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Adam Zagajewski „Unsichtbare Hand“ Das Besingen der verstümmelten Welt

Zu Adam Zagajewskis neuem Gedichtband „Unsichtbare Hand“. Seine Poesie, die immerhin seit mehr als vierzig Jahren entsteht, ist wie keine andere eine Lobpreisung des Daseins und der ästhetischen Suche nach Schönheit und Harmonie.

22.02.2013 16:01
Artur Becker

Nach den terroristischen Anschlägen am 11. September 2001 druckte das Magazin The New Yorker das kurze Gedicht „Spróbuj opiewa? okaleczony ?wiat“ („Versuch, die verstümmelte Welt zu besingen“) des polnischen Dichters Adam Zagajewski (geb. 1945), und die titelgebende Aufforderung ? im Gedicht eine Art Epiphora ? spendete den New Yorkern nicht nur Trost: Sie erinnerte die Menschen vor allem daran, dass in ihrem Leben auch erhabene und glückliche Augenblicke existieren, die sie niemals vergessen dürfen.

Es wäre übertrieben, wenn man dieses unverhofft berühmt gewordene Gedicht als Zagajewskis Credo interpretieren würde, doch ist seine Poesie, die immerhin seit mehr als vierzig Jahren entsteht, wie keine andere eine Lobpreisung des Daseins und der ästhetischen Suche nach Schönheit und Harmonie. Der polnische Dichter war nach dem Abdruck im New Yorker ein wenig beschämt und sagte vor einigen Jahren, dass er aus diesem schrecklichen Leid doch kein Kapital habe schlagen wollen. Wer Zagajewski kennt, wird wissen, dass der Autor die Wahrheit sagt.

Zagajewski, einst ein Vertreter des neuen Realismus in der polnischen Dichtung, zu dem Autoren wie Julian Kornhauser und später Ryszard Krynicki, Stanis?aw Bara?czak oder Leszek Szaruga zählten, entwickelte sich schnell zu einem sensiblen Intellektuellen, Skeptiker und Weltenbummler. Das Schreibverbot von 1975 und die Epoche der Solidarno?? machten auch ihn zum Emigranten: Zagajewski lernte Westberlin und die USA kennen und ging schließlich nach Paris, wo er mehr als zwanzig Jahre lebte. Die Rückkehr nach Krakau im Jahre 2002 zusammen mit seiner Frau Maja Wodecka, der polnischen Schauspielerin und Übersetzerin aus dem Französischen, die er in Paris kennengelernt hatte, war dann keine Überraschung mehr: Krakau war seine Jugend- und Universitätsstadt gewesen, in Krakau lebten Czes?aw Mi?osz und Wis?awa Szymborska, beide greise Lyriker und Nobelpreisträger, und der Emigrant wollte endlich ein Zuhause haben, in dem man ihn auf einer Taxifahrt nicht mehr danach fragen würde, was für ein Landsmann er denn sei.

Paris ist für Ausländer

Paris ist für Ausländer, mögen sie auch international gefeierte Dichter sein, ein schwieriges Pflaster, und es verwundert nicht, dass Zagajewskis Dichtung, ähnlich wie diejenige von Zbigniew Herbert oder Mi?osz, vor allem in den USA auf große Sympathien gestoßen ist. Seit Jahren schon unterrichtet Zagajewski in Amerika und pendelt zwischen dem mythischen Krakau und dem modernen Amerika der Wolkenkratzer auf der Suche nach der verlorenen Geburtsstadt Lwów (Lemberg) und nach der Stadt der Vertriebenen und seiner Kindheit Gliwice (Gleiwitz) hin und her.

Zagajewski, der 2004 mit dem Neustadt International Prize for Literature ausgezeichnet wurde („dem kleinen Nobelpreis“ in Fachkreisen), begreift Dichtung aber auch als Suche nach geistigen Verwandten, sozusagen nach Brüdern in Not. Dass dabei neue und meist synkretistische Welten entstehen, darf nicht allzu sehr überraschen: Schließlich gilt es, eine bestimmte Arbeit fortzusetzen und das Zeitlose gegen die Aktualitätssucht unserer Epoche zu verteidigen.

Zagajewski besucht gerne die Gärten und Wohnzimmer seiner meist längst verstorbenen Dichterkollegen und Meister, der Einfluss von Mi?osz oder Konstantinos Kavafis zum Beispiel ist unübersehbar, und Begegnungen mit den Großen des 20. Jahrhunderts wurden ihm auch nicht verwehrt: Joseph Brodsky und Zbigniew Herbert, zwei schwierige Freunde, tauchen in seinen Texten immer wieder auf, ebenso wie die Klassiker, und so ist es verständlich, dass im neuen, von Renate Schmidgall beispielhaft ins Deutsche übertragenen Gedichtband „Unsichtbare Hand“, erschienen in der Edition Lyrikkabinett bei Hanser, folgende Verse dem Leser sofort ins Auge springen: „Die Dichter bauen ein Haus für uns/doch sie selbst/können nicht darin wohnen / (Norwid im Armenhaus, Hölderlin im Turm)./Die Dichter, unsichtbar wie Bergleute,/versteckt in Schächten,/graben ein Haus für uns:/hohe Zimmer/mit venezianischen Fenstern,/herrliche Paläste,/doch sie selbst können nicht/darin wohnen./ Norwid im Armenhaus, Hölderlin im Turm;/ der einsame Flieger des Jets/ summt ein Wiegenlied: Wach auf, Erde.“

