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Alexander Ilitschewski "Der Perser" Löcher im Vergessen

Alexander Ilitschewskis geschichten- und mythensatter Roman „Der Perser“ über einen Tausendsassa.

06.05.2016 16:10
Cornelia Geissler
Ein Falkner. Foto: REUTERS

Es ist, als würde man mehrere Bücher gleichzeitig lesen. „Der Perser“ führt in unsere Zeit der wackeligen geopolitischen Gewissheiten, blickt zurück und nach vorn. Alexander Ilitschewski erzählt von Freundschaft und Verlust, Glaube und Dichtung. Das Buch lockt in die ehemalige Sowjetrepublik Aserbaidschan, die seinem Nachbarn Iran heute näher scheint als dem alten Zentrum Russland. Es beschäftigt sich mit der Gewinnung von Erdöl in dieser Region, Segen und Unheil bringend. Sein Autor, 1970 geboren, stammt aus Sumgait, einer Stadt, die durch den Berg-Karabach-Konflikt traurig berühmt wurde.

Der Geologe Ilja, aufgewachsen auf der Insel Artjom im Kaspischen Meer, mittlerweile in Kalifornien zu Hause, reist in seine frühere Heimat, die sich so sehr verändert hat. Er startet in der russischen Hauptstadt: „Das Berückende am Leben in Moskau ist, wie stumpf es daherkommt und wie versessen auf Neues zugleich…“. Gegen Ende nimmt er den Leser mit auf die Falkenjagd, zur Abrichtung dieser stolzen, der arabischen Elite als Statussymbole geltenden Vögel. Dabei gelangt er zum Kern seiner alten Freundschaft mit Hasem, dem exsowjetischen Perser, Kind von Exil-Iranern.

Nicht umsonst steht der Perser im Titel des Buches, um ihn ranken sich Legenden, an ihm hängen die Erinnerungen des zeitweiligen Erzählers Ilja (auch Hasem erzählt später). War er als Jugendlicher schon besonders, zeigt Hasem sich erwachsen als Tausendsassa, als Abenteurer und Wissenschaftler, Öl- und Tierexperte, als Heiler und Scharlatan, Theaterregisseur, Dichter und Literaturnarr, verehrt und verachtet.

Suche nach dem Freund

Mit Hasem steht in diesem Roman der futuristische Dichter Welimir Chlebnikow (1885– 1922) aus Tod und Vergessen auf. Die biografische Suche nach dem Freund verschmilzt mit Anekdoten über Chlebnikow und dessen Dichtung. Hasem liest seinen Mitarbeitern die Gedichte vor; um sie besser zu verstehen, übersetzte er sich einige in Prosa.

Spätestens angesichts dieses doppelten Übertragungskunststücks muss der Übersetzer Andreas Tretner gelobt und gepriesen werden, der den verschlungenen Roman aus dem Russischen in aussagepralle deutsche Sätze gebracht hat. „Das Meer wächst zum trüben Felsen“, heißt es in einem von vier Chlebnikow-Umschreibungen, „mit Sonne gefüllt, erstirbt für den Augenblick, Schaum läuft träge von ihm ab.“ Tretner hat nicht nur einige Seiten Anmerkungen beigesteuert, damit russische Volkslieder genauso identifiziert werden können wie Revolutionäre und Helden aus Dostojewski-Romanen. Er hat sogar ein kleines Blog erstellt, um Bilder zum Buch zu zeigen (storify.com/suhrkamp/perser).

Denn wiewohl sich ja der Leser selbst sein Bild im Kopf macht, wirkt Ilitschewskis Schreiben stark bildbestimmt. Die Hauptfigur in seinem Vorgängerroman „Matisse“ (2015 bei Matthes und Seitz erschienen) ist von Beruf Physiker, wie Ilitschewski selbst, und zugleich leidenschaftlicher Verehrer des französischen Malers, der dem Buch den Titel gab. Der Heimatreisende Ilja im „Perser“ wiederum nimmt seine Umgebung durchs Kameraobjektiv wahr. Das Fotografieren sei „eine Art Psychose“ für ihn, „Autismus in spezieller Ausprägung“. Das klingt in Smartphone-Knips-Zeiten nicht mal seltsam. Wenn Ilitschewski Ilja dann sagen lässt, Fotografien seien „Löcher im Vergessen“, beschreibt er damit Vertrautes: wie Bilder den Eindruck, man erinnere sich, beeinflussen.

Oft sind es also Momente, die Ilja sieht, die ihn zum nächsten Schritt bringen. So geht er aus Moskau nach Amsterdam. So landet er am Kaspischen Meer und in der aserbaidschanischen Steppe. Von der „Geographie der Kindheit“, spricht Ilitschewski, „isoliert durch die Schutzscheibe Zeit und warmgehalten“. Der Reisende hat Begleiter, er notiert, was er über Mythen und Menschen hört. Und während der Perser Hasem an Konturen gewinnt, tauchen also immer neue Figuren mit bewegtem Leben auf, historische wie erfundene. Dieser durch und durch moderne Roman treibt den Leser in einen Rausch, lässt ihn aber auch zeitweise ob der Fülle an Geschichten verzweifeln, Märchen sind dabei, Islam-Deutungen, auch Politik: Osama bin Laden begutachtet hier noch friedlich einen Falken. Dieses Buch verlangt die ganze Aufmerksamkeit des Lesers. Es belohnt ihn mit einem Hochgefühl.

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