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100 Jahre Böll Der Dichter lächelt

Eine Feierstunde für den Schriftsteller Heinrich Böll in der Bonner Villa Hammerschmidt.

Heinrich Boell
Heinrich Böll, um 1973. Foto: akg-images GmbH (akg-images/AKG153114)

Noch einmal Heinrich Böll! Im vergangenen Jahr wurde vielfach an den Literatur-Nobelpreisträger erinnert, der am 21. Dezember 1917 in Köln geboren worden war. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte ihm eine schöne Feierstunde im Berliner Schloss Bellevue gewidmet. Nun gab es eine Fortsetzung in der Villa Hammerschmidt in Bonn, dem rheinischen Amtssitz des Staatsoberhauptes. In der Stadt also, in der Böll 1937 eine Buchhändlerlehre begonnen hatte, in der er 1981 bei der Friedenskundgebung auf der Hofgartenwiese vor 300 000 Menschen gesprochen hatte und in der Hans Schnier zu Hause ist, der Held aus „Ansichten eines Clowns“.

Unter den Gästen in der klassizistischen Villa war auch René Böll. Der Sohn des 1985 verstorbenen Schriftstellers saß in der zweiten Reihe und erlebte im schmalen Vortragssaal und bei vorsommerlicher Überhitzung, mit welchem Wohlwollen an den Moralisten Böll und an dessen Freundschaft zum russischen Kollegen Lew Kopelew (1912–1997) erinnert wurde. Steinmeier bekannte in seiner Ansprache, dass ihm die Einmischung der beiden Brüder im Geiste angesichts der weltpolitischen Lage fehle: „Ich vermisse sie in Zeiten, in denen die Entfremdung zwischen Deutschland und Russland scheinbar unaufhaltsam voranschreitet.“

Vieles habe Böll und Kopelew verbunden. Vor allem aber die Erfahrung des Krieges: „Nie wieder!“ – das sei ihre zentrale Erkenntnis gewesen. Die Wunden, die ein Krieg hinterlasse, heilten nur schwer und manchmal nie. Daran sollte sich erinnern, wer heute die mühsam errungene Friedensordnung in Europa wieder in Frage stelle. „Lange schien es, als hätten wir in Europa diese Mahnung verinnerlicht“ erklärte Steinmeier. „Doch inzwischen müssen wir uns die Frage stellen, wie nachhaltig die historische Lektion ist, von der wir glaubten, dass Europa sie ein für alle Mal gelernt hat.“ Böll und Kopelew „wären entsetzt, wüssten sie, dass die erneute Spaltung Europas eine reale Gefahr ist“.

Unüberhörbar war die Begeisterung des Bundespräsidenten für die „Autorität“ der beiden Schriftsteller, die aus der Erfahrung erwuchs. Das sagte er vor allem mit Blick auf die Populisten in nah und fern. Bölls Beispiel könne uns heute „Orientierung geben, wenn Fakten nichts mehr gelten sollen, wenn die Gesellschaft droht, in unversöhnliche Lager zu zerfallen“.

Dass Böll ein Vorbild sei, fanden auch die britische Autorin Priya Basil und ihr niederländischer Kollege Geert Mak. Im Gespräch mit dem Literaturkritiker Helmut Böttiger erinnerten sie an eine Gestalt, die verschollen scheint: Den politisch engagierten Schriftsteller. Böll habe, so sagte es Basil, „nicht gezögert, sich über schwierige Sachen zu äußern“. Er habe über den Krieg geschrieben, obwohl die Menschen dies zu jener Zeit nicht wirklich hören wollten. Mak konnte nur zustimmen: „Wenn der Künstler seine Arbeit ernst nimmt, dann stellt er Fragen, die wir nicht lieben.“ Er pries den Autor dafür, dass er „immer für Komplexität gestritten“ habe. Denn so sei es doch: Jede Geschichte habe viele Seiten. Das habe Böll vorbildlich zu Papier gebracht.

Und wo ist er jetzt – der politisch engagierte Schriftsteller? Wo finden wir in unseren Tagen ein „Gewissen der Nation“? Basil stellte fest, es bestehe kein Grund zur Beunruhigung. Angesichts der Vielzahl der Herausforderungen sei es unmöglich, zu allem eine fundierte Meinung zu haben. Zugleich stellt sie fest, dass weltweit die Bereitschaft gewachsen sei, sich zu engagieren – und nannte exemplarisch Bewegungen wie MeToo und Black Lives Matter. Der Erfolg der Populisten habe gelehrt, in den Debatten „aufmerksam und sehr präzise“ zu sein: „Das ist eine Weise, die Demokratie zu verteidigen.“

Böll selbst kam an diesem Abend auch zu Wort. In einem Interview des Magazins „Titel, Thesen, Temperamente“ von 1972 preist er, eifrig rauchend und den Reporter beharrlich anlächelnd, „die zersetzende Kraft der Höflichkeit“. Die wolle er nutzen. Dass ihm diese Höflichkeit nicht immer leicht fiel, kann man allerdings (unter anderem) dem umfangreichen Briefwechsel mit Kopelew entnehmen. Die Schauspieler Benjamin Höppner und Guido Lamprecht trugen daraus einige Passagen vor. Da beklagt sich Böll dann auch einmal über „die mörderische Publicity im Westen“, die mit der Veröffentlichung eines jeden Buches einhergehe. Und gleich möchte man wissen, was Böll wohl sagen würde, wüsste er von den einschlägigen Weiterungen unserer Tage.

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