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Adorno Politischer Abschied vom Malocher

In der Frankfurter Adorno-Vorlesung spricht Historiker Lutz Raphael über die europäische Deindustrialisierung.

Adorno
Adorno auf einer Briefmarke der Deutschen Bundespost.

Arbeit ist das halbe Leben, wusste der Volksmund schon lange. Zu Marxens Zeiten entstand im Zuge der ersten industriellen Revolution ein moderner Kapitalismus und bald wurde jede Art der Arbeit ihm eingegliedert, selbst unbezahlte Haus- oder Pflegedienste. Aber nicht nur die Arbeit, die eine Hälfte des Lebens, wurde kapitalistisch, sondern die andere Hälfte auch. Die Freizeit, Privatheit, Gesellschaft. Mit und nach Karl Marx entwickelten sich viele Kapitalismus- und Gesellschaftskritiken, einer der prominentesten Strömungen ist die Kritische Theorie (KT) der Frankfurter Schule, begründet durch Theodor W. Adorno und Max Horkheimer.

Das Institut für Sozialforschung, historischer Wirkungsort der KT, lädt seit 2002 in Kooperation mit dem Suhrkamp Verlag jährlich zu den Frankfurter Adorno-Vorlesungen. Dezidiert sollen hier nicht nur Adornitinnen oder Exegeten der KT zu Wort kommen. Die Vorlesung wird im Geiste, nicht zwangsläufig im Sinne Adornos gehalten. Behandelt wird das Moiré aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik.

Lutz Raphael, Historiker und Professor am Institut für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Trier, ist garantiert kein Adornit. Nach der dritten und letzten Vorlesung wird Axel Honneth, Institutsleiter und Vertreter der dritten Generation der KT, konstatieren: „Desto länger er redet, desto stärker findet man heraus, dass er von Trier nach Frankfurt gekommen ist, um uns zu provozieren.“ Und abschließend: „Ich finde nichts Besseres, als wenn Sicherheiten, die man sich im Laufe eines wissenschaftlichen Arbeitslebens erworben hat, Stück für Stück durch den Historiker demontiert werden.“

Raphael verliest sein Manuskript zur „Gesellschaftsgeschichte der Deindustrialisierung“ mit einfühlsamer Bestimmtheit. Betrachtet wird die Industriearbeit in Frankreich, Großbritannien und Westdeutschland zwischen 1970 und 2000. Mit dem Begriff der „industrial citizenship“ (industrielle Bürgerschaft) wird in der Tradition Thomas H. Marshalls die Wechselwirkung von wirtschaftlichem und sozialem Status sichtbar.

Raphaels Provokationen sind subtiler, nicht süffisanter Art, thought-provoking, und entwickeln sich besonders in den 20- bis 40-minütigen Fragerunden in Parade der fachlichen Prominenz, die in den ersten Reihen des Hörsaals IV in Bockenheim Platz genommen hat. Von der pastoralen Vorlesung wechselt Raphael in einen aktiven Redemodus, das Ruhrpöttische bricht durch, Sätze beginnen nun mit „Dis is‘“. Das Wissen wird auch gestikulierend vermittelt.

Aus paternalistisch-autoritären Industriebetrieben wurden liberal-pluralistische Firmen: „Stattdessen erweiterte die dritte industrielle Revolution das Spektrum der betrieblichen Lösungen enorm. Die Zeit zwischen 1975 und 2000 war eine Zeit der Experimente in der Welt der industriellen Produktion. Nicht die neuen technischen Möglichkeiten, sondern die konkreten sozialen Konstellationen entschieden letztlich darüber, wie Arbeitsaufgaben neu verteilt, Produktionsabläufe zwischen den verschiedenen Berufs- und Statusgruppen in den Betrieben verteilt worden sind.“

Stark macht Raphael dabei die gesellschaftlichen Beharrungskräfte, die soziale Resilienz. Gewerkschaften und der Sozialstaat prägten zum Beispiel Arbeitsorganisation und Arbeitsrechte, und damit auch Familienmodelle und Lebensentwürfe. Verschwand die ursprüngliche Arbeitsorganisation, konnten die sozialen Strukturen weiterbestehen und Einfluss nehmen auf neue Arbeitsmodelle; sie behindern oder ermöglichen. Bestimmte Resilienzen seien dabei manchmal bestimmten Industriebezirken entsprungen. Ähnliches galt auch für die Wissensregime der Industriearbeit. Obwohl sich die Branche in einer grundlegenden Veränderung befand und neue Fähigkeiten (mehr mathematisch-naturwissenschaftliches Grundwissen und kommunikative Kompetenz) gefragt waren, wurde die Wissensvermittlung in den nationalen akademisch orientierten Strukturen eingegliedert. Der deutsche Facharbeiter stelle hier eine Ausnahme dar.

Die Deindustrialisierung war weder ein lineares Naturphänomen, noch vom Menschen vollends planbar, sondern eine jahrzehntelange Interferenz zwischen verschiedensten Polen. Deshalb würden letztendlich Periodisierungen wie Fordismus und Postfordismus einfach nicht taugen, weil sie nach diskreten Brüchen suchten. Auch sei die Repräsentationskrise der liberalen Demokratien heutzutage zum Teil Spätheu der Deindustrialisierung. Raphaels Methoden speisen sich eben nicht nur aus verschiedenen Disziplinen, sie strahlen auch in ebendiese zurück.

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