Lade Inhalte...

KZ-Gedenkstätte Dachau Auf dem Weg der Erinnerung

Die KZ-Gedenkstätte Dachau hat endlich ein Besucherzentrum erhalten. Erst seit den 90er Jahren setzt sich die Überzeugung durch, dass die Erhaltung von KZ-Architektur der Gedächtniskultur dient.

07.05.2009 00:05
K. ERIK FRANZEN
Eingebettet in eine Baumpflanzung entstand das von Florian Nagler entworfene Besucherzentrum. Foto: Florian Nagler

Die Bitte auf dem Schild der amerikanischen Militärregierung vor dem Krematorium des gerade befreiten Konzentrationslagers Dachau 1945 war eindringlich: "This area is being retained as a shrine to the 238 000 individuals who were cremated here. Please do not destroy". Doch die Bitte war in der Folgezeit nicht erhört worden. Nicht deshalb, weil die Zahl der Ermordeten zu hoch gegriffen war, sondern weil sich der Kampf um die Deutungshoheit über einen zentralen Ort des Nationalsozialismus und seines Vernichtungssystems zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen schnell entzündete. Also wurde sukzessive abgerissen, zugeschüttet, überbaut, neu geschaffen. Die Topographie des Geländes erhielt schließlich durch die Errichtung verschiedener sakraler Gedenkorte mit der Leitidee christlicher Versöhnung eine stark religiöse Ausrichtung. Der "authentische" Ort löste sich im Zuge des Umgangs mit der Vergangenheit nahezu auf - falls es authentische Orte überhaupt gibt.

Pluralistische Überformung oder monokausale Erklärung? Viele materielle Spuren des Gesamt-Geländes des Konzentrationslagers blieben lange Zeit verschüttet. Bewusst. Denn sowohl der Stadt Dachau als auch staatlichen Stellen blieb dieser Erinnerungsort jahrzehntelang ein Dorn im Gedächtnis. Zudem bestand in der Nachkriegszeit insgesamt nur wenig Interesse an der Erhaltung der "historischen" Lagerarchitektur. So existierte der ursprüngliche Zugang über den ehemaligen SS-Bereich nicht mehr: Die Besucher betraten das Gelände lange Zeit von der stadtabgewandten Seite, weil das auf der Stadtseite liegende ehemalige SS-Areal nach dem Krieg zunächst US-amerikanischen Einheiten als Unterkunft diente. Seit 1972 hat die bayerische Bereitschaftspolizei hier ihr Quartier genommen.

Wir sehen was, was ihr nicht seht? Die Erinnerung der Überlebenden prägte jahrzehntelang nicht nur das Gedenken an das Geschehene, sondern auch an die konkrete Topographie des Ortes. Die meisten der Häftlinge allerdings kannten aus eigener Anschauung jeweils nur bestimmte Teile des mehrschichtigen Gesamtkomplexes dieses "Muster-Lagers" der Nationalsozialisten. In den neunziger Jahren entwickelte sich in der bundesdeutschen NS-Gedenkstättenlandschaft ein Umdenkprozess, sowohl in der Denkmalpflege, als auch in der Gedenkstättenarbeit selbst: Der Blick auf die Lagerarchitektur sollte vertieft und die historischen Spuren sollten auch im Gesamtzusammenhang der lokalen und regionalen Umgebung sichtbarer werden.

In Dachau ist die 1996 von der ehemaligen, langjährigen Leiterin, Barbara Distel, begonnene Umgestaltung weitgehend gelungen. Räumlichkeiten wurden restauriert, 2002/2003 wurde eine neue Dauerausstellung unter dem Leitmotiv "Der Weg der Häftlinge" eröffnet und 2005 ein neuer Zugangsbereich geschaffen, der nun das "Jourhaus", den historischen Eingang zum ehemaligen Häftlingslager, einbezieht. Tatort und Lernort ergänzen sich.

Das soeben eröffnete Besuchergebäude fügt sich perfekt in das neue Wegesystem ein, dessen extrem zurückhaltende landschaftliche Gestaltung auffällt. In eine Baumpflanzung eingebettet, am Rande des Weges gelegen, scheint selbst das Gebäude fast verschwinden zu wollen. Ein Bezug zur umliegenden Bebauung, auch zur Tiefe und Strenge des getrennt gelegenen Lagergeländes wurde bewusst vermieden. Die spektakulär unspektakuläre Fassade wird geprägt von in Reihen zum Teil leicht schräg stehenden, grau lasierten, sägerauen Vierkanthölzern, die dem Glaskasten wie eine Reihe von hoheitslosen Stützen vorgestellt sind. Quadratische Deckenplatten aus Sichtbeton erzeugen mit ihrer glatten Oberfläche einen fühlbaren Kontrast zu diesen.

Die großflächigen Verglasungen halten die Räume nach Außen und Innen offen und die Durchbrechungen der Reihenhölzer erzeugen bei Sonnenlicht im Inneren des Gebäudes eine magische und an Wellenspiegelungen erinnernde Licht-Schatten-Wirkung: die Gelassenheit der Transparenz. Die kreative Anpassungsleistung des neuen Baus symbolisiert damit die erfolgreiche Erweiterung der Perspektive auf die gesamte Lagertopographie.

Der Profanbau beherbergt Caféteria, Toiletten, eine Buchhandlung und ein Informationsfoyer. Mit dem klugen Gestus der Pathosfreiheit, die auch durch die zurückgenommene, fast kühle Innenarchitektur geschaffen wird, ist es den Architekten um Florian Nagler gelungen, den Besuchern auf dem Hin- und Rückweg zum oder vom Tatort, Friedhof, Museum und Lernort die Möglichkeit zur vor- oder nachbereitenden Einkehr zu bieten, ohne dass sie dort gleich moralisch geimpft werden.

Mit dem Bau des Besucherzentrums wurde nun der letzte Streckenabschnitt vollendet, der die Besucher auf dem "Weg der Erinnerung" vom Dachauer Bahnhof zur Gedenkstätte leitet. Dort, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Zivilbevölkerung befand sich ein frei zugängliches Stadtviertel, das die SS nutzte. Die bis heute noch übrig gebliebenen Gebäude dieses Viertels sind durch einen Zaun von der Gedenkstätte getrennt.

Da irritiert es schon, wenn man heute, eben dort, plötzlich abgekämpfte, von ihrem Einsatz kommende bayerische Bereitschaftspolizisten aus Dutzenden von Mannschaftsbussen steigen sieht. Wer sieht da was, was sie nicht sehen?

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Architektur

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen