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Amerikanische Literatur Was für eine grauenhafte Tapete

Eine Neuübersetzung erinnert an Charlotte Perkins Gilman und ihre psychologisch überzeugende Schauererzählung „Die gelbe Tapete“.

Dörlemann hat nicht nur erneut einen Titel auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis platzieren können, Christa Viraghs „Eine dieser Nächte“. Der kleine Schweizer Verlag folgt auch weiter seinem Sinn für Ausgrabungen und fitte Neuübersetzungen. Soeben erscheint zum Beispiel Charlotte Perkins Gilmans Erzählung „Die gelbe Tapete“ in einer zweisprachigen Ausgabe, so dass nicht nur ein schmuckes, sehr violettfarbenes Buch daraus wurde, sondern man auch immer mitlesen kann, wie akkurat und zugleich idiomatisch elegant der Übersetzer Christian Detoux vorging.

Die Amerikanerin Gilman (1860-1935) wäre auch so interessant genug, eine moderne Teilnehmerin der Zeitläufte, politisch engagiert, interessiert an den Zusammenhängen zwischen den Rechten und der wirtschaftlichen Situation von Frauen, im Ersten Weltkrieg pazifistisch gesonnen, als Rednerin später viel gebucht. Die Geschichte „Die gelbe Tapete“ (die ihr, wie man liest, 1892 den Durchbruch als Schriftstellerin brachte) aber ist ein merkwürdiger, dunkler Solitär. Natürlich denkt man an Edgar Allan Poe und die Tradition der englischsprachigen Gothic Novel und staunt doch über den lapidaren Ton, das Crescendo eines heillos in sich versponnenen Wahns. Und darüber, wie diesmal die Frauenfigur nicht das Objekt einer Handlung und einer genreüblich knappen Rettung ist. Stattdessen begibt sie sich in die Rolle des höchst aufmerksam sich selbst beobachtenden Abdriftenden, ohne dieses Abdriften dadurch verhindern zu können.

Überhaupt ist der Ausgangspunkt ein Frauenproblem. Die junge Erzählerin soll sich nach der Geburt erholen, ihrer psychischen Labilität ist sie sich kaum bewusst, aber der fürsorgliche Ehemann hat schon ein Sommerhaus gemietet. Man ahnt, dass das keine gute Idee war. Der Grusel, der nicht ausbleibt, hat seine Quelle in einer grauenhaft hässlichen Tapete, die zunehmend bloß grauenhaft ist (die Tapete ist dabei so hässlich und wird auch mit solchem Genuss beschrieben, dass hier einige Ironie mitschwingt – was den guten Geschmack beleidigt, schadet auch Gemüt und Geist).

Die Autorin lässt natürlich offen, ob nachts hinter der Tapete tatsächlich der Geist einer Frau tobt. Da sich die Perspektive erbarmungslos an die unglückliche Erzählerin heftet, die sich Notizen ihrer Erlebnisse / ihres Wahnsinnigwerdens macht, ahnt man nur durch den Gleichmut der Umgebung, dass eigentlich nichts los ist. Aber eine Wahnsinnigwerdende hat selbstverständlich auch hierfür eine Erklärung: Sie schweigt über alles, und die anderen schweigen ebenfalls. Ihr vermutlich netter Mann zeigt sich übrigens absolut nicht auf der Höhe der Situation.

Schillernd ist Gilmans Spiel mit Verzweiflung und Konvention. Die Frau denkt darüber nach, aus dem Fenster zu springen, aber: „Ich weiß sehr genau, dass ein solches Verhalten ungebührlich wäre und falsch ausgelegt würde.“ Die allmählich auftretende Frage, ob hinter der Tapete womöglich nicht Gefangenschaft, sondern ungebührliche Freiheit lauert, bleibt unbeantwortet.

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