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altaQuito Publikationen Feldnotizen zur Dichtung

Ein Hausbesuch bei Ingrid und Reinhard Harbaum, die seit mehr als 30 Jahren die altaQuito Publikationen betreiben.

Ingrid und Reinhard Harbaum bei der Arbeit in Göttingen. Foto: Frank Hoppe

Ganz nah der Fassberg, dahinter die Vulkankuppeln von Hoher Hagen und Hengstberg, die bewaldeten Züge des Weser-Leine-Berglandes. Landschaften, Silhouetten, Wälder im Wechsel der Jahreszeiten. Blickrichtung Westen. Und weiter über Rhein und Atlantischen Ozean, weiter bis in die Oakland Hills und zum San Juan Ridge, Sierra Nevada.

Nicht weit die Strecke von Göttingen in Westdeutschland bis in den Westen der Vereinigten Staaten von Amerika. Manchmal sind es nur 20 fadengebundene Seiten. Was sich ermessen lässt, haben Ingrid und Reinhard Harbaum in ihrem Wohnzimmer mit Weitblick versammelt. Von dem großen Fenster bis zum Arbeitstisch sind es nur wenige Schritte, vorbei an wohlbestückten Regalwänden, Autoren-Porträts, Drucken, Schallplatten. Ein Refugium, in dem transkribiert, konzipiert und neu kombiniert wird.

Das erste Haus im Stadtteil Nikolausberg, am Rande, im Obergeschoss: Darüber nur noch die ehemalige Klosterkirche und der Himmel. Weit im Westen, jenseits des Ozeans, die noch lebenden Schriftsteller: Michael McClure, Gary Snyder. Auch die toten: Kenneth Rexroth und Denise Levertov und Kenneth Patchen. Dass von dem Übersetzer-Duo Harbaum die weitaus bekannteren Kerouac, Ferlinghetti oder Corso ebenfalls ins Deutsche gebracht wurden, passt ins Konzept.

Reinhard Harbaum erzählt von einem Ereignis im Jahre 1968, einem Gewitterschlag, ausgelöst durch die berühmte Beat-Anthologie des Rowohlt Verlages. Neuland für die Sprache, das Denken. Alternativpresse und Gegenöffentlichkeit sind jetzt Zauberformeln, Offset- und Matrizendruck bieten ungeahnte Möglichkeiten. Der Underground speist sich aus Papier und Farbe, ein „Raubdruck des Monats“ wird ausgelobt. Zu Beginn der Siebziger ist Harbaum in Göttingen, lebt in einem Gartenhaus, versorgt Freunde mit Abschriften amerikanischer Texte. Die Rockmusik lebt, die Beat-Literatur lebt. „Jaguar Skies von Michael McClure war die Initialzündung.“ Es war das erste Buch, das vor 34 Jahren bei altaQuito Publikationen herauskam.

Von Übertragungen kompletter Einzelwerke haben sich Ingrid und Reinhard Harbaum schon lange verabschiedet. Sie haben einen anderen Pfad genommen – ohne die Ideale des Anfangs preiszugeben. Mehr als 160 Bände sind bisher innerhalb verschiedener Reihen erschienen. Kleine Auflagen, keine Nachdrucke, mittlerweile gesuchte Raritäten im US-Antiquariatswesen.

„Wir mussten tiefer einsteigen, um Zusammenhänge ausfindig zu machen.“ Früh schon war die Stammformation der favorisierten Lyriker gefunden, das Beat Movement nur ein Sprungbrett. Schnell sei klar geworden, auf welchen Fundamenten die „geschlagene Generation“ ihre Worttürme errichtet hätte. Da seien Shelley und die englische Romantik, Dylan Thomas, Pound, Jeffers. Dazu noch jene nordamerikanische Riege, die mittlerweile in Vergessenheit geraten, dem deutschsprachigen Publikum aber mittels altaQuito verfügbar ist.

Eingeweihte wissen es, Leser, die sich im Grenzland umtun, abseitigen Spuren folgen. Es gibt ein Netzwerk, sagen die Göttinger. Noch immer. Auch nach dem Tod des großen Vermittlers Biby Wintjes und seiner „Ulcus Molle“-Ära. Immer noch existieren Buchhändler, die Harbaums Titel ordern. Daneben Internet-Enthusiasten, die regelmäßig berichten von den „beautifully published“ Neuheiten. Das mit einem aztekischen Fuchswesen gekennzeichnete Verlagsverzeichnis ist die einzige Reklame, die in Umlauf gebracht wird. Eine Website? „Damit haben wir uns nie beschäftigt.“ Auf der Buchmesse wird nicht präsentiert, dagegen der Minipressenmesse die Treue gehalten. Ob dies nach dem Umzug in die Mainzer Stadthalle – „die Atmosphäre ist jetzt dahin“ – so bleiben wird, ist jedoch fraglich.

