Gewaltexzesse verstörender, zugleich aber menschlich anrührender Bildungsroman, mit dem der seit einigen Monaten in Berlin lebende Elnathan John sich seinem deutschsprachigen Publikum vorstellt. John ist Jurist und in seiner Heimat als scharfzüngiger Satiriker bekannt geworden. Mit der Kurzgeschichte „Bayan Layi“ war er 2013 für den „Caine Prize for African Writing“ nominiert. Der Roman ist eine Weiterentwicklung dieses Textes und erlaubt Einblicke in eine Welt, aus der im Westen regelmäßig neue Horrormeldungen über Entführungen, Anschläge, Morde der islamistischen Boko Haram eintreffen, sonst hierzulande aber wenig bekannt ist.

Dantala sucht nach den Ausschreitungen in Bayan Layi Zuflucht in einer Moschee der Stadt Sokoto, wo der vaterlose, bald auch vollverwaiste Junge in der Person eines charismatischen Imams eine Art Mentor und Vaterersatz findet. Dieser Sheikh Jamal strebt durchaus nach einem islamisch fundierten Staat, und aus der ersten Predigt, mit der er den jungen Protagonisten in seinen Bann zieht, trieft der Antisemitismus – „Dieses Land ist Sklave der Juden und ihres Wuchers.“ Sein Fundamentalismus wird im Buch dennoch als friedfertige und gemäßigtere, inter- und innerreligiös vermittelnde Auslegung des Islam den extremistischen Auswüchsen einer Salafisten-Bewegung entgegenstehen, die sein einst engster Berater Abdul-Nur ins Leben ruft und gegen Sheikh Jamal richtet.

Elnathan John nennt den Namen Boko Haram nicht. Doch wenn er paramilitärische Ausbildungscamps, Hasspredigten, Finanzhilfen aus Saudi-Arabien, Bücher-Verbrennungen und die Verdammung westlicher Bildung und Demokratie beschreibt, ist klar, worauf er sich bezieht.

Der 1982 im nordnigerianischen Kaduna geborene Autor kennt die Umstände, die er beschreibt. Seine Heimatstadt, in der er als Christ unter Muslimen aufwuchs, sei einst ein kosmopolitischer Ort gewesen, sagte er in einem Interview. Doch damit sei es vorbei, die Menschen lebten heute strikt nach religiöser Zugehörigkeit getrennt. In seinem Roman schildert er eindrücklich, wie die bitterarme Bevölkerung in Nigerias Norden zerrieben wird zwischen politischer Korruption und Polizeigewalt einerseits und religiösem Extremismus andererseits. Die Vorlage für die Figur des Dantala lieferten ihm die Millionen „Almajiri“, junge Koranschüler, die schon als Kinder fernab ihrer Familien in Moscheen erzogen werden. Der Romantitel, als Übersetzung des Hausa-Namens Dantala, symbolisiert die Namenlosigkeit dieser Jungen, die mangels anderer Perspektiven nur zu leicht in fundamentalistische Strukturen geraten.

Erzählt über mehrere Jahre aus der Sicht des heranwachsenden Dantala, liefert das Buch aber nicht nur eine Vorstellung von dem Nährboden, auf dem der islamistische Terror von Boko Haram wachsen konnte. Zugleich ist es auch die klassische Coming-of-Age-Geschichte eines Teenagers, der sich auf die Ideologien und Verbrechen der Erwachsenen ebenso einen Reim machen muss, wie auf pubertäre Gefühlswirren und erwachende Sexualität.

Eine direkt, schnörkellose Sprache

Dantala findet in der Moschee Sheikh Jamals erstmals ein Gefühl von Zugehörigkeit und Zugang zu Bildung. Er lernt Englisch und einen Computer zu nutzen, knüpft eine enge Freundschaft und trifft eigene Entscheidungen. Sein Wissensdrang und seine feinsinnige Reflektionsgabe führen aber nicht dazu, dass er mit religiösem Dogmatismus bricht. „Alles, was geschieht, ist Allahs Wille“, heißt es immer wieder – auch wenn es den Jungen innerlich zuweilen schier zerreißt.

Elnathan John findet dafür eine direkte, schnörkellose Sprache, in die zahlreiche Begriffe aus dem Hausa und Arabischen einfließen. Lange Passagen direkter Rede und eingeflochtene Tagebuch-Aufzeichnungen Dantalas, in denen er englische Begriffe definiert und zugleich Erlebtes beleuchtet, ziehen die packende Dramaturgie zuweilen in die Länge. Die Altersentwicklung Dantalas lässt sich anhand seiner Gedankenwelt zudem nicht immer schlüssig nachvollziehen.

Dennoch ist gerade diese Binnensicht die große Stärke von „An einem Dienstag geboren“. Und es ist Dantalas zutiefst menschliche Erzählstimme, die den geschilderten Grausamkeiten auch zum bitteren Ende hin noch einen Funken Hoffnung innewohnen lässt, dass doch noch etwas, wenn schon nicht alles, gut werden möge in dieser versehrten Welt des Protagonisten. Eines Jungen, der schon früh lügen gelernt hat, „damit mir beim Geschichtenerzählen nicht meine schlechten Erinnerungen in die Quere kommen“. Der seine Entscheidungen trifft in einer Umgebung, in der individuelle Entscheidungen am Ende nicht viel zählen.

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