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Literatur Dem Rassismus die Haare schneiden

Tendai Huchu stellt seinen Roman „Der Friseur von Harare“ vor.

23.11.2011 17:51
Julia Kohl
Der Autor Tendai Huchu. Foto: Peter Hammer Verlag

Wenn man wissen möchte, was ein Land und dessen Menschen beschäftigt, dann geht man dort am besten zum Friseur. Tendai Huchus Roman „Der Friseur von Harare“ zeigt zwischen Waschen, Fönen und Zöpfe-Flechten, wie es ist, in Simbabwe zu leben – unter einer menschenverachtenden Regierung, mit einer Inflationsrate, die das Geld schneller an Wert verlieren lässt, als man es in backsteindicken Bündeln ausgeben kann.

Vimbai, eine junge, alleinerziehende Mutter aus armen Verhältnissen, die das Friseurhandwerk in den Hinterhofsalons von Simbabwe gelernt hat, kann sich in einem der erfolgreichsten Friseurläden von Harare hocharbeiten. Doch sie macht einen entscheidenden Fehler: Sie glaubt, das Geheimnis ihres Erfolges liege darin, den Kundinnen das Gefühl zu geben, Weiße zu sein.

Es dauert lange, bis Vimbai erkennt, dass die „Weißheit, die im oder schon auf dem Kopf beginnt“ ein leere Vorstellung ist und so falsch, wie das Kunsthaar, das sie so vielen Frauen einflechtet. Von ihrem Kollegen Dumisani, für den Haare ganz einfach Haare sind, egal zu wem sie gehören, lernt sie, dass das wahre Geheimnis darin liegt, den Menschen als das wertzuschätzen, was er ist – egal ob schwarz oder weiß, Mugabe-Anhänger oder Oppositionsunterstützer, hetero- oder homosexuell. Durch Dumisani wird der Friseursalon ein im chaotischen Harare seltenes Vakuum, in dem Politik und Rassismus bedeutungslos werden im Angesicht der Frage: Zöpfe oder Kurzhaarschnitt? Hier zählt nur eines: Der Mensch und welche Frisur ihm steht.

Tabuthema: Homosexualität in Simbabwe

Tendai Huchu, der 1982 in Simbabwe geboren wurde, die dortige Universität besuchte und heute als Schriftsteller und Podologe (jemand, der sich mit Fußpflege und Pilzen auskennt) in Schottland lebt, thematisiert in seinem Roman ein Tabuthema: Homosexualität in Simbabwe. Da es kein Antidiskriminierungsgesetz gibt, sind Minderheiten oft grausamer Stigmatisierung und Gewalt ausgesetzt. 2006 wurde ein Gesetz gegen „Sexuelle Abnormalitäten“ erlassen, das selbst das Händchenhalten von zwei Männern als Straftat einstuft und Inhaftierung und Folter nach sich zieht. Das Gerücht hält sich seit Jahren hartnäckig in Simbabwe, dass Homosexualität, ähnlich einer Krankheit, ein von weißen Touristen eingeschlepptes Phänomen ist, das die Jugend auf Abwege führt.

Dass mit Dumisani, dem beliebten, sympathischen und gutaussehenden Friseur mit dem Afro etwas nicht stimmt, sagt der Roman seinem Leser zwar gleich zu Beginn und in zahlreichen Andeutungen, doch erst gegen Ende wird klar, dass Dumisani ein Homosexueller ist – in Simbabwe schlimmer als ein Vergewaltiger. Als er gezwungen wird, aus dem Schatten heraus zu treten, in dessen Schutz er eine Liebesbeziehung zu einem hochrangigen Minister ausleben konnte, folgen furchtbare Konsequenzen, die ihn beinahe das Leben kosten.

Robert Mugabe, im Roman so allgegenwärtig, wie die schwere, von dichten Rauchschwaden belastete Luft, da sein Konterfei von Straßenlaternen, Röcken und Kopfbedeckungen die Menschen scheinbar nie aus den Augen lässt, ist seit 24 Jahren Präsident von Simbabwe. Unter dem Parteioberhaupt der militanten Zanu-Partei muss das Land vieles erleiden. Wie die von Tendai Huchu kritisch beschriebene Landreform im Jahr 2000, einem Programm zur Landumverteilung, das die Farmen von weißen Rhodesiern an besitzlose schwarze Bauern übergeben sollte, die allerdings dazu führte, dass die Mugabe-Sippschaft sich sämtliches Farmland einverleibte. Der armen Bevölkerung blieb nur der Straßenrand mit blutroter Erde, um etwas anzupflanzen. Und auch nur, wenn sie Glück hatte und die Regierung ihre Hacken nicht bemerkte, die sie unter dem Arm mit sich herum trug.

Tendai Huchu liest heute im Café Dresden, Dresdener Straße 19, um 20 Uhr aus seinem neuen Roman.

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