Viele der Weggenossen sind unterwegs verloren gegangen. Dass altaQuito innerhalb einer überhitzten und krisenanfälligen Branche seine Standfestigkeit behalten hat, spendet Hoffnung. Um mit Wolfgang Rüger zu sprechen: „Literatur, die sich nicht an den gängigen Marktkonventionen orientiert, kann heute hierzulande nur noch verlegen, wer nichts zu verlieren hat: Einmannfirmen und Kamikazeunternehmer.“ altaQuito ist weder das eine noch das andere. Die Herausgeber haben ihre Brotberufe im akademischen Sektor niemals in Frage gestellt. „Das sichert uns Freiheit“, sagt Ingrid Harbaum. Nur ohne ökonomische Sachzwänge sei der lange Atem möglich. Als typische Verleger sehen sie sich ohnehin nicht: „Wir betreuen keine Autoren, erfüllen keine soziale Funktion.“ Das Best-Selling steht nicht im Fokus, der Ansatz ist anderer Art.

Basis aller Mühen und Freuden ist der jeweils zu übersetzende Text, ein Massiv aus Absicht, Ausspruch, Atmung. Beileibe keine harmonische Arbeit, auch im vertrauten Bei- und Nebeneinander nicht. Erstritten wird die endgültige Fassung über Wochen, Monate. Jeder Schritt ist dokumentiert und archiviert. Unter der Dachschräge lagert sie, die Geschichte der Jahrzehnte währenden Herausgeber-Tätigkeit. Alleine die umfangreichen Briefwechsel – oft wurden die Rechte bei den Autoren selbst eingeholt – sind Kulturgüter ersten Ranges.

So entstehen die „Saxifraga“- Hefte, zwei Dutzend Seiten Inhalt, selten mehr. Eine Edition, die nicht zufällig jene Pflanzengattung im Titel trägt, die Felsen brechen und Gebrechen heilen kann.

„Feldnotizen zur Dichtung“ nennt sich die Wiedergabe eines Interviews zwischen Eliot Weinberger und Gary Snyder. Treffender lässt sich kaum benennen, was das Übersetzer-Paar seit Beginn an umtreibt. Außer den Dichtungen haben Aufsätze und Interviews ihren festen Platz, stehen nebeneinander und befeuern sich gegenseitig. Visionäre Schau und geistiger Unterbau: In dem Snyder-Band „Geist der Berge. Ein Gedicht und sein Essay“ ist dies – ein Beispiel nur – höchst anregend verwirklicht. Gemeinsamkeiten, Querverweise prägen das Programm.

Was Patchen und Rexroth schon früh in Zusammenarbeit mit Jazzmusikern praktizieren, wird von McClure aufgegriffen und weitergetrieben. Janis Joplin hat seine „Mercedes Benz“-Verse berühmt gemacht, die bühnentaugliche Komplizenschaft mit den Doors ist legendär. Also Musik. Die auch beim Übersetzen im Obergeschoss den Takt vorgibt. Bob Dylan ist eine feste Größe (spannt nicht Rexroths „Die Sandkörner aller Meere / sind gezählt“ einen Bogen zu dessen „every hair is numbered like every grain of sand“?), Grateful Dead, Creedence Clearwater Revival, Mississippi John Hurt. Und der „Freight Train“ von Elizabeth Cotten, stampfend und heulend durch die Göttinger Nacht, mitten hinein ins Herz der deutschen Romantik.

Wo die Natur und ihre Verfasstheit immerwährendes Thema ist. Von einer „Ökologie der Unendlichkeit“ schreibt Kenneth Rexroth. Und Reinhard Harbaum schreibt fernöstlich inspirierte Dreizeiler – seit zehn Jahren täglich. Seine „Haiku West Kartographie“ speist sich aus Gelassenheit und Versenkung. Eine Vermessung des Nahen und des Fernen. Und heute, an einem Tag im Oktober, zu Zeiten des Vogelfluges, spricht er allen Dichtern der dreifältigen Göttin aus dem Herzen: „Dass mir immer die / Tinte fließe, wenn die Kraniche / vorüberziehen.“

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