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La Phrase Un seul être vous manque, et tout est dépeuplé!

Die Sommerserie „La phrase“ ist eine kommentierte Sammlung französischer Sätze.

Ich war gerade frisch verliebt, als eine geplante Reise mein Verliebtsein unterbrach. Einen Monat lang von dem Menschen entfernt sein, mit dem ich endlose Sommerzeit verbringen wollte: Trotz des wunderbaren Reiseziels Islands hat es mich bei der Abfahrt mit Trauer erfüllt. Der Plan war es, durch die einsame Natur mit einer guten Freundin zu wandern und die Menschenleere zu genießen. Dass diese im Jahre 2014 in der isländischen Hauptsaison nicht mehr vorzufinden war, war mir vorher nicht bewusst. Ich traute meinen Augen nicht, als ich die Scharen der Tourbusse sah, die auf dem Plateau hinter Myvatn ankamen. Sowas hatte ich bei meinen bisherigen Reisen in das Land noch nicht gesehen. Und doch war inmitten dieses Trubels, inmitten der kargen Mondlandschaft, eine Leere in mir spürbar. Ein verschleiertes Nichts, das weder nette Gespräche noch der unvergleichliche Geschmack von Harðfiskur, dem getrockneten isländischen Fisch, zu vertreiben vermochten: Ich nenne es die Leere der Vermissung.

Womit ich bei der französischen Phrase wäre. „Un seul être vous manque, et tout est dépeuplé!“, zu Deutsch: „Ein einziges Wesen fehlt, und alles wird menschenleer.“ Der schöne Satz stammt von Alphonse de Lamartine, einem französischen Lyriker und Politiker, der stilbildend die dortige Romantik prägte. Sie verbildlicht die Sehnsucht des Herzens: Wie Menschenmassen zur gefühlten Einöde werden, wenn uns auch nur ein einziger Mensch abhanden kommt. Wie wir gezwungen sind, in dieser Einöde zu verharren, weil nichts und niemand außer des Geliebten es schafft, uns aus unserer Pein zu befreien.

In der heutigen hyper-unabhängigen, individualistischen Gesellschaft erscheint Alphonse de Lamartines Adage vielleicht altmodisch romantisch, idealisiert, geradezu verpönt. Man möchte die Augen verdrehen, den Dichter verspotten. Solche emphatischen Liebesbekenntnisse sind nicht mehr in. Heute sehen sich die Menschen erfrischend pflicht- und bindungsfrei.

Oder einfach subtiler? Lamartine erinnert uns an jene Zeit, in der solch offene Bekundungen des Hingezogenseins in der Literatur auf einmal überhandnahmen und sich der Rationalität der Aufklärung entgegenstellten.

In seinem Gedicht „L’isolement“, die Isolation, aus dem der Satz stammt, sinniert der Franzose melancholisch über die Natur um ihn herum: Fluss, See, Berge. Die Sonne geht unter, die Baumwipfel verschwinden langsam in der Dunkelheit. Doch die von ihm beobachtete Schönheit bewegt ihn nicht. „Die Sonne der Lebendigen wärmt die Toten nicht mehr“, schreibt der Geplagte. Nichts erwartet er sich mehr vom Universum, denn nichts macht ohne sein geliebtes Wesen Sinn, er möchte zu himmlischen Sphären hinauffliehen, sich auflösen.

Das lässt mich an Lamartines Zeitgenossen Caspar David Friedrich und sein Bild „Der Wanderer über dem Kreidefelsen“ denken. Und obwohl ich die heutige hämische Gefühlslosigkeit anprangere, komme ich nun um das Empfinden eines gewissen Pathos nicht herum. Ich liebe den Satz, doch es muss die Dramatik sein, die vom Rest der Verse ausgeht, die mich leicht befremdet. Vielleicht sind es die Ausrufezeichen, die Lamartine ans Ende seiner Strophen setzt, wenn er die stürmischen Nordwinde anfleht, ihn mitzureißen, oder sich vorstellt, seinen Leichnam der Erde zu übergeben. Wie auch immer. Das Pathos schüttele ich ab, um mich den schönen Bildern Lamartines wieder zu widmen: die alte Eiche, unter der er sitzt, der Sonnenuntergang, die Sterne. Huch, da kommt das Pathos wieder auf. Bin ich etwa auch ein Opfer des individualistischen Gesellschaftskults der Moderne geworden? Dass ich das nicht lesen kann ohne das Gefühl, der Dichter würde sich wirklich jedes romantischen Klischees bedienen? Die Lektüre wird zur Wechseldusche.

Dann komme ich erneut zu meinem Anker, der wunderbar schönen Phrase der Vermissung. Und ich denke daran, wie am Ende meines Island-Urlaubs die Leere im Herzen wieder verschwand. Lamartine wüsste sicherlich, wieso.

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