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Alles so schön zart hier

Mit Verlaub, so geht das nicht: In seinem Roman "Das böse Mädchen" drückt Mario Vargas Llosa zu sehr auf die Tube

11.10.2006 00:10
KARIN CEBALLOS BETANCUR

Die literarische Referenz ragt aus der Handlung, unmissverständlich und weithin sichtbar wie ein leuchtfeuernder Turm, als Ricardo Somocurcio nach Paris zurückkehrt und in Flauberts Lehrjahren des Gefühls blättert. In der Tat: Man könnte Das böse Mädchen als Entwicklungsroman lesen, unter verkehrten Vorzeichen. Mario Vargas Llosa beschreibt in seinem neuen Roman eine Liebesgeschichte inmitten der Wirren des späten 20. Jahrhunderts, das wie ein Karussel um seine Protagonisten wirbelt, die jedoch seltsam still, verwirrt, ohnmächtig im Zentrum verharren. Es gibt keine Sinnsuche, kein Ziel, nicht einmal die Hoffnung auf Veränderung, statt dessen Stagnation und Verfall.

Schon als Junge, inmitten eines peruanischen Vorstadtidylls der frühen 50er Jahre, verfällt Ricardo Somocurcio den rätselhaften Reizen eines Mädchens, des bösen eben. Lily, "die kleine Chilenin", scheint etwas zu verbergen, ein Geheimnis, das bereits am Ende des ersten Kapitels gelüftet wird: Lily heißt weder Lily, noch stammt sie aus Chile, sondern vielmehr aus ärmlichen, peruanischen Verhältnissen, die sie zu verschleiern sucht, um ihnen zu entkommen. Ricardos Vorstellung vom Glück hingegen besteht im Wesentlichen darin, nach Paris auszuwandern und ein ruhiges Leben zu leben, unbehelligt von den starren Moralvorstellungen seines überaus konservativen, katholischen und klassenbewussten Umfelds.

Im Laufe der Jahre, in Frankreich, England, Japan, begegnet er dem "bösen Mädchen" immer wieder, an unterschiedlichen Orten, unter unterschiedlichen Umständen, und verfällt ihr stets aufs Neue, ohne ihr Geheimnis je umfassend ergründen zu können. Das klingt ein wenig banal. Und das bleibt es auch über weite Strecken des Romans.

Vielen Autoren könnte man diesen Roman verzeihen, ihn als Debüt sogar mit einigem Wohlwollen betrachten. Aber Mario Vargas Llosa ist nicht irgendein Autor. Wer Das grüne Haus geschrieben hat, ein Werk von bemerkenswerter stilistischer Komplexität, aufgeladen mit einem Höchstmaß an erzählerischer Energie, ein wesentlicher Grund dafür, dass der inzwischen 70 Jahre alte peruanische Schriftsteller und Ex-Politiker zuweilen als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt wurde, Vargas Llosa verzeiht man einen solchen Roman ungleich schwerer. Dabei wäre sein Gerüst durchaus belastbar: Was richtet eine Kindheit an, verlebt in prekären Verhältnissen, ausgeschlossen von einer Gesellschaft, die ihre Privilegien eisern verteidigt? Vom jungen Vargas Llosa, dem kritischen, neugierigen Autor seines ersten Romans Die Stadt und die Hunde (1962) hätte man sich dieses Buch gewünscht. Jetzt liest es sich, als sei der Stoff in seiner Schublade welk geworden.

Alles an ihr war klein

Die in Kapitel aufgeteilten Begegnungen sind ein Reigen des Scheiterns - und neigen bis über den Buchscheitel hinaus zur Redundanz. Wenn gegen Ende Spannung entsteht, so deshalb, weil in Aussicht gestellt wird, dass ein wenig Licht auf die Motivation des bösen Mädchens fällt, für ihre schroffe, sadistische Zurückweisung Ricardos, den bis an die äußersten Grenzen des Masochismus reichenden Willen, sich materielle Sicherheit und Anerkennung zu verschaffen. Die symptomatische Ebene aber wird nicht durchbrochen. "Ein Konglomerat schlechter Erinnerungen (Armut, Rassismus, Diskriminierung, Benachteiligung, zahlreiche Enttäuschungen?)"

Am plastischsten geraten Vargas Llosa diejenigen Nebenpersonen, die er direkt aus der Realität ins fiktive Geschehen montiert: Luis de la Puente Uceda etwa, Begründer des Movimiento de Izquierda Revolucionaria (MIR). Wäre die Liebesgeschichte nur ein vordergründiger Anlass, um ein schillerndes Sittengemälde des späten 20. Jahrhunderts zu entwerfen, würde die flache Figurenzeichnung weniger ins Gewicht fallen. Doch auch die wechselnden sozialhistorischen Szenerien wirken wie rasch hingespinselte Kulissen auf dünnem Pressholz. So landet der bei seiner Ankunft mittellose Ricardo Somocurcio nicht in irgendeiner Wohnung in Paris, nein, es ist die lateinamerikanische Dachkammer, die er anmietet, selbstredend klein, kalt und spärlich möbliert. Er frequentiert Cafés im Quartier Latin, sieht Filme der Nouvelle Vague. Französisch ist "die Sprache Montaignes", Russisch "die Sprache Tolstois und Dostojewskis". Japanische Mafiabosse sind fies, pervers und schänden, Lateinamerikaner warmherzig und rührselig. Auch nach Frankfurt verschlägt es Ricardo, der als Übersetzer arbeitet: "Wir gingen einen Kaffee trinken, gleich in der Cafeteria des Kaufhauses, die von Frauen mit pummeligen Kindern bevölkert war und von Türken geführt wurde." Nun.

