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100 Jahre Böll Von der Erde, aus der wir gemacht sind

Das Heinrich-Böll-Archiv führt in der Kölner Stadtbibliothek des Schriftstellers vielfältiges Verhältnis zur Bildenden Kunst vor.

Kartenspieler
Paul Cézanne: „Die Kartenspieler“, 1894/95. Foto: Musée d’Orsay

Als ihn eine Zeitung 1962 nach seinem liebsten Bild fragte, musste Heinrich Böll nicht lange überlegen. Schon als Schüler habe er eine sehr billige Reproduktion der „Kartenspieler“ von Paul Cézanne „über oder in Nähe meines Schreibtisches“ hängen gehabt, die „nach vielen Bombenangriffen und vielen Umzügen“ regelrecht zerschlissen gewesen sei. Eine neue Reproduktion habe er sich nie angeschafft, „wahrscheinlich deshalb nicht, weil mich deren Perfektion enttäuscht hätte“.

Hier flunkerte der Dichter, oder wurde seinem Vorsatz später untreu. Jedenfalls sitzen die Kartenspieler jetzt wieder im Regal hinter Bölls Schreibtisch. Wer die Ausstellung des Heinrich-Böll-Archivs in der Stadtbibliothek Köln besucht, liest auf einer Schautafel, was sie Böll bedeuteten: „Ich habe mich nie gefragt, warum dieses Bild das einzige war, das ich nie auswechselte. Vielleicht weil ich spürte, was mir beim späteren Nachdenken darüber (halbwegs) klar wurde: dass es alles enthält, was Kunst enthalten sollte: die Leidenschaft, das Vergängliche unvergänglich zu machen, eine ungeheure Spannung – und atemlose Stille, Menschliches – und eine eiskalte Verachtung des Menschlichen; eine Komposition, bei der jede, jede winzige Ecke sitzt, kein Tupfer überflüssig oder daneben, und die so einfach wirkt, dass Dummköpfe sie für klein halten.“ Das Resümee des Schriftstellers: „Hohe Spiritualität – und ein bisschen von der Erde, aus der wir gemacht sind.“

Im Zuge des Böll’schen Jubiläumsjahrs 2017 lenkt Gabriele Ewenz, Leiterin des Kölner Heinrich-Böll-Archivs, den Blick auf einen unterschätzten Aspekt: Bölls Verhältnis zur Bildenden Kunst. Als Kronzeuge dient der Jubilar selbst, der glaubte, als Autor „viel mehr von der Malerei beeinflusst“ gewesen zu sein, und „das lange, bevor ich von der Literatur beeinflusst war“. Soweit muss man Böll vielleicht gar nicht folgen. Aber für Ewenz zeigt sich an seinem Beispiel besonders schön, wie die Künste einander anregen: „Die Literatur ist keine singuläre Kunst.“ Heinrich Böll jedenfalls sog die alte und moderne Malerei früh bei Besuchen in den Kölner Museen auf. Später stand er vor dem Genter Altar der Gebrüder van Eyck und spürte, wie sich das Thema seines Romans „Billard um halb zehn“ in ihm verwandelte. Warum und wie das genau geschah, wusste er selbst nicht zu sagen. Aber die Malerei, dessen war er sich sicher, hatte ihn auf den Weg geführt.

Als bekannter Autor suchte Böll dann auch immer wieder die Nähe zu Künstlern seiner Zeit. Er schrieb Gedichte und Prosa für befreundete Maler wie HAP Grieshaber, Joseph Fassbender und Georg Meistermann, er wollte mit Joseph Beuys („Ich sehe ihn wie eine Figur aus einem Bosch-Bild herausspringen“) eine wirklich freie Universität der Künste gründen (was sich zerschlug), er vermutete, dass der abgerissene Vincent van Gogh heute in kein Museum mehr eingelassen würde, und er sinnierte in seinem Roman „Ende einer Dienstfahrt“ über die umstürzlerische Kraft des Happenings. Ähnlich stark ausgeprägt war Bölls Interesse an der dokumentarischen Fotografie.

Am besten versteht man Heinrich Bölls Liebe zur Bildenden Kunst aber, wenn man in der Ausstellung Cézannes „Kartenspieler“ sieht – ganz passend als halbwegs billige Reproduktion. Was er über dieses Gemälde schrieb, lässt sich auch auf sein Idealbild der Literatur anwenden: Er suchte nach kunstvoller Einfachheit, die nur Dummköpfe für klein halten, und nach einer Spiritualität, die ihre gestaltende Kraft aus der Wirklichkeit statt aus Ideen zieht.

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