Aber das ist noch nicht alles: Zagajewskis Intellekt besitzt auch starke philosophische Neigungen und Sehnsüchte, obgleich Theoretiker und Ideologen in seiner Poesie oft freundlich belächelt werden. In seinem letzten Essayband „Lekka przesada“ („Leichte Übertreibung“) von 2011 findet man diese schönen und gleichzeitig denkwürdigen Zeilen: „Cioran ist ein großer Meister dessen, was sich in Worten ausdrücken lässt. Weil herrscht dagegen dort, wo es um das Unbeschreibliche geht.“ (Meine Übersetzung).

Die Werke des rumänisch-französischen Philosophen Emil Cioran und der französisch-jüdischen Philosophin Simon Weil hat Zagajewski in sein Herz geschlossen; sie durchdringen schon seit Langem seine Gedichte und Essays. Einen eigenwilligen Kultur- und Zivilisationsskeptiker, der wie kein anderer Philosoph den Nihilismus vom Weltschmerz befreit hat, und eine christlich-gnostische Mystikerin, die sich zudem um das Wohl der Arbeiter gesorgt hat, in einen Topf zu werfen, ist nicht nur kühn, sondern auch ein philosophischer Spagat, der normalerweise nicht funktionieren kann.

In der Poesie Zagajewskis geht aber diese Kombination bestens auf, weil der Bewahrungsdrang und die Bejahung der Schönheit in ihr stärker sind als beispielsweise die Angst in der existenziellen Not, im Angesicht des Todes, des Nichts, der Kälte des unendlichen Universums. Dabei ist Zagajewskis poetische Haltung zutiefst humanistisch und in ihrem Homozentrismus positiv gestimmt, eben in dem Sinne, dass die Kontemplation über unsere irdische Existenz stets dem Guten per se, dem Unverfälschten und Unvergänglichen gilt: Die Welt ist kein Ballast, keine Bürde, sondern ein sakrales Geheimnis.

Zagajewskis Dichtung konzentriert sich nicht nur auf die Probleme der Theodizee und der Funktion des Bösen in der Welt: Vielmehr greift sie aktiv in das Weltgeschehen ein und fischt elementare und universelle Wahrheiten und Lügen heraus, um Spekulationen über den Sinn oder Unsinn unserer Existenz gar nicht erst aufkommen zu lassen. Es ist kein Geheimnis, dass man solche Poesie als philosophisch, meditativ oder kontemplativ bezeichnet. In den meisten Fällen benutzt man leichtsinnig die Bezeichnung „mystisch“ oder „metaphysisch“.

Klarheit der Gedanken und Bilder

Wir kennen polnische Dichtung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eben als solch eine: als ein dialektisches Spiel zwischen der Philosophie und der Mystik, zwischen dem Rationalen und Irrationalen. Was aber Zagajewskis lyrische Verse wirklich auszeichnet, ist die absolute Klarheit der Gedanken und Bilder, gepresst in eine Sprache, die leichtfüßig daherkommt und trotzdem bombastisch oszilliert. So heißt es in dem Gedicht „Ebenfalls Vita contemplativa“ aus dem neuen Band: „Es kann überall geschehen, manchmal im Zug,/wenn ich nirgendwo bin: Plötzlich öffnet sich/die Tür, und vergessene Gestalten kommen, es erscheint/ mein kleiner Neffe, den es nicht mehr gibt,/aber jetzt ist er heiter und lacht,/(…) und diese große seltsame Welt/wird plötzlich klein und verschwindet wie eine Feldmaus,/die sich bedroht fühlt und sich geschickt/in ihre geheime Wohnung verzieht.“

Ob nun Zagajewski der zur Zeit wichtigste polnische Lyriker sei, wie es die FAZ einmal konstatierte, diese Entscheidung überlassen wir lieber den Göttern und Chimären, die in den französischen Kathedralen hausen, welche in seinen Gedichten immer wieder eine Hauptrolle spielen. Zagajewski ist auf jeden Fall ein würdiger Kompagnon von Tadeusz Ró?ewicz (geb. 1921), dem alten und letzen Meister der modernen polnischen Lyrik, dem er sicherlich so einiges zu verdanken hat.

Eines aber ist unmissverständlich: Keiner versteht es so gut wie Adam Zagajewski, das Unsichtbare der Welt, in der Poesie sichtbar zu machen. Und dafür sind wir ihm dankbar.

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