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Landesmuseum Braunschweig Der vierte Otto

Seine PR-Strategie war nicht kleinlich: Auf dem Siegel Ottos IV. überragt dieser Mond und Sonne. Hoch gegriffen für einen Kaiser, den Braunschweig für eine Ausstellung aus der völligen Versenkung geholt hat.

Das Siegel Kaiser Ottos IV., Niedersächsisches Staatsarchiv Wolfenbüttel. Foto: Cordes HAUM

Seine PR-Strategie, wenn man es so nennen darf, kündete vom Beginn einer neuen Ära. Das Siegel Ottos IV. zeigt links und rechts vom einwandfrei ausgestatteten Herrscher Mond und Sonne. Der Kopf des Monarchen überragt sie sogar ein Stück, und dafür muss man nicht allein die kreisförmige Fläche verantwortlich machen. Vielmehr war das eine freche Antwort an den Papst, der erklärt hatte, die Sonne sei er, der Kaiser indes nur der Mond. Nun ließ Otto dokumentieren, dass der weltliche Herrscher allen Gestirnen über war. Das Siegel ist jetzt auf Plakaten und Fahnen zu sehen, die wiederum von der neuen niedersächsischen Landesausstellung in Braunschweig künden, "Otto IV. - Traum vom welfischen Kaisertum".Dabei ist die Geschichte vom einzigen Welfen, der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches wurde, kurz. Noch dazu begann sie zäh, endete kläglich und blieb weitgehend folgenlos - sieht man davon ab, dass die Welfen damit endgültig aus dem Rennen um die Kaiserkrone gekickt waren.

Der drittgeborene Sohn von Heinrich dem Löwen hatte eigentlich keine Aussichten auf eine Karriere. 1175/76 geboren - vielleicht sogar, orakeln die Fachleute, hier in Braunschweig, vielleicht sogar auf der inzwischen historistisch nachgebauten Burg Dankwarderode -, wuchs er vorwiegend in England am Hofe seines Onkels Richard Löwenherz auf. Als auf dem Kontinent 1198 ein neuer König gewählt wurde, bekam er überraschend seine Chance. Gegen die Vormacht der Staufer - deren Kandidat, Philipp von Schwaben, brachte sich bereits in Stellung - formierte sich Widerstand. Dass Otto weder besonders reich war noch eine Hausmacht in deutschen Landen hatte, aber auch, dass Richard den Lieblingsneffen unterstützte, schien etlichen auf Eigenständigkeit bedachten Reichsfürsten attraktiv. Philipp bekam allerdings ebenfalls Stimmen. Beide wollten es wissen und ließen sich krönen.

Zehn Jahre beharkten sich die Gegenkönige mit wechselndem Glück. Papst Innozenz III. neigte Otto zu, der ihm einen Kreuzzug und Ruhe in Italien versprach. Dann wurde Philipp in einem dubiosen halbprivaten Konflikt umgebracht und Otto 1209 zwar Kaiser, worauf er sich aber stante pede nicht mehr an die Absprachen mit dem Papst hielt. Vom Kreuzzug war keine Rede mehr, und schon griff er Sizilien an. Otto wurde exkommuniziert und überschätzte seine Möglichkeiten bei weitem. Bereits 1212 setzten die Fürsten wieder auf einen Staufer. Sie wählten Friedrich II. zum nächsten Gegenkönig. Friedrichs Heer schlug Otto IV. zwei Jahre später in der Schlacht von Bouvines vernichtend. Während mancher Chronist dachte, Otto sei nun schon gestorben, starb er erst 1218, fromm und zurückgezogen, aber fleißig darauf beharrend, dass er der legitime Kaiser war. Als Fußnotenherrscher bezeichnet ihn der Historiker Ulrich Hucker (Vechta), der sich vor zwanzig Jahren aber energisch auf seine Spur setzte.

