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10. Mai 1933 Unspektakuläre Beseitigung

Unterhaltung und Kassenerfolg sind das Gute, Wahre und Schöne unserer Zeit. Zum Jahrestag der Bücherverbrennungen.

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Die Schriftstellerin Olga Martynova. Foto: Andreas Arnold (Andreas Arnold)

Wie einfach wäre es, wären die Bücherverbrennungen von 1933 ein einmaliges Ereignis gewesen! Aber der Drang nach der Vernichtung von Büchern ist viel älter als 85. Was bedeutet, dass er immer wieder erwachen wird.

Das wurde immer im Namen des nach der einen oder anderen Auffassung Guten, Wahren und Schönen gemacht: Juan de Zumárraga vernichtete die Schriften der Azteken, brachte aber die erste Druckpresse nach Übersee. Martin Luther verteidigte seinen Glauben und rächte die Verbrennung seiner Schriften durch Papstanordnung, indem er diese verbrannte. Und auch wenn Heine mit seinen prophetischen Zeilen „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“ von der Verbrennung des Korans durch die spanische Inquisition sprach, meinte er gewiss seine Zeitgenossen im Jahr 1817 beim Wartburgfest, die Freiheit feierten. Nur wenige Protagonisten dieser langen und ruhmlosen Geschichte haben geglaubt, diese Bücher restlos vernichten zu können, und beim Wartburgfest wurde das sowieso nur symbolisch gemacht. Man wollte Texte aus dem Kreis der Wirkenden, also Lebenden, ausschließen.

Logisch, dass es Bibliothekare, Gelehrte und Studenten waren, die die schwarzen Bücherlisten erstellt hatten: Wer, wenn nicht sie, hätte über die ungeheure Kraft und Macht der Bücher Bescheid wissen sollen? Und wie sie zu Recht gefürchtet hatten, haben die Bücher, also ihre Inhalte und wirkenden Kräfte, alles unversehrt überstanden. Es kamen sogar neue Bücher dazu, die es auch wert gewesen wären, auf all diese Scheiterhaufen geworfen zu werden. Manche von ihnen erzählen darüber, wie „auch am Ende Menschen“ verbrannt wurden. Wessen gedenken wir heute, wenn wir darüber sprechen? In gewisser Hinsicht ist das der Jahrestag des Triumphs der Bücher. Natürlich konnten die Bücher niemanden schützen. Aber sie halfen manchen, die physisch überlebt haben, auch psychisch zu überleben.

Vielleicht haben Menschen deshalb eine Hemmung, Bücher wegzuschmeißen? Öffentliche Bücherschränke in unseren Straßen gewähren den überflüssig gewordenen Büchern Asyl. Während jahrtausendelang Bücher und Schriften mit glühender Leidenschaft dem Feuer übergeben wurden, sind sie heute der Gleichgültigkeit ausgesetzt. Wer könnte heute auf die Idee kommen, Bücher mit feierlichen Begleitsprüchen zu verbrennen? An jedem Abend, den man auf dem Wartburgberg der Social Media verbringt, wird das Buch verbrannt, das stattdessen hätte gelesen werden können. Solche unspektakulären Bücherbeseitigungen sind womöglich gefährlicher, weil sie unbemerkt bleiben und widerstandslos hingenommen werden. Es sieht ein wenig nach einer Verschwörung aus. Ist aber keine. Das ist der Lauf der Dinge.

Erschreckend oft höre ich, wie Menschen, die beruflich für die Verbreitung und Unterstützung der Literatur verantwortlich sind, sagen, es sei alles sinnlos, weil zum Beispiel zu den literarischen Lesungen häufig nur wenige Menschen erscheinen. Das ist sogar zu einem Gemeinplatz geworden. Aber ist das deshalb sinnlos? Oder ist es eben deshalb sinnvoll und notwendig, weiterzumachen? Wohin sonst würden sich diese wenigen begeben können? Unterhaltung und Kassenerfolg sind das Gute, Wahre und Schöne unserer Zeit. Wenn diejenigen, die Kultur aufrechterhalten sollen, sich über die kleinere Beteiligung des Publikums beklagen und zu den spektakuläreren „Event“-Formen wechseln, mit anderen Worten, wenn sie sich beim Publikum anbiedern, das gerade keine Lust auf Bücher hat, werden sie dieses Publikum nicht zurückgewinnen, aber die sich heute in der Minderheit befindenden ernsten Leser abstoßen.

Kulturpessimismus ist eine elegante Position. Nur ist ihre Eleganz heute irgendwie verbraucht. Wenn Menschen, die noch standhaft Leser sind, aber momentan tatsächlich eine Minderheit darstellen, missachtet und verraten werden, statt als solche geschützt zu werden, dann bleibt den Autoren nichts anderes übrig, als ihren eleganten Kulturpessimismus abzulegen und Zuversicht zu zeigen. Ich bin mir sicher, dass die Bücher auch diese Phase der unspektakulären Beseitigung überstehen werden.

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