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A. Becker „Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang“ Mit Mariola unterm Regenschirm

In seinem opulenten Roman „Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang“ schreibt Artur Beckers über zwei Sprachen, zwei Völker, zwei Heimaten und viele Identitäten.

16.01.2014 13:56
Christoph Schröder
Landschaft aus Gedächtnis und Sehnsucht. Foto: rtr

In seinem opulenten Roman „Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang“ schreibt Artur Beckers über zwei Sprachen, zwei Völker, zwei Heimaten und viele Identitäten.

Ausgerechnet an Allerseelen. Und ausgerechnet in Verden an der Aller muss es Onkel Karol erwischen. Und dann auch noch auf so banale Weise: Ein Treppensturz hat ihn das Leben gekostet, ihn, die zentrale Figur einer Familie, einen Helden der kommunistischen Arbeit, am 2. November 2010. Genickbruch oder Herzstillstand. Onkel Karol wurde 74 Jahre alt.

Artur Beckers neuer Roman unterwirft sich keiner der gängigen Moden von Reduktion, Schlankheit und Zurückhaltung, die nicht nur in der Ernährung, sondern auch in der Literatur Einzug gehalten haben. „Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang“ ist kein Slowfood, sondern ein opulentes Festmahl, für das man als Leser dann auch die Konsequenzen zu tragen hat. Das Buch ufert aus, in alle Richtungen, auf der Zeitebene, in seiner Erzählstruktur, in dem intellektuellen, historischen und philosophischen Panorama, das hier aufgerissen wird, zwischen Sozialismus und Kapitalismus, zwischen tantrischer Lehre und katholischer Theologie.

Im Grunde ist es die klassische Babuschka, mit der wir es hier zu tun haben, die Puppeinderpuppe-inderpuppe. Trotzdem lässt sich das äußere Geschehen, die Rahmenhandlung des Romans in einem recht verständlichen Satz zusammenfassen: Zwei Menschen, Cousin und Cousine, liegen eine Nacht lang, und zwar nackt und unter einem Regenschirm, an Karols Totenbett und erinnern sich.

Die Umstände (nackt, Regenschirm) sind selbstverständlich erklärungsbedürftig und führen an einen zentralen Ort des Romans: Arkadiusz Duszka, so heißt der Mann, genannt wird er nur Arek, und Karols Tochter Mariola verbindet seit ihrer frühen Jugend, seit den gemeinsamen Tagen in einem Ferienlager in den Masuren, eine mehr als nur platonische Liebesbeziehung. „Die Kleine Maräne“, so heißt das Feriendorf am See, so nennen die beiden auch ihr Regenschirm-Ritual.

Areks Lebensdaten sind denen des Autors Artur Becker nicht ganz unähnlich (auch wenn Becker vier Jahre jünger ist als sein Protagonist): Geboren in den sechziger Jahren in Bartoszyce, einer Kleinstadt in den Masuren, als Sohn polnisch-deutscher Eltern, aufgewachsen in Polen, in den achtziger Jahren Aussiedlung nach Deutschland, nach Verden an der Aller, unter anderem aufgrund politischer Repressionen.

Verloren in der Doppelheimat

Die Doppelheimat, die in Wahrheit bedeutet, gar keine richtige Heimat zu haben außer die Erinnerung und die Fantasie, ist das Thema des Schriftstellers Artur Becker, der Slawistik und Germanistik studiert hat und 2009 mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet wurde.

Schon im voran gegangenen Buch „Der Lippenstift meiner Mutter“, dem er die Behauptung voran gestellt hat, es sei kein autobiografischer Roman, entwarf Becker das Wimmelbild einer kleinen Stadt in den Masuren und stellte die Zerrissenheit einer Frau zwischen zwei Sprachen, zwei Völkern aus.

Nun holt Becker weiter aus: Was er nun, auf einer Gegenwartsebene und zwei höchst komplex ineinander verschachtelten Vergangenheitsebenen unternimmt, ist nichts, was man mit dem Wort „Geschichtsbewältigung“ umschreiben kann; es ist auch keine politische Abrechnung – es sei denn, eine ganz große, die mit dem Menschen des 20. Jahrhunderts und dessen unseligen Treiben. Alles kommt hier zusammen: Die Geschichte von Verrat und Bruderhass, durchgespielt am Beispiel von Karol und Areks Vater Witek; eine Geschichte der gegenseitigen Bezichtigungen und Verdächtigungen, anhand derer Becker den Weg der polnischen Oppositionsbewegung von den siebziger Jahren bis zum Fall des Eisernen Vorhangs nachzeichnet.

Die Frage der Identität in einem fremden Land mit einer fremden Sprache, die Zerrissenheit eines Daseins zwischen zwei Systemen (Areks Frau Edyta bleibt zunächst zum Studium in Polen, während er selbst, studierter Ingenieur, das Land nach einem Gefängnisaufenthalt verlässt und als Übersetzer für Gebrauchsanleitungen arbeitet); das masurische Sehnsuchtsidyll, das Becker dem (wie auch schon in seinem Roman „Wodka und Messer“) entgegenhält, eine Landschaft, die aus Gedächtnis einerseits und Sehnsucht andererseits besteht.

Und der katholische Subtext selbstverständlich (schon der Titel des Romans ist ein Zitat aus einem Psalm), der nicht als Dekoration oder Illustration einer Landesfolklore gilt, sondern in aller Ernsthaftigkeit in die Textur des Buches eingearbeitet ist: „In Bremen“, so heißt es, „musste sich Arek an etwas gewöhnen, was ihn sehr überrascht hatte. Er wunderte sich über die offenbare Abwesenheit von Jesu Christi, der in Westeuropa aus dem Alltag verbannt wurde: Der Heiland wohnte dort in toten Geschichtsbüchern und durfte keine Wunder mehr tun.“

Der Blick Beckers auf seine Figuren in ihrem historischen Kontext ist weniger eindeutig, weniger selbstsicher als der, den wir von anderen Autoren auf das DDR-Regime kennen. Scharf und unversöhnlich dagegen ist die Perspektive auf den Omnipotenzanspruch des Kapitalismus.

All das kann so nicht glatt aufgehen und soll es auch nicht. Wie die Zeitebenen wechselt auch der Tonfall, mal ist Beckers Sprache referierend und sachlich, dann wieder schwingt sie sich kraftvoll auf zu geradezu barocken Höhenflügen. Becker hat keine Scheu vor Wiederholungen, auch nicht vor Redundanzen, jeder Lebensgeschichte spürt er nach.

Das dürfte dann insgeheim auch der Grund sein, warum er aus der Heillosigkeit seiner Geschichte einen höchst überraschenden Ausweg findet: Das letzte Wort dieses nicht durch und durch gelungenen, aber höchst bemerkenswerten Romans lautet „Frieden“. Man darf das durchaus als einen utopischen Lichtstrahl begreifen.

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