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Leitfragen Der Mann, nicht die Jeans

Seine großen Leitfragen haben nichts von ihrer Aktualität verloren: Heute wird der große Ethnologe Claude Lévi-Strauss 100 Jahre alt.

28.11.2008 00:11
THOMAS REINHARDT
Claude Levi-Strauss sitting at his desk at the College de France, Paris, 1987.
Am Schreibtisch: Claude Lévi-Strauss 1987 im Collège de France. Foto: getty

In seinem Buch "Das Nahe und das Ferne" erzählt Claude Lévi-Strauss, wie er 1941 bei seiner Anstellung an der New Yorker New School aufgefordert wurde, seinen Namen in Claude L. Strauss zu ändern - nicht wegen des jüdischen Patronyms, sondern wegen der Jeans. Die unselige Namensgleichheit sollte zeitlebens nicht aufhören, ihn zu verfolgen. Zwar dürften die Jeansbestellungen an seine Adresse ("im Allgemeinen aus Afrika") in Zeiten des World Wide Web abgenommen haben, doch wer heute auf den Webseiten der großen Internetbuchhändler nach Titeln von Lévi-Strauss sucht, bekommt zugleich mit den eigentlichen Treffern sicherheitshalber stets auch mehrere Links zu Jeansvertrieben angezeigt. Nicht selten dürften auch in universitären Einführungsseminaren dieser Tage Sätze fallen wie: "Lévi-Strauss, wie die Jeans."

Das war keineswegs immer so. Wie wenige andere Ethnologen hat Lévi-Strauss es verstanden, ein Werk zu schaffen, das auch außerhalb der Fachgrenzen seiner Heimatdisziplin eine enorme Wirkung entfaltete. Das überrascht umso mehr, als ihm dies ohne ersichtliche Zugeständnisse an die Lesebedürfnisse eines Massenpublikums gelang. Seine Texte sind dicht, sie sind komplex, und sie sind sprachlich in einer Weise durchstilisiert, die sich gegen alle Versuche einer flüchtigen Lektüre erfolgreich sperrt. Dennoch traf Lévi-Strauss offensichtlich exakt den Nerv der Zeit und schaffte es, einer ganzen Dekade seinen - strukturalistischen - Stempel aufzudrücken.

Dem breiten Publikum bekannt wurde er vor allem durch ein großartiges Dokument des Scheiterns, verfasst Mitte der 1950er Jahre innerhalb nur weniger Wochen, das gleichwohl bis heute von beängstigender Aktualität ist: "Traurige Tropen". Reisebericht, Essay, Roman, Ethnographie, Zivilisationskritik, intellektuelle Autobiographie - das Buch entzieht sich jeder festen Einordnung. Geschildert wird darin die vergebliche Suche des Autors nach dem ursprünglichen, dem echten, dem unberührten Fremden.

Um dieses aufzuspüren, führte Lévi-Strauss in den 1930er Jahren zwei längere Expeditionen durch den brasilianischen Mato Grosso. Was er findet, sind Kulturen in Auflösung, Gruppen, die sich gerade aufgemacht haben, ihr Leben im Dschungel gegen das an den Rändern einer europäischen Handelsstation einzutauschen und Häuptlinge in zerschlissenen Pyjamas. "Es ist nicht mehr zu ändern", lautet angesichts all dessen sein frustrierter Befund, "die Zivilisation ist nicht mehr jene zarte Blüte, die man umhegte und mit großer Mühe an einigen geschützten Winkeln eines Erdreichs züchtete, in dem zwar viele robuste und durch ihre Lebenskraft zweifellos bedrohliche Feldpflanzen wuchsen, die aber die Saat noch zu verändern und zu kräftigen vermochten. Heute findet sich die Menschheit mit der Monokultur ab. Sie schickt sich an, die Zivilisation in Massen zu produzieren wie Zuckerrüben, und bald werden diese auch ihre einzige Nahrung sein."

Gerade die Ethnologie, Lévi-Strauss' angestammte Disziplin, mochte sich diese pessimistische Sicht nicht zu Eigen machen. Zu statisch schien der zugrunde gelegte Kulturbegriff, zu romantisch die Suche nach Authentizität. Hybridität sollte hier schon bald das neue Schlagwort lauten, das der Disziplin neue Untersuchungsfelder in Zeiten der Globalisierung erschloss. So ist der Name Lévi-Strauss in den Wissenschaften vom Menschen denn auch eher verknüpft mit dem von ihm entworfenen strukturalistischen Programm, einer Denkschule und Methode, die ihre Blütezeit zwar bereits vor einem halben Jahrhundert erlebte, deren Nachwirkungen aber nach wie vor spürbar sind. Nicht zuletzt deshalb, weil praktisch eine komplette Generation von Geisteswissenschaftlern ihre wissenschaftliche Sozialisation ganz wesentlich über die Auseinandersetzung mit Lévi-Strauss' Schriften erfahren hat.

