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Alina Bronsky: „Baba Dunjas letzte Liebe“ Der höfliche Tod

Alina Bronsky über das Leben in der Sperrzone.

13.10.2015 10:39
Claudia Reinhard

Die Grenze zwischen Freiheit und Ignoranz verläuft oft hauchdünn, genau wie die zwischen Rückzug und Flucht. Baba Dunja ist eine alte Frau, die ihren Lebensabend selbst gestalten will und zwar in ihrer Heimat, dem kleinen Dorf Tschernowo. Das Besondere daran: Tschernowo liegt in der sogenannten Todeszone, das Dorf wurde 1986 verstrahlt.

Dort lebt sie nun mit einigen anderen Alten, die Baba Dunja zur inoffiziellen Anführerin dieser eigensinnigen Gemeinschaft auserkoren haben. Nach Überzeugung der Protagonistin gibt es aber eigentlich gar keine Gemeinschaft. Man arrangiert sich, die einen mag man mehr, die anderen weniger. Verpflichtet ist keiner keinem, was einen großen Teil dieser Freiheit ausmacht, die allerdings auch mit dem Wunsch zu tun hat, niemandem zur Last fallen zu wollen.

Baba Dunjas Familie lebt schon lange nicht mehr im Land, ihre Tochter Irina ist mit einem Deutschen verheiratet. Sie schickt regelmäßig Briefe und Pakete, und während die alte Frau sich über die Briefe freut, ist sie von den Geschenken eher genervt – will nicht, dass jemand unnötig Geld für sie ausgibt. Das sagt sie nicht nur, das denkt sie auch. Jedenfalls denkt sie, dass sie es denkt, aber zu derartigen Psychologisierungen lädt die russischstämmige Autorin Alina Bronsky, die 2008 gleich mit ihrem Debüt „Scherbenpark“ bekannt wurde, nicht ein. Sie nimmt ihre Protagonistin ernst in ihren Überzeugungen und will, dass die Leser es ihr gleichtun. Sie distanziert sich von der verbreiteten Haltung, alten Menschen, ähnlich wie Kindern, zu unterstellen, nicht zu wissen, was sie eigentlich wollen oder was ihnen wirklich gut tut.

So stellt sie auch Baba Dunjas Entscheidung, in dieser lebensfeindlichen Umgebung zu wohnen, nie infrage. Die Erklärung, die alte Frau habe nichts mehr zu verlieren, drängt sich zu Beginn auf, doch bald wird klar, dass sie Nachteile zugunsten ihrer Unabhängigkeit in Kauf nimmt und die eigene Sterblichkeit längst akzeptiert hat: „Der Tod kann kommen, aber bitte höflich.“

Auch literarisch wird Tschernowo nicht als bedrohlich, sondern eher als mystisch-vertraute Zwischenwelt beschrieben, in der die Toten in der Tradition des magischen Realismus als friedliche Geister unter den Lebenden wandeln. Die Früchte der Natur sprießen, zahme Tiere gehen in den Häusern ein und aus, die Vögel zwitschern laut. Häuser werden instand gehalten, aber nicht unnötig dekoriert, die Menschen helfen sich gegenseitig, wenn es sein muss, ungefragt, selbstverständlich.

Die Strahlung ist irgendwo dazwischen, unsichtbar. Man kann sie weder fühlen noch sehen, und für die Bewohner von Tschernowo ist sie kaum ein Thema, außer wenn neugierige Wissenschaftler vorbeikommen oder eine Katze augenlose Jungen wirft.

Überall auf der Welt wollen die Medien aus dem Leben der Alten ein Spektakel machen, es mal ausschlachten, mal romantisieren. Hier entfaltet die Strahlung eine geradezu schützende Wirkung. Romantisierung ist Bronsky spürbar zuwider, sie vermeidet ausgestellte Melancholie und schöne Tragik, die sich bei dem Thema unweigerlich anbieten. Romantische Liebe gibt es in Tschernowo nicht, weder vor noch nach dem Unglück. Der Alltag im Dorf wird erfrischend abgeklärt erzählt, sachlich in kurzen Sätzen. Baba Dunja hat keinen Sinn für Ausschmückungen. Sie sucht nichts mehr, in dieser für den Leser außerordentlich geheimnisvollen Welt. „Wenn ich mich in meinem Alter noch über Menschen wundern würde, käme ich nicht einmal mehr zum Zähneputzen.“ Mit beruhigender Beiläufigkeit berichtet sie sowohl von ihrer Obst- und Gemüseernte als auch riesigen Spinnweben und gespaltenen Schädeln. Als Erzählerin wendet sie sich immer wieder direkt an den Leser, lässt sich aber von der Handlung unterbrechen, die plötzlich ungeahnt dramatische Züge annimmt, als ein gutgelauntes Kind in das giftige Dorf spaziert.

Alina Bronsky war acht Jahre alt und lebte noch in der Sowjetunion, als der Reaktor in Tschernobyl explodierte. Sie selbst hat in der Sperrzone, wo heute tatsächlich wieder vereinzelt Menschen leben, nicht recherchiert, aber das tut ihren lebendigen Beschreibungen keinen Abbruch. Eben weil sie, wie die Rückkehrer, die dort leben, den Ort nicht als Schauplatz einer Katastrophe behandelt, sondern als Heimat, als ein Zuhause. Das bedeutet freilich für jeden etwas anderes. Für Baba Dunja ist es vor allem die Freiheit, über ihr Leben entscheiden zu können und außer ihr selbst damit niemandem zu schaden. Was das jenseits von erbaulichen Klischees bedeuten kann, leuchtet Bronsky sehr sensibel aus und führt den Leser dabei immer wieder mit einem Augenzwinkern aufs Glatteis.

Ganz nebenbei stellt sie große Fragen nach Würde und Intimität, fällt schonungslose Urteile und stellt die alte Baba Dunja auf jeder Seite vor eine neue Herausforderung. Ihre Welt mag verstrahlt sein, aber die Menschen, die dort leben, scheinen um ein vielfaches gesünder als die, die sie von dort wegholen wollen. Bronsky feiert das Heldenhafte in der Pragmatik und erzählt von einem Leben, das auf den ersten Blick selbstzerstörerisch scheint, aber tatsächlich voller Liebe ist.

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