Er und die von ihm beratenen Ausstellungsmacher in Braunschweig, Kuratorin Stefanie Hahn und Projektleiter Hans-Jürgen Derda, sind nun daran gegangen, den vierten Otto auch für ein breites Publikum dem Vergessen zu entreißen. Zur Halbzeit des mit vielen Veranstaltungen (inklusive Ritterturnier und Sängerstreit) gefeierten Kaiserjahres 2009, berichtet Kulturdezernent Wolfgang Laczny, wussten 86 Prozent der befragten Braunschweiger, was es damit auf sich hat. Ebenso viele fanden es bereichernd für die Stadt. Das ist schön.

In den kommenden Monaten können die Tausendschaften nun außerdem an Ottos Siegel und Leben vorbeiflanieren - und an den teils prächtigen, meist aber naturgemäß kümmerlichen Überresten, die ein in Maßen erfolgreiches Spitzenpolitikerdasein 800 Jahre später aufweist: Zu den Höhepunkten gehört zweifellos Ottos Kaisermantel, ein Wunderwerk aus England mit individuell augenrollenden Leoparden darauf gestickt. Einige Zeit wurde das kostbare Stück als Altardecke missbraucht, weil man es nicht besser wusste. Oder der köstliche "Ptolemäer-Kameo", den Otto für den Kölner Dreikönigsschrein stiftete. Dort ließ sich der Stifter als vierter König abbilden, der gleichfalls eine Gabe bringt. Auch wenn er höflich mit gezogener Krone auftritt: An Selbstbewusstsein mangelte es ihm nicht.

Schwerer fällt es der Schau, die Leistungen Ottos ins Bild zu fassen. Andeutungen, die ihn als wichtigen Förderer mittelhochdeutscher Literatur präsentieren - gar im Umfeld von Wolframs "Parzival" -, werden im eigenen Katalog teils grandios widerlegt. Im Übrigen wird Otto, der weite Teile seines Lebens im "Ausland" verbrachte, nicht sehr gut Mittelhochdeutsch gesprochen haben. Überzeugender wirkt der Hinweis, dass auch der Welfe Otto in der als Staufer-Leistung reklamierten deutschen Frühgotik seine Rolle gespielt haben dürfte.Neben dem Landesmuseum sind Burg Dankwarderode und der Dom einbezogen. Letzterer ist ein Ready-Made, das für die Ausstellung mit einer neuen Treppe versehen wurde: Sie macht es möglich, wieder den fürstlichen Durchgang zu benutzen, der die Burg mit dem Dom verband. Von oben blickt man jetzt aus Ottos Perspektive just auf die Welfen-Tumba, in der sich auch seine sterblichen Überreste befinden.

Die staufische Geschichtsschreibung meinte es nicht gut mit ihm. Deren Urteil, er sei dumm, arrogant, wenngleich tapfer gewesen, hielt sich nur allzu lang. Die Welfen schwiegen. Und eine Journalistin möchte wissen, ob Professor Hucker gerne mit Otto befreundet gewesen wäre. Ein aktuelles, sich in zahlreichen Ausstellungsprojekten niederschlagendes Bedürfnis nach Personalisierung und Psychologisierung weit entfernter Figuren bricht sich hier Bahn.

Die Ausstellung selbst gibt ihm nicht nach. Und sie gibt sich auch nicht bedingungslos recht, in der Frage nämlich, ob Otto IV. so viel Aufhebens eigentlich wert ist. Gerade deshalb nimmt sie für sich ein. Und weil sie keine falsche Nähe schafft, sondern eher die Distanz betont. Ein Modell von Braunschweig zeigt, wie einst die Burg zwar mitten in der Stadt lag, durch Mauer und Graben doch von ihr getrennt blieb, eine Welt für sich. Im Übrigens wies Professor Hucker auf mehrfache Nachfrage doch noch darauf hin, dass er wohl durchaus nicht gerne mit Otto befreundet gewesen wäre.

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