Nicht alle Thesen und Schlussfolgerungen haben dabei die Jahrzehnte unbeschadet überdauert. Die Verwandtschaftsethnologie etwa, der in den 1940er Jahren Lévi-Strauss' Hauptinteresse galt, hat sich von den dekonstruktivistischen Attacken eines David Schneider bis heute nicht erholt und ringt nach wie vor um eine angemessene Form der Wiedereingliederung in die Reihe der ethnologischen Themenbereiche.

Die großen Leitfragen der Lévi-Strauss'schen Arbeit aber haben bis heute nichts an Aktualität verloren: Was verbindet die Menschen verschiedener Kontinente und Zeiten? Welche Gemeinsamkeiten weist das Denken so genannter Primitiver mit dem unseren auf? Welche unwandelbaren Gesetze liegen unserem Denken und Tun zugrunde? Welche Rolle kommt dem handelnden Subjekt dabei zu? Was, in letzter Konsequenz, ist der Mensch?

Es zählt zu den großen Verdiensten von Lévi-Strauss, gezeigt zu haben, dass das wissenschaftliche Denken lediglich eine Art darstellt, die natürliche Umwelt intellektuell zu erfassen und den menschlichen Umgang mit ihr zu regulieren. Alternative Klassifikationssysteme (insbesondere solche, die gerne mit dem abwertenden Terminus "magisch" belegt werden) mögen in mancher Hinsicht weniger effektiv sein, letztlich aber befriedigen sie das geistige Bedürfnis nach einer gewissen Ordnung der Dinge ebenso gut, wie es die moderne Wissenschaft tut.

"Jede Klassifizierung", stellt er einmal kategorisch fest, "ist besser als keine Klassifizierung." So mag es uns zwar heute nicht mehr unbedingt einleuchten, weshalb man im römischen Altertum versuchte, Zahnschmerzen dadurch zu heilen, dass man einen Frosch beim Kopf packte, ihm ins Maul spie und ihn dann mit der Bitte, den Schmerz mit sich fortzunehmen, wieder laufen ließ. Tatsächlich aber wird von den Anhängern solcher Heilmethoden ein kausaler Zusammenhang von Ursache und Wirkung keineswegs bestritten, sondern, ganz im Gegenteil, eher überstrapaziert. Der Grundgedanke dabei ist der gleiche wie bei jeder anderen Art der Klassifizierung: Dinge hängen mit anderen Dingen zusammen. Statt wie seine Vorgänger von "magischem Denken" zu sprechen, zog Lévi-Strauss daher die Bezeichnung "Wissenschaft vom Konkreten" vor.

Berühmt geworden ist in diesem Zusammenhang insbesondere das Begriffspaar vom Bastler ("bricoleur") und vom Ingenieur: Wo der Bastler aus dem Repertoire eines geschlossenen Systems sinnlich wahrnehmbarer Objekte schöpft (Zähne, Frösche, Speichel) und diese in für Außenstehende oft unvorhersehbarer Weise miteinander kombiniert, entwirft der Ingenieur neue Objekte nach den Vorgaben des jeweils anstehenden Projekts. Die sinnlich wahrnehmbare Welt des Ingenieurs ist also prinzipiell offen für Erweiterungen. Das ist zwar kein geringer Unterschied, letztlich aber doch nur ein gradueller. Die Ergebnisse der Bastelei müssen denen der Ingenieurskunst keineswegs nachstehen - weder in funktionaler noch in ästhetischer Hinsicht.

Der Rolle des Menschen als handelndes Subjekt mag Lévi-Strauss dabei allerdings - anders als sein großer Gegenspieler Sartre - keine besondere Bedeutung zumessen. Nicht ganz zu Unrecht hat man ihm deshalb gelegentlich einen erkenntnistheoretischen Antihumanismus unterstellt. So dient sein wissenschaftliches Hauptwerk, die Mythenanalyse, nicht zuletzt dem Ziel zu zeigen, "wie sich die Mythen in den Menschen und ohne deren Wissen denken". Der Mensch ist Lévi-Strauss also letztlich wenig mehr als ein Ort, an dem sich Dinge zutragen, ohne dass er allzu großen Einfluss auf sie zu nehmen vermöchte.

"Ich bin fest davon überzeugt", erklärte Lévi-Strauss, der heute 100 Jahre alt wird, im Frühsommer dieses Jahres in einem Gespräch mit Constantin von Barloewen, "dass das Leben keinen Sinn hat, dass nichts irgendeinen Sinn hat". Wenn es überhaupt eine letzte, absolute Wahrheit gebe, dann liege diese nicht bei irgendeinem Gott oder beim Menschen, sondern "in der Abwesenheit des Sinns, im Nicht-Sinn". Oder, um es mit dem Begriff zu bezeichnen, den er und der ihn groß gemacht hat: auf der Ebene der Struktur.

Thomas Reinhardt ist Privatdozent für Ethnologie an der Frankfurter Goethe-Universität und lehrt Afrikanistik an der Universität zu Köln. Seine Einführung "Claude Lévi-Strauss" erschien gerade im Junius Verlag.

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