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Alexandre Kojève „Tagebuch“ Er wollte nur Philosoph sein

Frühe Tagebücher von Alexandre Kojève, dem äußerst einflussreichen Architekten eines europäischen „Lokalen Imperiums“.

09.06.2015 14:11
Oleg Jurjew
Kein gewöhnlicher Achtzehnjähriger: Alexandre Kojève.

1 Wir lernten Dialektik nicht von Hegel, sagte der Sowjetdichter Majakowski und meinte die unmittelbare Gestaltung der Geschichte, die Revolution. Aber der junge Mann, dessen Tagebuch wir hier lesen, tat das schon! Nur etwas später. Im Moment fährt er von Moskau über Warschau nach Berlin, weil er studieren will, was ihm im Kriegskommunismus-Moskau verwehrt wird. Wir schreiben das Jahr 1920, Alexander Koschewnikow, der einer reichen und kultivierten Moskauer Kaufmannsfamilie entstammt, ist achtzehn. Heute habe ich die Grenze überquert, schreibt er am 28. Februar 1920. Jetzt bin ich nicht mehr in Russland, sondern in einem fremden Land... Ab jetzt wird er immer in einem fremden Land sein, niemals in seinem eigenen.

Wir sind ja alle Geiseln der Geschichte. Der junge Mann kann nichts dafür, dass sein Land, in dem er wahrscheinlich zu einem wichtigen Philosophen, Politiker oder Schriftsteller geworden wäre, von einer Revolution zerstört worden ist, welche die Zivilisation (im Sinne der zivilen Umgangs- und Lebensformen) beinahe vollständig abschaffte.

Früher, vor dem Weltkrieg, hätte der Weg nach Heidelberg in einem komfortablen Zug ein paar Tage gedauert, nun braucht er ein halbes Jahr dafür. Angekommen findet er sich in einem ebenfalls zerstörten Land wieder, in Deutschland, das die äußeren Formen der Zivilisation behält, aber sichtlich bereit ist, seine Kultur durch eine „nationale Antikultur“ zu ersetzen.

Er studiert Sanskrit und Chinesisch, dann Philosophie, schreibt bei Karl Jaspers eine Dissertation über den russischen Denker Vladimir Solowjew – und weg ist er (1926 oder 1927), nach Frankreich, das, glaubt er wahrscheinlich, noch intakt ist. Er ist reich, er kann das Leben eines Privatphilosophen und Genießers führen, aber der Börsenkrach von 1929 vernichtet sein in Aktien angelegtes Geld. Hätte der künftige Wirtschaftsguru seine Familienjuwelen unter dem Kissen gelassen und nach Bedarf verkauft, wäre er wahrscheinlich besser dran. Nun muss er sich aber einen Job suchen.

2 Der Job: Er unterrichtet Hegel, der in Frankreich beinahe vergessen ist, in der École pratique des hautes études (1933 – 1939). In erster Linie „Die Phänomenologie des Geistes“ in eigener Lesart. Parallel sucht er nach „der Weltseele“ um sich herum. Und findet Joseph Stalin, der für ihn das wird, was für Hegel Napoleon war. Deshalb schreibt er nach Moskau einen Brief (man munkelt, von mehr als 100 Blatt), um die „Weltseele“ über ihre Rechte und Pflichten aufzuklären. Keine Antwort.

Er nimmt die französische Staatsbürgerschaft an und wird zu Alexandre Kojève. 1939 wird er mobilisiert, aber die französische Armee verliert den Krieg zu schnell, um den Bürger Kojève in den Kampf zu schicken. Nach dem Krieg beginnt seine bescheidene, aber äußerst wirksame Karriere als Mitarbeiter des Wirtschaftsministeriums. Was uns auf den entgegengesetzten Gedanken bringt: Auch die Geschichte ist eine Geisel von uns, zumindest von einigen von uns. Das wäre ein mustergültiger Hegelianismus, wenn die Geschichte nicht zu unromantischen Spielchen aufgelegt wäre. In vielerlei Hinsicht. Seine Tätigkeit als Wirtschaftsbeamter hat er vor dem Hintergrund der alten hegelianischen Idee vom Ende der Geschichte gesehen: Nach dem Zweiten Weltkrieg hätten sich „lokale Imperien“ herausgebildet, die sich nicht mehr besiegen konnten.

So musste auch Europa zu einem „lokalen Imperium“ werden, um an dem Weltgleichgewicht teilzuhaben. Ähnlich wie Hegel das napoleonische Weltreich durch das niedliche Preußenkönigtum als Staatsideal ersetzen ließ, nahm sein Interpret mit dem biederen Europa der Handelsabkommen vorlieb. Stalin war ja tot und schrieb nicht zurück. Welches Ende der Geschichte ist das richtige – nach den Napoleonischen Kriegen, nach dem Ersten oder nach dem Zweiten Weltkrieg? Wahrscheinlich das erstere, hätte er gemeint. Oder alle drei. Dialektik!

3 Alexandre Kojève hat zwei Großtaten vollbracht, obwohl er keine vollbringen wollte – er wollte nur Philosoph sein: Erstens hat er durch seine Hegel-Vorlesungen eine ganze Reihe von (künftigen) führenden französischen Geistern entscheidend beeinflusst (Raymond Queneau, Georges Bataille, Raymond Aron, Jacques Lacan u. v. a.). Diese Geister haben im Nachkriegsfrankreich den ganzen linken Diskurs jenseits der klassischen Sozialdemokratie bzw. des klassischen Bolschewismus entfacht, und dadurch schließlich den Mai 1968, der das Äußere Europas änderte. Wollte er das? Er nannte sich zwar „Bolschewik“ und „Stalinist“, war aber kein Linker. Die Studentenrevolte nannte er „Farce dieser widerlichen Sauerei“. Unvergesslich ist sein Ratschlag an Rudi Dutschke, der ihn nach Berlin einlud, lieber „Altgriechisch zu lernen“.

Und zweitens: Der russische Exilant und Beamte des französischen Wirtschaftsministeriums war der führende Kopf und die treibende Kraft der europäischen Einigung, die ihren Ursprung im von Kojève angetriebenen Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen hatte. Er wollte eine Union schaffen, um die führende Rolle Frankreichs in einem Europa der „fremden Länder“ zu wahren. Im Juni 1968, als er in Brüssel während einer Rede starb, konnte er nicht ahnen, dass auch dieses Vorhaben ins Gegenteil des Gedachten umschlagen würde: Statt der Schaffung eines Europas, das zwischen dem angelsächsischen Imperium und der UdSSR Bestand haben könnte, wurde die Europäische Union, wie wir beobachten können, zu einem gemeinsamen Hals, den die Hand von Onkel Sam umfasst hält.

4 Das Tagebuch eines Philosophen, d. h. eines jungen Mannes, der sich Philosoph nannte, ist für uns als Möglichkeit, den Menschen Koschewnikow kennenzulernen, interessant. Ansonsten ist es schwer, in diesen Aufzeichnungen etwas zu finden, das ihn von den anderen Achtzehnjährigen seines Standes und Landes unterscheidet. Peinlich schlechte Gedichte, die sogar in Übersetzung wenig von ihrer Peinlichkeit einbüßen... . Spuren der Rassentheorie beim Versuch, den Antisemitismus im sowjetischen Moskau zu erklären... .

Aber eben diese Gewöhnlichkeit macht den Leser hellhörig und nachdenklich, wenn er nicht vergisst, welchen Einfluss dieser junge Mann auf unser aller Leben hatte.

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