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Lion Feuchtwanger Neunzehn Mal vollkommen glücklich

Dem wissenden und irrenden Spötter, dem Schriftsteller Lion Feuchtwanger einhundert Jahre nach seiner Geburt.

20.12.2008 00:12
Von WILHELM VON STERNBURG
Lion Feuchtwanger
Lion Feuchtwanger am 5. Oktober 1940, nach seiner Ankunft in New York, befragt von Journalisten. Foto: ap

Im November 1936 reist der Schriftsteller Lion Feuchtwanger in die Sowjetunion. Kaum hat er die polnisch-russische Grenze überquert, läuft die sowjetische Propagandamaschine auf Hochtouren. Der Gast wird in Fabriken und Kolchosen herumgereicht, und vom KGB gut geschulte Arbeiter und Bauern entpuppen sich im Gespräch als kenntnisreiche und begeisterte Deuter seines Werkes. "Spontaner" Beifall des Publikums begleitet seine Auftritte bei Empfängen und Theaterbesuchen. Man schmeichelt ihm, und er ist dafür überaus empfänglich. Höhepunkte der Reise sind der Besuch bei einem der berüchtigten Moskauer Schauprozesse - auf der Anklagebank sitzt an diesem Tag Karl Radek - und eine Einladung in den Kreml. Stalin hat zum persönlichen Gespräch gebeten.

Nach drei Monaten reist Feuchtwanger zurück ins südfranzösische Sanary, wo er seit seiner Vertreibung aus Deutschland lebt, und schreibt seinen Essay "Moskau 1937". Ein Loblied auf die Aufbauleistungen in der stalinistischen Sowjetunion und eine fatale Verharmlosung der Schauprozesse. Feuchtwangers Buch ist der gescheiterte Versuch, auf den Reisebericht des Franzosen André Gide zu antworten, der im Sommer 1936 tief enttäuscht aus der Sowjetunion zurückgekehrt war. Sein deutscher Kollege sieht in Gides Buch eine Gefahr für die von Stalin gewollte Volksfrontpolitik - gemeinsamer Kampf von Sozialdemokraten und Kommunisten gegen den Hitlerfaschismus -, die unter den im Exil lebenden Gegnern der Nationalsozialisten leidenschaftlich debattiert wird.

Feuchtwangers Moskaubuch löst im Kreise der Exilanten Empörung aus. Auch seine späteren Biographen gehen in dieser Frage meist streng (und gelegentlich nicht ohne den Hochmut der Nachgeborenen) mit ihm ins Gericht. Zumal Feuchtwangers Tagebuchaufzeichnungen zeigen, dass er während seiner Reise vieles realistischer sah, als es dann zu lesen war. Und doch kann über sein politisches Denken in den 30er Jahren nicht ohne Blick auf die Zeit geurteilt werden: der spanische Bürgerkrieg; die verhängnisvolle Appeasement-Politik der westlichen Demokratien; die den Kapitalismus desavouierende Wirtschaftskrise; die Nürnberger Rassengesetze, die auch Familienmitglieder Feuchtwangers bedrohen. Es gibt für Feuchtwanger manche Gründe, sich mit allen verbalen Mitteln für die Volksfront zu engagieren. Zumal für viele - keineswegs für alle - Stalins Verbrechen damals noch weitgehend im Verborgenen liegen.

Mehr noch: Für Feuchtwanger, "den Meister des historischen Romans", ist die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung stets in die große Fortschrittsbewegung der Geschichte einzuordnen. Die bolschewistische Revolution erscheint ihm als logische Folge der Amerikanischen und der Französischen Revolutionen. Das ist wunderschöner - und wie sich schon damals zeigte irriger - Geschichtsoptimismus. In seinen großen historischen Romanen - "Die Füchse im Weinberg", "Goya", "Die Jüdin von Toledo" - stellt er jedoch seinen Fortschrittsglauben in einen spannenden, unterhaltsamen und im besten Sinn aufklärerischen literarischen Rahmen. Der humanistische Glaube, die Welt sei durch Handeln zu retten, spiegelt sich auch in seinen Zeitromanen "Erfolg", "Die Geschwister Oppermann" und "Exil".

In den Weimarer Jahren wird Feuchtwanger ein Bestsellerautor. Auch nach 1933, im französischen und amerikanischen Exil, bleibt er dank der Übersetzungen ein auflagenstarker, also wohlhabender Autor. Die deutsche Germanistik aber liebt die erfolgreichen Schriftsteller nur wenig. Feuchtwangers Bücher gelten der Kritik bis heute als "Trivialromane". Es gibt dafür einen prominenten Verbündeten. Thomas Mann - bekanntlich die Auflagenhöhen der erfolgreichen Kollegen mit Neid beobachtend - notiert 1939 im Tagebuch: "Über die Schriftsteller (Stefan) Zweig, Ludwig, Feuchtwanger u. Remarque. Welchem die Palme der Minderwertigkeit zu reichen."

Beide übrigens lassen sich nach 1945 ideologisch nicht von den Kalten Kriegern vereinnahmen. Sie nehmen Preise und Ehrungen aus West und Ost vergnügt zur Kenntnis, wählen ihren Wohnsitz jedoch in Amerika bzw. in der Schweiz. Was ihnen nicht nur die wohlfeile "innere Emigration", sondern im Falle Feuchtwangers auch bald der Buchhandel und das Feuilleton übel nehmen. Auch das eine weitere Spätfolge seines Moskau-Buches und seiner Weigerung, sich vom "Kommunismus" öffentlich zu distanzieren.

Der assimilierte, sein Leben lang mit bayerischem Akzent sprechende Jude Lion Feuchtwanger, ist der Politik nie entronnen. Die Nazis verunstalten seinen Roman "Jud Süß" zu einem antisemitischen Machwerk. In der Sowjetunion werden allein diejenigen seiner Bücher gedruckt, die den Kulturdiktatoren in den Kram passen. Die DDR lässt - allerdings mit Feuchtwangers Zustimmung - bei einigen Romanen nur gekürzte bzw. veränderte Fassungen zu. In der Bundesrepublik sind seine Bücher hingegen bald kaum mehr zu haben. Bis zu seinem Tod am 21. Dezember 1958 überwacht ihn das FBI, und die beantragte US-Staatsangehörigkeit erhält der "verdächtige Linke" zu Lebzeiten nicht. Ausgerechnet im Moskaubuch heißt es an einer Stelle: "Ich habe das leidenschaftliche Bedürfnis, das, was ich spüre, denke, sehe, lebe, ungehemmt auszudrücken, ohne Rücksicht auf Einzelne, ohne Rücksicht auf eine Klasse, eine Partei oder eine Ideologie." Man hat ihm diese sehr emotionale Haltung, die politische Irrtümer einschließt, in Ost und West nicht abnehmen wollen.

Schon 1932 schreibt Feuchtwanger: "Der Schriftsteller L. F. war 19mal in seinem Leben vollkommen glücklich und 14mal abgründig betrübt. 584mal schmerzte und verwirrte ihn bis zur Betäubung die Dummheit der Welt, die sich durch keine Ziffer ausdrücken lässt. Dann wurde er dagegen abgestumpft." Ein Spötter war er, ein Jude, der vom Elend der Welt mehr wusste als die antisemitischen und gewalttätigen Heilsrufer. Er war ein Schüler Rousseaus und der französischen Enzyklopädisten. Zu seinen Lieblingsbüchern gehörte Thackerays "Jahrmarkt der Eitelkeiten".

Er war ein Bibelkenner und Bewunderer der indische Philosophie: "Erinnere dich, mein Bruder, dass Ruhen besser ist als gehen, Schlafen besser als Wachen, Totsein besser als Lebendigsein", lässt er eine seiner Theaterfiguren vor der Hinrichtung sagen. "Denn der Tod führt hin, wo keine Qual mehr ist und nur die Seligkeit der ewigen Ruhe im Schoße des Brahma."Zwischen den Idealen der Aufklärung und der Weisheit Indiens, zwischen dem Traum von einer gerechten, für ihn sozialistischen (nicht kommunistischen) Gesellschaft und dem Wissen um die Vergeblichkeit unseres Handelns bewegt sich das Denken dieses Schriftstellers.

So lohnt es sich auch 50 Jahre nach seinem Tod Feuchtwanger zu lesen. Zum Glück zeigen die Verkaufszahlen, dass dies kein einsamer Ruf ist.

Wilhelm von Sternburg, Jg. 1939,

war Chefredakteur des Hessischen

Rundfunks. Er veröffentlichte

Biographien über Stresemann,

Feuchtwanger und Adenauer.

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