Unterdessen entkommt das böse Mädchen in keinem Moment dem Lolita-Schema: Ihre Brüste sind "klein", mit "aufgerichteten Knospen", das Hinterteil, ach, der ganze Körper ist ebenso wie die Klitoris "klein", später sogar "winzig". Ricardo stellt sich vor, wie ihre "zarten Finger sich bemühen, die Machete zu halten", auf den Zuckerrohrfeldern Kubas, ihre Taille ist schmal und ihre Augen haben "die Farbe dunklen Honigs", ein besonderes Kennzeichen, das dem Leser bis zur Schmerzgrenze immer wieder in Erinnerung gerufen wird.

Dass ein Mann unter der pathologischen Liebesunfähigkeit einer Frau leidet, macht den Zugang nicht weniger machistisch. Ricardo wird nur vordergründig zum Opfer. Tatsächlich behält er, und mit ihm das angepasste Mittelmaß, Recht. Jeder Versuch des Mädchens, selbstbestimmt gegen die Zumutungen ihrer Existenz aufzubegehren, wird disqualifiziert - als nicht aufrichtig gewollt oder als erfolglos.

Die Geburt regelt das Leben

Der politische Kampf kommt als Option nicht in Frage. Wer sich wehrt und die Freuden der kleinbürgerlichen Existenz verschmäht, dem drohen Aids, Tod und Verderben, dem, der sie mit dekadentem Übermaß zu sprengen sucht, Verlassenwerden, Stumpfsinn und Einsamkeit. Qua Geburt scheint das mit einem gerüttelten Maß an Frigidität ausgestattete böse Mädchen zum Außenseitertum verdammt, aus dem sie nur ein Ritter mit Ärmelschonern befreien kann.

Vielleicht, so könnte man glauben, vielleicht ist das alles ein erzählerischer Kniff: der Versuch, das 20. Jahrhundert aus der Sicht eines spießigen, genügsamen Peruaners der Mittelschicht zu schildern, der seine Unterhosen bügelt und sich von Schwierigkeiten fern hält. Immer wieder wirft das böse Mädchen Ricardo vor, "kitschiges Zeug" zu erzählen. Allerdings gleitet der Duktus nicht nur in der direkten Rede in schwülstige Niederungen: "Sag mir einmal im Leben, dass du mich liebst, böses Mädchen. Auch wenn es nicht wahr ist. Ich will wissen, wie es klingt, wenigstens einmal." Und: "Ich würde ihr niemals verzeihen, sagte ich, dass sie ausgerechnet an diesem Abend so schön sei, wo ich entdeckt hätte, dass ihre kleinen Ohren minimalistische Wunderwerke seien." Und: "Ihr mit meinem Mund und meinen Händen Lust zu schenken und sie auf die gleiche Weise von ihr zu empfangen, rechtfertigte mein Leben, gab mir das Gefühl, unter den Sterblichen der Privilegierteste zu sein." Mit Verlaub: Argh.

Für die erotische Obsession Ricardos findet der Autor jenseits körperlicher Anziehung keine plausible Erklärung. Statt dessen muss das böse Mädchen irgendwann anfangen, sich nach dem Kitsch ihres Verehrers zu sehnen. Auf diese Weise wird eine männliche Mittelklassenexistenz psychisch abgesichert. Was abweicht und Überschuss verspricht, entwickelt sich zum Objekt der Begierde, das durch das Einpassen in die eigene Lebenswelt unterworfen und beherrschbar gemacht werden soll.

Natürlich verfügt Mario Vargas Llosa über ein so außergewöhnliches Maß an erzählerischem Können, dass er mit dem Bösen Mädchen dennoch zu unterhalten versteht. Aber was hätte man gegeben für einen einzigen, aufrichtigen inneren Monolog Ricardos. Die Stimme des bösen Mädchens. Ein Labyrinth der Schmerzen, in dem die Beschädigungen offen zutage treten, statt mit falschen Glücksversprechen geölt in einem Rutsch fortgespült zu werden. An einer Stelle beschwert sich Ricardo Somocurcio über eine Sorte russischer Autoren und deren "unbedeutende Romänchen, die mit der gleichen Geschwindigkeit, mit der ich sie auf spanisch neu schrieb, aus meinem Gedächtnis verschwanden". Leider ergeht es dem Leser kaum anders.

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