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„Alles über Heather“ Tödliche Blicke

„Mad Men“-Erfinder Matthew Weiner legt seinen ersten Roman vor. Gleich ist man gefesselt.

Jon Hamm and Matthew Weiner attend the "Mad Men: Live Read & Series Finale" held in Los Angeles
Matthew Weiner (l.), hier mit Jon Hamm, Donald Draper aus ?Mad Men?. Foto: Phil McCarten (X01882)

Heather ist ein Wunschkind. Karen und Mark Breakstone hatten relativ spät geheiratet, zum perfekten Paar fehlte den New Yorkern nur noch der Nachwuchs. Der Finanzmakler Mark schaffte rechtzeitig den beruflichen Aufstieg, während die Lektorin Karen bald jegliche professionellen Ambitionen aufgab, um eine Supermutter zu werden. Dann setzt der Autor ein Sternchen und führt im nächsten Absatz des Romans „Alles über Heather“ eine andere Person ein, Bobby Klasky, in ganz anderen Verhältnissen lebend, nämlich am unteren Rand der US-amerikanischen Gesellschaft.

Das Buch birgt Konflikte hinter den Pappdeckeln, die einen großen Roman hätten füllen können. Der Autor Matthew Weiner kommt aus der Welt des Fernsehens, er hat bei den „Sopranos“ mitgearbeitet und „Mad Men“ erfunden, er ist ein Mann für weitverzweigte, über lange Zeit in Atem haltende Geschichten mit psychologischer Raffinesse. Dass sein erster Roman so ein schmales Buch von nur 124 Seiten ist, macht vor dem Lesen misstrauisch. Doch wenn man es angefangen hat, kann man sich nicht davon lösen.

Weiner führt seine recht einfach ausgestatteten Figuren, die jeweils etwas Modellhaftes haben, von entgegenstehenden Polen aufeinander zu. Wie die zwei Teile eines Reißverschlusses ist jeder Strang für sich Abschnitt für Abschnitt ausgearbeitet: Dort entwickelt sich das Familienleben der Breakstones, vom Vater finanziell versorgt, von der Mutter überwacht und mit Visionen gefüttert. Auf jeder Stufe (jedem Reißverschlusszähnchen) erweist sich Heather als Prachtexemplar, wissbegierig und umgänglich.

Eine explosive Mischung

Bobbys heroinabhängige Mutter dagegen, die nur durch Prostitution zu Geld kommt, lässt den Jungen spüren, dass er ihr lästig ist. Er ist schlau, aber ohne Freunde, kann kein Gefühl dafür entwickeln, wie er sich einem attraktiven Nachbarsmädchen nähern könnte, ohne sie sich mit Gewalt zu nehmen, und so landet er im Knast.

Zeitlich rücken die Geschichten weiter, man erwartet, dass sie sich treffen, als Bobby aus dem Knast kommt und in unmittelbarer Nähe der Breakstones Arbeit findet. Währenddessen wächst auch innerhalb der jeweiligen Milieus die Unruhe: Karen und Mark Breakstone ringen um ihre Rolle im Leben ihrer Tochter. Bobby sieht seine Mutter ein letztes Mal. Er ist durch die Haft gestählt, zu spät wird seine psychische Labilität erkannt, wie zum Hohn für seine Opfer wird ihm selbst aufgegeben, sich zu beherrschen.

Matthew Weiner hat einen großen Tragödienstoff so intensiv eingedampft, dass er sich zu einer explosiven Mischung konzentriert, in fünf starken Kapiteln. Als, um im Reißverschluss-Bild zu bleiben, der Zipper nach beiden Erzählsträngen greift und sie zusammenführt, ahnt Mark in jedem männlichen Wesen eine latente Bedrohung, er sieht es in dramatischen Bildern vor sich, wie er seine mittlerweile pubertierende Tochter verliert. Und dann nimmt Bobby – als Bauarbeiter am Haus der Familie – Heather zum ersten Mal wahr: „Für jemand anderen wäre in diesem Moment vielleicht die Zeit stehengeblieben, aber Bobby besaß keine Vorstellung von Zeit, deshalb waren die Dinge für ihn entweder interessant oder langweilig, und wenn es um Menschen ging, bedrohlich oder erregend.“

In einem Film oder einer Fernsehserie muss der Autor mit den Handlungen seiner Figuren zeigen, was der Zuschauer begreifen soll. In der Literatur, vor allem, wenn er die auktoriale Erzählweise wählt, kann der Autor behaupten, was er für seine Geschichte braucht. Und mit der klischeehaften Deutlichkeit der Unterschiede zwischen der wohlsituierten Familie und dem Ex-Häftling transportiert Matthew Weiner mit seinem Roman das gesellschaftliche Klima in den USA von heute: Es gibt Mitspieler und es gibt Außenseiter, zwischen beiden Gruppen weht ein ziemlich eisiger Wind. Nur Heather ist aus der Art geschlagen, mit ungewöhnlich viel Empathie ausgestattet; sie interessierte sich von klein auf für andere Menschen.

Zwangsläufig bewegen sich die Konflikte der Handlung auf eine Entladung zu. Man glaubt zu wissen, was passiert. Aber es ist anders. Matthew Weiner kann auch mit sparsamen Mitteln groß erzählen.

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