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Am Rande des Vergessens

Journalist lenkt den Blick auf schwelende Konflikte im Kaukasus

02.05.2009 00:05
GEMMA PÖRZGEN

Im Sommer 2008 beherrschte der Georgien-Krieg die Schlagzeilen. Seither ist es um die Region wieder still geworden. Dabei hätten nicht nur die Konflikte in dieser Weltgegend am Rande Europas mehr Interesse verdient. Mit "Pulverfass Kaukasus" von Manfred Quiring liegt nun eine Veröffentlichung vor, die auf die Hintergründe und die jüngsten Ereignisse eingeht. Der Autor, der als Moskau-Korrespondent für die Welt arbeitet, bereiste schon zu DDR-Zeiten für die Berliner Zeitung den Kaukasus, hat also viele Ereignisse selbst vor Ort miterlebt.

Spannungen mit Russland

Nach einem historischen Abriss, in dem er das schwierige koloniale Verhältnis Russlands zum Kaukasus analysiert und Parallelen zur postsowjetischen Zeit aufzeigt, folgen Kapitel, in denen er sich den unabhängigen südkaukasischen Staaten Aserbaidschan, Armenien und Georgien widmet. Leider verlegt sich Quiring dabei zu stark auf eine geradezu lexikalische Faktendarstellung, statt die Leser an seinen Erfahrungen in diesen Ländern teilhaben zu lassen.

Seinen Beschreibungen fehlt es an vielen Stellen an Farbe und Atmosphäre. Sprachlich bleibt es häufig bei dürren Beschreibungen: "Die Ruinen am Stadtrand mit ihren ausgebrannten Fenstern, an denen ich auf dem Rückweg vorbeikam, machten einen trostlosen Eindruck", schreibt er über die bombardierte Stadt Gori im August 2008.

Auch die zitierten Gesprächspartner bleiben häufig blass. Von einem Gespräch mit der georgischen Parlamentspräsidentin Nino Burdschanadse mitten in der Georgien-Krise gibt Quiring nur ihre Äußerungen wieder. So verschenkt er die Chance, eine bedeutende politische Akteurin in dieser Situation vorzustellen.

Viel besser gelungen sind die Betrachtungen über den zur Russischen Föderation gehörenden Nordkaukasus, vor allem über die Republik Dagestan, die der Autor schon 1982 das erste Mal bereiste.

In der Schilderung des Lebens im Nordkaukasus finden sich interessante Beobachtungen über den unsensiblen Umgang der Russen mit den Kaukasus-Völkern. So wird etwa in einem Dorf das Denkmal des russischen Generals Jermolow errichtet, der wegen seiner Brutalitäten in der Region bis heute als "Schlächter des Kaukasus" berüchtigt ist. Quiring benennt deutlich das Unvermögen der russischen Geheimdienste, die anti-russische Stimmung richtig zu deuten. Stattdessen schüren sie diese Stimmung mit einer vermeintlichen Terror-Abwehr. Kenntnisreich setzt sich der Autor mit den islamischen Einflüssen in der Region auseinander. Dabei erläutert er anschaulich, welche Konflikte zwischen dem im Kaukasus verbreiteten Gewohnheitsrecht Adat und dem Islam auftreten.

Sein Ausblick auf das Konfliktpotenzial ist eher pessimistisch - auch angesichts der Wirtschaftkrise. "Doch das Potential für den Widerstand gegen Russland, für den Kampf um einen islamischen Staat, bleibt vorhanden und nahm nach dem Augustkrieg 2008 noch zu", lautet Quirings Analyse. Die jüngere Generation, die ideell und kulturell keine Verbindungen mehr zur früheren Sowjetunion und zur russischen Kultur habe, sei bereit, den Kampf wieder neu aufzunehmen.

Interessant liest sich auch das leider sehr kurze Kapitel über Sotschi und die Vorbereitungen auf die Winterolympiade im Jahr 2014. Aber auch hier hätte der Autor trotz des Taschenbuchformats etwas mehr in die Tiefe gehen können. Sein Buch lässt den Leser mit vielen offenen Fragen zurück.

Manfred Quiring:

Pulverfass

Kaukasus - Konflikte am Rande

des russischen

Imperiums.

Ch. Links Verlag,

Berlin 2009, 200 S., 16,90 Euro.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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