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Ägyptenroman Tief drinnen ist etwas, das sich echt anfühlt

Waguih Ghali erzählt in seinem Roman „Snooker in Kairo“ von einer zerrissenen Jugend im Ägypten der 50er Jahre.

Ram interessiert sich beim Besuch seiner Tante einmal mehr für ihr Geld. Wozu? Snooker spielen und flaschenweise Whisky trinken. Tagsüber hängt er in der Bar Groppi’s herum und philosophiert betrunken darüber, ob man als Ägypter eigentlich eine Kultur hätte oder nicht. Später am Tag geht es in den Snooker-Club, wo Jameel und Font arbeiten, „Der Club besticht durch seinen unaufdringlichen Luxus, und man spürt sofort, dass schlechte Manieren hier ein Sakrileg wären.“ Ram ist so gut wie alles zuwider in einem Ägypten der 1950er Jahre, nach dem Putsch und nun mit Nasser.

Im Milieu der alten, arabische Oberschicht bewegen sich die Figuren in „Snooker in Kairo“. Dem einzigen, bereits 1964 veröffentlichten Roman von Waguih Ghali (engl. Original: „Beer in the Snooker Club“), der nun ins Deutsche übersetzt wurde.

Gerne würde Ram diese Verhältnisse verlassen, doch es fällt ihm schwer, sich aus dem Kontinuum seiner Passivität zu befreien. Die einen schlagen aus der angespannten Situation Kapital, die anderen versinken. Die Militärs gehen mit brutaler Gewalt vor, was Rams jüdische Freundin Edna zu spüren bekommt, als ihr ein Offizier bei einer Hausvisite das Gesicht mit der Peitsche zerschlägt.

Ghali stellt seinen Protagonisten in ein Spannungsfeld zwischen dem sozialistischen Aufbegehren einer entwurzelten Jugend gegen imperialistische Kräfte und der eigenen Herkunft, die sich zwar „echt“ anfühlt, aber kaum greifbar ist. Die Aktualität dieser Debatte springt einem geradezu entgegen. So wurde das Buch nicht zufällig zum Fanal der Demonstrierenden während des Arabischen Frühlings.

Humorvoll, zynisch, melancholisch schreibt Ghali und stets vermittelt er dabei einen Hauch seiner selbst. Auch er stammte aus wohlhabenden Kairoer Verhältnissen und musste wegen seiner kommunistischen Aktivitäten aus Ägypten fliehen. Er lebte einige Zeit in Deutschland im Exil, wo er sich als Fabrik- und Hafenarbeiter durchschlagen musste, was er hasste. Danach ging er nach London, das er zuvor bereist hatte, und bekam dort die Gelegenheit, sein Buch zu veröffentlichen. Seine Lektorin und enge Vertraute Diana Athill beschreibt ihn in der Einführung als einen mit Geschmack und Anstand ausgestatteten Mann, der jedoch eine tiefliegende Traurigkeit besaß, die er nach außen hin gut zu verbergen wusste.

Nach fünf Jahren ihrer beider Freundschaft beging er in ihrer Wohnung eines Abends mit 26 Schlaftabletten Selbstmord. Eine Handlung, die er in seinem Abschiedsbrief als „einzige authentische Tat in seinem Leben“ beschrieb. Zuvor hatte er noch einen Freund angerufen, nachdem er die Schlaftabletten allerdings schon genommen hatte – ein letzter Hilferuf, der vielleicht auch nur die Suche nach Zeugen gewesen war. Die Tragik eines innerlich Zerrissenen, der wusste, wie seine Lektorin schreibt, dass er als Schriftsteller nur ein Thema hatte: sich selbst, sein Leben als Rohmaterial.

In Kairos Snooker Club zeigt man an, dass man die arabische Herkunft eher für verbergens-, als bemerkenswert hält. Auch dieser Umstand empört die jungen Handelnden, und vermittelt einen tiefen Einblick, darin, was sich derzeit als #MeTwo äußert. „Unser eigentliches Problem“, heißt es einmal, „besteht darin, dass wir dermaßen englisch sind, dass einem speiübel wird. Wir haben keine eigene Kultur … vielleicht ist unsere Kultur ein einziger Witz.“ Bis man sich im Fortlauf des weiteren betrunkenen Gesprächs darauf einigt, dass, „der Witz“ das eigentliche Charakteristikum der ägyptischen Kultur sei, so wie es der Jazz oder Gospel bei den Afroamerikanern sei..

Mag es Angst, Bequemlichkeit oder ein ausgeprägter Realitätssinn sein – die Beteiligten entkommen den Rauchschwaden und dem Glücksspiel des Snooker-Clubs nicht. Waguih Ghali zeichnet ein zeitloses Bild der ägyptischen Gesellschaft und íhrer Menschen. Die Einblicke, die der Autor vermittelt, sind einerseits tiefgründig und schön und andererseits so bedrückend, dass es beim Lesen gut wäre, zwischendurch durchzuatmen.

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