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Kunstz Die neue Unübersichtlichkeit

Wie die Debatten um Identität und Dekolonisierung in der Kunst unsere Wahrnehmung und die Ausstellungspolitik der Museen verändern.

Aargauer Kunsthaus
„A Uniform Sample“, Installation der Schweizer Künstlerin Mai-Thu Perret im Aargauer Kunsthaus. Foto: rtr

Müssen Frauen nackt sein, um ins Museum zu kommen?“ Für sieben New Yorker Künstlerinnen war das in den aufgeklärten 1980er Jahren keine abwegige Frage, sondern eine, die ihnen keine Ruhe ließ. Sie zählten nach, wie oft (oder besser: wie selten) Frauen in Museen, Galerien oder Medien als Künstlerinnen auftauchten statt nur als Motiv der Malerei, verteilten Flugblätter, klebten Plakate, störten feierliche Ausstellungseröffnungen und versteckten sich dabei hinter Gorillamasken und Pseudonymen wie Käthe Kollwitz und Frida Kahlo. Sie nannten sich Guerrilla Girls und ihre Aufklärungsarbeit „Pimmel zählen“. Man kann nicht behaupten, dass sie sich viele Freunde unter den zumeist männlichen Museumsdirektoren machten.

Mittlerweile gehört die „Pimmelzählerei“ der Guerrilla Girls zu den Klassikern der institutionskritischen Kunst. Ihre Mitglieder tragen zwar immer noch Gorillamasken, aber sie müssen keine Museumseröffnungen mehr stürmen, um Gehör zu finden – sie werden jetzt von den Museen eingeladen, ihnen den meist beschämend geringen Anteil an weiblichen Künstlern und anderen „Minderheiten“ in der eigenen Sammlung vorzurechnen.

Wer wollte bezweifeln, dass sich die Kunstwelt seit den achtziger Jahren gewandelt hat – gerade wenn es darum geht, mehr Frauen in den Kanon der Kunstgeschichte aufzunehmen? Und doch ist der Bewusstseinswandel um die Diskriminierung von „Minderheiten“ in den Museen auch heute noch in vollem Gange, wie die unter Stichworten wie Dekolonisierung und Identitätspolitik geführte Debatte um die Neubewertung der modernen Kunstgeschichte zeigt.

Über Jahrzehnte galt es in westlichen Museen als selbstverständlich, dass der Gipfel der modernen Kunstgeschichte von Männern aus Europa und den USA besetzt war. Nun würde es wenig Sinn machen, Pablo Picasso oder Andy Warhol Geschlecht und Hautfarbe vorzuwerfen, und selbstredend wird ihre Kunst nicht weniger bedeutend, weil ihre Heimatländer zu den ehemaligen Kolonialmächten zählen. Allerdings lässt sich kaum leugnen, dass der koloniale Anspruch, der „Dritten Welt“ kulturell überlegen zu sein, den westlichen Blick ähnlich geprägt hat wie die Überzeugung, Frauen seien künstlerisch weniger begabt als Männer.

Großer Nachholbedarf

Entsprechend groß ist heute der Nachholbedarf, sei es in Form von Ausstellungen, die moderne Kunstströmungen in Afrika, Asien und Südamerika beleuchten, oder in Form von Streifzügen durch die eigene Sammlung. Bei der aktuellen Generation von Kuratoren und Museumsdirektoren gesellt sich zum schlechten Gewissen über die Fehleinschätzungen vergangener Jahre die professionelle Sorge, etwas Wichtiges verpasst zu haben. Beispiele dafür gibt es genug.

Im vergangenen Jahr widmete die Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen einem besonders prominenten Opfer selektiver Wahrnehmung eine große Ausstellung: Carmen Herrera. Als diese 2004 ihr erstes Bild verkaufte, war sie 89 Jahre alt und malte im Grunde nur noch zum eigenen Vergnügen. Dabei war Herrera schon in den fünfziger Jahren in New York dabei und schuf auf wenige geometrische Formen und Signalfarben reduzierte abstrakte Werke. Einerseits sind ihre Gemälde offensichtlich denen schon vor Jahrzehnten zu Weltruhm gelangter männlicher Kollegen eng verwandt; andererseits sprechen sie eine ganz eigene, unverwechselbare Sprache.

Es wäre gleichwohl zu einfach, Herreras Misserfolg mit dem Machismo der New Yorker Kunstszene in den fünfziger Jahren zu erklären – obwohl dies sicher eine Rolle spielte. Damals stiegen Alphamännchen wie Jackson Pollock zu Weltstars auf, und der enorm einflussreiche Kritiker Clement Greenberg warnte mit ihm verbandelte Galeristen vor Malerinnen, weil die „doch nur schwanger werden“ würden. Auch die wenigen Galeristinnen beugten sich oft genug der Ansicht, dass Kunst von Frauen zweitklassig und schwer verkäuflich sei. Carmen Herrera berichtet heute noch zähneknirschend davon, dass ihr eine Händlerin sagte, sie male zwar besser als die Männer, bekomme bei ihr aber trotzdem keine Ausstellung – denn sie sei nun mal eine Frau.

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