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Alexander Osangs "Königstorkinder" West-östliche Klischees

erAlexander Osang beklagt in „Königstorkinder“ die Veränderungen am Prenzlauer Berg: Es ist kein reines Schwarzweißbild, das Osang zeichnet, wenigstens das nicht. Doch aus den Befindlichkeiten der Figuren lässt sich nichts ableiten. Wo liegt der Erkenntniszuwachs?

14.11.2010 17:58
Christoph Schröder
Die Kastanienallee am Prenzlauer Berg. Foto: dpa

Ach ja, unser Prenzlberg. Da zuckt der echte Berliner jetzt zusammen. So wie der Frankfurter, wenn man seinen Apfelwein „Äppler“ nennt. Der Prenzlberg aber ist zu einer deutschen Chiffre geworden; sogar für diejenigen, die noch nie einen Fuß dorthin gesetzt haben, aber das dürften nicht mehr allzu viele sein.

Der Prenzlberg, das ist der rustikale Osten, den die wild einfallenden Kreativhorden aus dem Westen sich unter den Nagel gerissen haben. Agenturen überall, in denen Projekte ausgeheckt werden; dazwischen junge Männer mit Scheitelfrisuren und Laptop auf dem Cafétisch vor sich. Die chice neue Bürgerlichkeit der Berliner Republik, die Kolonialisierung und Gentrifizierung eines Stadtteils, die jungen Familien, die mit kaum zu überbietender Rücksichtslosigkeit ihre Kinderwagen als Rammböcke und Statussymbole zugleich einsetzen – all das ist mittlerweile in einen Zustand übergegangen, in dem das Klischee von der Realität kaum mehr zu trennen ist.

Wie ein letzter verzweifelter Ausbruchsversuch

Warum man über diesen bereits zum Allgemeingut gewordenen Alltagsvorrat noch einen Roman schreiben sollte, erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Alexander Osang, Reporter beim Spiegel und für seine journalistischen Texte vielfach ausgezeichnet, konnte es leider trotzdem nicht sein lassen. Und hat sich dabei, besonders gegen Ende, große Mühe gegeben, dem Buch noch einen originellen Dreh zu geben. Fast wirkt der Schluss, der hier natürlich nicht verraten wird, wie ein letzter verzweifelter Ausbruchsversuch aus der Sackgasse der Eindimensionalität. Das ändert letztendlich aber nichts daran, dass „Königstorkinder“ nur eine einzige, recht schlichte Botschaft hat: Das mit Ost und West geht immer noch nicht so richtig gut, weil die neue Mauer der Gegenwart heute aus den Außenwänden der von Sicherheitspersonal bewachten Townhouses am Friedrichshain besteht.

Andreas Hermann ist Anfang 40, kommt eigentlich aus Neustrelitz, hat eine DDR-Sozialisation hinter sich, als Journalist gearbeitet und ist irgendwann nach Berlin gegangen, um sich diffusen Tätigkeiten zu widmen, die alle mehr oder weniger schiefgingen. Jetzt ist er aus- und abgebrannt, nimmt Antidepressiva und arbeitet in einem eher tragischen als komischen Projektzentrum, das die Arbeitsagentur für Hartz-IV-Empfänger initiiert hat. Den Rahmen des Romans bildet eine Art Bewerbungsgespräch mit einem Arzt an der Berliner Charité: Der ruhelose, ständig unter Dampf stehende Andreas Hermann will an einem Langzeitschlafprojekt für Raumflüge teilnehmen – aus der Welt sein, Ruhe finden.

Kein reines Schwarzweißbild

Es ist kein reines Schwarzweißbild, das Osang zeichnet, wenigstens das nicht. Sein Protagonist ist auch kein sonderlich angenehmer Mensch, ein halbgebildeter Schluffi mit wenig originellen Gedanken, der unglücklicherweise eine Affäre mit einer zumindest vordergründig perfekten Zugezogenen aus dem Townhouse-Reichenghetto anfängt. Der Mann (Anwalt) ist praktischerweise auf Dienstreise; das Auto (VW Touareg) hat er dagelassen. Es gehört zu den ärgerlichsten Elementen von „Königstorkinder“, dass Andreas Hermann Menschen wiederholt anhand der Wahl ihrer Autos charakterlich qualifiziert.

Diese Frau jedenfalls, Ulrike, kitzelt aus dem Gentrifizierungsopfer Andreas Hermann auch noch die letzten Minderwertigkeitskomplexe heraus. Nach dem ersten Rausch, und der dauert nur kurz, lebt er in der ständigen Angst, von Ulrike und deren Dunstkreis in ein ostdeutsches Authentitzitätsraster eingeordnet zu werden. Andreas Hermann fühlt sich „ausgeplündert, besetzt von diesen entspannt plaudernden Lebenskünstlern“; ein Gefühl, das in einer von Stereotypen nur so strotzenden Abendessenszene in einem Minieklat mündet.

Man hat all das schnell verstanden und ist ebenso rasch ermüdet – „Königstorkinder“ arbeitet die Befindlichkeiten all dieser mehr oder weniger unangenehmen Figuren zwar heraus, kann aber daraus nichts ableiten. Die äußeren und inneren Leben sind kongruent und bleiben in ihrer Gestaltung flach. Selbst wenn man Osang zugute halten will, dass er die Klischees mitdenken und ausstellen wollte – wo liegt darin eine tiefere oder gar neue Erkenntnis?

Die gelungenen Einzelszenen sind jene, in denen Andreas Hermanns Verzweiflung als Ausdruck eines pathologischen Zustandes greifbar wird. Doch davon gibt es zu wenige, um den Roman als einen solchen zu retten. Jetzt warten wir auf den Film. Der kommt bestimmt.

Alexander Osang: Königstorkinder. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2010, 334 Seiten, 19,95 Euro.

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