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68er-Bewegung „Die Dummheit des Arguments Panzer“

Heinrich Böll geriet in der Bundesrepublik der 60er-Jahre immer stärker in die Kritik. Seine Notizen zum russischen Einmarsch in Prag 1968.

68er-Bewegung
Prag im August 1968. Foto: afp

Mittwoch, 21.8.1968 Prag. Einmarsch der Russen! – um 7 von B. Czernitz geweckt, der vor der Zimmertür rief ,wir sind besetzt‘ ... völlig verstört auf ... die ersten Schüsse am Wenzelsplatz, die wir hörten.“ Notizen eines Schriftstellers, der in diesen Stunden und in den folgenden Tagen Zeuge eines historischen Augenblickes wird. Am Abend zuvor ist Heinrich Böll mit seiner Frau Annemarie und Sohn René auf dem Prager Hauptbahnhof angekommen. Der tschechische Schriftstellerverband hat den in Russland und in den anderen osteuropäischen Staaten vielgelesenen Autor eingeladen, um mit ihm über die Entwicklungen im Land zu diskutieren. Seit Monaten ringen die kommunistischen Reformer um Alexander Dubcek und Ludvík Svoboda und die intellektuelle linksliberale Kulturelite der Tschechoslowakei über die Einführung eines demokratischen Sozialismus, zu dessen Fundamenten freie Wahlen, eine freie Presse und die Gewaltenteilung gehören sollen. In Moskau und den anderen Hauptstädten der Warschauer Pakt-Staaten stoßen diese Entwicklungen auf tiefes Misstrauen, auf scharfe Ablehnung und schließlich gewaltsame Unterdrückung. 

Die Notizen, die Böll in diesen Tagen in einem Vokabelheftchen machte, hat sein Sohn und damaliger Reisebegleiter René Böll nun unter dem Titel „Der Panzer zielte auf Kafka“ herausgegeben. Angereichert sind sie mit Interviews zu den Prager Ereignissen, die der Schriftsteller unmittelbar nach seiner Rückkehr gab. Der Historiker Martin Schulze Wessel und Böll-Biograf Jochen Schubert beleuchten in ihren für diesen Band verfassten Essays den historischen und den persönlichen Hintergrund zum Thema „Heinrich Böll und der Prager Frühling“. 

In der Nacht nach Bölls Ankunft rollen russische Panzer durch die Straßen der Stadt. Bald haben die Besatzer die strategisch wichtigsten Plätze der Moldaumetropole besetzt. Es ist der Anfang vom Ende des „Prager Frühlings“, der die europäische Welt seit Monaten in Atem gehalten hat. „... langer Spaziergang Altstädter Ring – Moldau – sehen Hradschin – überall russische Panzer, die jungen Czechen auf die Soldaten einredend – sture Gesichter – alle Plätze von russischen Fahrzeugen blockiert. ... Sperrzeit um 10 Uhr – in Eile, Angst u. Hast rasche ins Hotel über Nebenstraßen.“ Am letzten Tag seines Aufenthaltes wird Böll in einem Interview mit der Prager „Literární Listy“ sagen: „Es war dies die moralische Bankrotterklärung des zentral von Moskau aus gelenkten Sozialismus.“

Der Dichter aus Deutschland erlebt gespenstische Szenen, im Hotel herrscht bald  angespannte Stille, die Mahlzeiten für die Gäste werden jeden Tag knapper, immer wieder sind Schüsse zu hören. Böll ist erschüttert. Er bewundert die Haltung der Menschen, die sich ohne Waffen den Panzern entgegenstellen und versuchen, mit den blutjungen russischen Soldaten zu diskutieren.

„Die Solidarität aller Schichten der Bevölkerung war jedenfalls vollkommen“, wird er dem „Spiegel“ nach seiner Rückkehr sagen. „Am ersten und zweiten Tag gab es immer noch Angst vor der Volksmiliz. Aber das war sehr schnell entschieden, dass sie nicht mit den Okkupanten kollaborierte.“ Dem Bayerischen Rundfunk berichtet er, dass ihm vor allem „das vollkommene Auslöschen des Opportunismus aufgefallen“ sei. „Es war nicht mehr opportun, opportunistisch zu sein.“ In seinen späteren Äußerungen zu den Ereignissen in den Prager Augusttagen zeigt sich immer wieder Bölls tiefe Enttäuschung über das Scheitern des Versuchs, dem auch von ihm erhofften Sozialismus ein menschliches Gesicht zu geben. „Die Linke sollte sich eine ganz neue Heimat endlich suchen, und ich meine, dass der Eingriff der Sowjetunion sie endlich und endgültig von der Gefahr befreit hat, in dieser Richtung noch ein Heil zu suchen.“

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