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40 Jahre Stroemfeld-Verlag Der Marsch einer Institution durch die Zeit

Vierzig Jahre Stroemfeld-Verlag: Eine Ausstellung in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt zeigt weniger einen Marsch durch die Institutionen als vielmehr die Wandlung einer Institution beim Marsch durch vier Jahrzehnte. Die Wandlung und das, was sich hielt. Das Widerständige etwa.

KD Wolff (2.v.l.) und Mitarbeiter: Michel Leiner, Doris Kern, Rudi Deuble, Alexander Losse. Foto: Robert Schuler

Der amerikanische Generalkonsul werde, so erklärt mir Karl Dietrich Wolff, der Chef des Stroemfeld Verlages, gestern morgen bei der Vorbesichtigung der Ausstellung „40 Jahre Stroemfeld“, zur Eröffnung kommen. Er werde ihn fragen, wo denn sein Visum bleibe. Am ersten Juli hatte KD Wolff ein Visum für die USA beantragt und nach fast sechs Wochen habe er noch immer keine Antwort.

KD Wolff könnte auf die Vitrine in der ersten Etage der Ausstellung verweisen. In der liegt sein Pass mit dem Visum, das er im vergangenen Jahr erhielt, abgesprochen bekam und wieder erhielt.

Mit den USA hat der Verleger eine intensive, von zahllosen Krächen belebte Liebesbeziehung. Die ersten Bücher des Verlags waren Titel der amerikanischen Black Panther Partei. Die 1800 Seiten umfassende psychoanalytische Goethestudie des in die USA emigrierten K. R. Eissler – die Flick-Stiftung wollte die Übersetzungsarbeit nicht fördern, sie stieß sich am damals noch zum Verlag gehörenden Roten Stern – gehört zu den Glanzpunkten des Verlagsprogramms wie auch die vier Essay-Bände des amerikanischen Großkritikers Harold Bloom.

Die Ausstellung in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt zeigt weniger einen Marsch durch die Institutionen als vielmehr die Wandlung einer Institution beim Marsch durch vier Jahrzehnte. Die Wandlung und das, was sich hielt. Das Widerständige zum Beispiel.

Man gehe an die der Zusammenarbeit mit dem Religionswissenschaftler Klaus Heinrich gewidmete Vitrine. KD Wolff ist der Zöllner, der dem Weisen seine Weisheit entriss. Der Stroemfeld-Verlag machte mit seiner Klaus-Heinrich-Ausgabe aus einem Geheimtipp einen Autor. Das ist ein langer Weg. An seinem Anfang steht ein Brief aus der Feuilletonredaktion der Frankfurter Rundschau, die einen Rezensenten darüber belehrt, dass Klaus Heinrich kein Thema für eine Tageszeitung sei.

KD Wolff ist, das macht die Ausstellung deutlich, ein Meister langer Wege. Die Kleistausgabe war 1988 eine Berliner Kleistausgabe. 1989 wollte Berlin die Olympischen Spiele in die Stadt holen und hatte kein Geld mehr für Heinrich von Kleist. KD Wolff gab nicht auf. Der Bundesminister des Inneren gab Geld. Aus der Berliner wurde die Brandenburger Kleistausgabe. „In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!“

Am 23. 8. 1978 hatte der Autor Peter Kurzeck ein Manuskript geschickt. Am 10. 11. antwortet KD Wolff. Er ist begeistert und sichert Peter Kurzeck jede Unterstützung zu. Er hielt Wort. Er half, Peter Kurzeck aus der Nische zu holen, half ihn – gegen viele Widerstände des Zeitgeschmacks – zu einem der anerkannten deutschen Autoren zu machen.

Es ist diese Beharrlichkeit und die sichere Gewissheit, dass man der Forderung des Tages nicht mit der Tagesaktualität gerecht werden kann, die das Programm des Stroemfeld Verlages seit vielen Jahren prägt.

An einem der Fenster der Ausstellung steht „Apriorität des Individuellen“. KD Wolff steht unter dem Schriftzug und erzählt einigen Journalisten Geschichten aus der Geschichte des Verlages. Er preist seine Volontärinnen, die die im Keller verstaubenden und verschimmelnden Kisten geöffnet, Korrespondenzen mit Herbert Marcuse und Art Spiegelman, mit Klaus Theweleit und Ralf Dahrendorf zu Tage förderten. „Ohne sie wäre diese Ausstellung nicht möglich gewesen.“ Das Individuelle und nicht das Individuum. Ist das die Botschaft?

Die Botschaft? Nein. Das gewiss nicht. Ein Verleger ist wie ein Regisseur. Er inszeniert fremde Texte. In glücklichen Fällen denkt er in fremden Texten. Er scheitert, wenn er auf die Idee kommt – statt in den Texten der anderen selbst zu denken – lieber andere für sich denken zu lassen. Da kommt – das lehrt der schlechte Journalismus – nichts bei raus.

Der Verlag Stroemfeld, dessen Vorgänger der Verlag Roter Stern war, ist einen weiten Weg gegangen. Es ist nicht der Weg einer Generation. Aber es ist einer der schönsten Wege, die diese Generation gegangen ist. Schön ist er auch, weil er abwechslungsreich und treu zugleich ist. Der inzwischen so viel geschmähte psychoanalytische Blick zum Beispiel, hier wird er weiter trainiert.

Neben den großen, allüberall gefeierten Editionen von Hölderlin, Kafka, Keller, Trakl, Walser gibt es die weniger bekannten. Zum Beispiel die von Georg K. Glaser. Sein Buch „Geheimnis und Gewalt“ ist ganz sicher eine der erhellendsten Autobiographien des 20. Jahrhunderts.

Wer durch die Ausstellung geht, wird erinnert an den Schlag, den ihm 1980 Olympe de Gouges auf den Kopf gab. Sie forderte 1791, dass die Menschenrechte auch für die Frauen zu gelten hätten. Sie wurde dafür nicht nur verlacht, sondern guillotiniert.

Geschichten aus der Revolution. Aus den Revolutionen. Aus den Umwälzungen in der Welt zwischen Shanghai und Remscheid und aus den Revolutionen in uns zwischen Georg Groddeck und Lloyd deMause und wieder Trakl, Kafka und Hölderlin.

Deutsche Nationalbibliothek, Frankfurt: bis 4. September. www.d-nb.de

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