Lade Inhalte...

Alice Munros meisterhafte neue Geschichten Der doppelte Triumph des Erzählens

Gewalt – und Glück! – ist Teil der Weite und Tiefe, die das Leben ausmacht. Die kanadische Erzählerin Alice Munro zeigt dies in ihrer jüngsten Sammlung von zehn Erzählungen, die nun auf Deutsch erschienen sind.

Wird am 10. Juli dieses Jahres 80 Jahre alt: Die kanadische Autorin Alice Munro (Archiv). Foto: dpa

Als die kanadische Erzählerin Alice Munro vor zwei Jahren den dann erst zum dritten Mal verliehenen Man Booker International Prize für ihr Gesamtwerk erhielt, formulierte sie das Anliegen ihres Schreibens so: es gehe ihr um die eigentümliche Schönheit, die „auf dem Schimmern des Meeres“ liege. Das kleine Bild sagt bemerkenswert viel. Denn der Meeresschimmer fasziniert, wie es kein Funkeln auf flachem Gewässer kann: Weil man eben, wie in den Geschichten Alice Munros, um die dunkle Tiefe weiß, die sich unter der Oberfläche erstreckt. Und unbedingt gehört zum Effekt die scheinbare, natürliche Schlichtheit der Zutaten: Licht, Wasser, Bewegung.

Es wurde oft bemerkt, dass Alice Munros Sprache sich so unauffällig macht, dass die Treffsicherheit ihrer Beobachtungen gänzlich unprätentiös, ja fast schlafwandlerisch wirkt. Ihre jüngste Sammlung von zehn Erzählungen, auf Deutsch nun erschienen als „Zu viel Glück“, enthält ungewöhnlich viele Gewalttaten, zwei Dreifach-Morde sogar. Aber diese Gewalt ist nicht der Kern, zu dem sich der Text summieren ließe. Gewalt – und Glück! – ist hier selbstverständlicher Teil der Weite und Tiefe, die das Leben ausmacht.

In jeder Geschichte, und sei sie nur 20 Seiten lang, schieben sich Sonden und Fühler durch die Finsternis hindurch in unterschiedlichste Bereiche des jeweiligen Menschenlebens. Es sind mögliche Alltage, die Alice Munro zusammensetzt. Meisterhaft springt sie dabei durch die Zeit. Erinnerung und Gegenwart greifen mit einer Eleganz ineinander, dass wiederum die erzählerische Kunstfertigkeit dahinter sich keinen Moment aufdrängt.

Fakt und Fiktion

Andere Autoren würden einen Roman machen aus der Fülle dieser Leben. Zum Beispiel aus der Biografie der Mathematikerin Sofia Kowalewskaja, von der Alice Munro mittels Fakt und Fiktion erzählt in der Titelgeschichte „Zu viel Glück“. Kowalewskaja (1850–1891) lebte ein für ihre Zeit so außergewöhnliches wie dann doch auch typisches Frauenleben: Um zu weiteren Studien ins Ausland reisen zu können, schloss sie eine Scheinehe, denn Russinnen durften nur in Begleitung von Vater oder Ehemann unterwegs sein, sie erhielten gar keinen eigenen Pass.

1883 beging ihr Mann, der von Spekulanten betrogen worden war, Selbstmord; und wurde sie Professorin in Stockholm. Strindberg, der misogyne August, schmähte aufs Übelste das „Scheusal“, das eine Mathematik lehrende Frau seiner Meinung nach zwangsläufig war.

Wie würde er Alice Munro rezensieren, die mit ganz feinem Stilett immer wieder über „lives of girls and women“ (so der Titel einer Geschichtensammlung von 1971) schreibt? Die einen klaren Blick hat auf den „männlichen Verhaltenskodex und damit all seinen Risiken und Grausamkeiten, seinen komplizierten Bürden und bewussten Täuschungen.

Seinen Regeln, von denen man als Frau in einigen Fällen profitiert, in anderen wiederum nicht“ („Zu viel Glück“). In „Dimensionen“ bringt ein Mann seine drei Kinder um, weil seine Frau sich vor seinem kalten Zorn zu einer Nachbarin geflüchtet hat – die Erzählung setzt ein, als sie Jahre später fährt, ihn im Gefängnis zu besuchen.

In „Der Grat von Wenlock“ liest die Ich-Erzählerin, damals ist sie Studentin, einem alten Mann vor - nackt und die Beine nicht übereinandergeschlagen, wie er es wünscht. Erst im Alter begreift sie, wie tief sein Wunsch, aber vor allem ihr schnelles, feiges Einverständnis sie verletzt haben.

Violettes Muttermal auf der Wange

Nur zwei der zehn Geschichten sind aus Männersicht geschrieben, und auch der Erzähler in „Gesicht“ leidet unter männlicher Unfähigkeit zu lieben: „Ich bin davon überzeugt“, beginnt er, „dass mein Vater mich nur ein einziges Mal ansah, betrachtete, besichtigte.“ Denn das Baby, der eigentlich stramme Junge, hat einen „dicken Klecks“, ein violettes Muttermal auf der Wange.

Alice Munro wird am 10. Juli dieses Jahres 80, so sind verstärkt auch Alter und Krankheit ihr Thema geworden. „Es verwundert mich manchmal, wie alt ich bin“, beginnt die Erzählerin von „Manche Frauen“. Und Nita in „Freie Radikale“ ist so krebskrank, dass sie weiß, sie hat nicht mehr sehr lange zu leben. Und doch.

Und doch kämpft sie, als ein aggressiver junger Mann, ein Mörder, sich in ihr abgelegenes Häuschen drängt, um dieses nur noch in Monaten zu bemessende Stück Leben. Sie vertraut ihm an, dass sie einst eine Nebenbuhlerin vergiftete. Sie suggeriert ihm, nun habe durch das Geständnis auch er sie in der Hand. So nimmt er ihr tatsächlich nur das Auto und fährt davon. – Die Erzählung ihrer Tat ist Fiktion, die Geschichte erfunden. Es ist ein doppelter Triumph der Literatur. Und natürlich Alice Munros.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen