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Willi Baumeister Wie Zeichen an Höhlenwänden

Willi Baumeisters Papierarbeiten aller Schaffensphasen im Berliner Kupferstichkabinett.

Callot-Figuren auf rosa Grund, 1943.

Sind das Sportler? Oder eher kugelköpfige Maschinen, deren Körperteile zusammengesetzt sind wie geometrische Teile. Schablonenhaft, mit kräftiger Kontur eingefasst, so agieren die beiden Tennisspieler auf dem monochromen Blatt. Sieger und Verlierer sind nicht auszumachen. Ein Stück des Spielfeldes und die Köpfe und Oberkörper der Zuschauer wurden eincollagiert in ein hochformatiges Rechteck in der Mitte des Bildes, als wollte der Zeichner des Motivs, Willi Baumeister (1889 -1955), ironisch fragen, ob die Tennisspieler sich nun für sich – oder aber fürs Publikum so elegant und scheinbar unangestrengt und schmerzfrei abrackern. Wie Roboter,

Die fast wie ein Relief anmutende Zeichnung von 1929 steht für eine Phase, in der zwar die Weltwirtschaft in allen Fugen krachte und abstürzte, der Glaube an den technischen Fortschritt aber ungebrochen schien. Das deutsche Bauhaus und die niederländische De Stijl-Bewegung entwarfen eine Kunst- und Lebenswelt für den „Neuen Menschen“, der durch Klarheit, Funktionalität und puristische Ästhetik zu einer besseren Spezies werden sollte.

Der aus Frankreich, von Cézanne und später durch Picasso, Braque und Leger etablierte Stil des Kubismus ermöglichte schon Jahre zuvor den zur Moderne strebenden Künstlern in ganz Europa viele Blickwinkel statt nur einer Perspektive. Raum, Körper, Ding wurden nunmehr in einzelne geometrische Flächen und Formen aufgelöst. So entstehende Kreise, Quadrate, Kegel, Kugeln und Kuben wurden neu komponiert. Analyse und Synthese wechseln sich ab in den kühnen Bildfindungen jener Zeit, zu denen auch das berühmte „Triadische Ballett“ Oskar Schlemmers und ebenso die abstrakten Gestalt- und Ding-Zeichen der frühen russischen Kubisten und Konstruktivisten zählen.

Zugleich lassen solche Formungen an vorzeitliche Zeichen denken. Baumeister nämlich fühlte sich tatsächlich auch den figurativen „Urbildern“ verpflichtet, wie er sie in der von ihm mit großer Obsession erkundeten prähistorischen Höhlenmalerei vorfand. Er besaß privat eine erlesene Sammlung außereuropäischer Objekte. Sie lieferten ihm Anregungen, wie sie damals etwa auch im Surrealismus aufgegriffen wurden.

Dem aus Stuttgart stammenden Vor- und Nachkriegsmodernisten Willi Baumeister, der zum Bauhaus zählte, und an der Städelschule in Frankfurt als Professor lehrte, nach 1933 von den Nazis als „entartet“ diffamiert wurde und daraufhin bis Kriegsende die innere Emigration auf der Schwäbischen Alb vorzog, widmet das Berliner Kupferstichkabinett eine besondere Ausstellung seiner Papierarbeiten, kuratiert von Andreas Schalhorn.

Etwa hundert schwarzweiße wie farbige Blätter aus dem Bestand des Hauses, dem Baumeister-Archiv wie Leihgaben anderer Sammlungen sind versammelt. Die „Tennisspieler mit Zuschauern“ mittendrin. Und das Ganze korrespondiert mit Arbeiten von Zeitgenossen wie etwa Picasso, Miró, Oskar Schlemmer, Hans Arp, El Lissitzky, Leger, Karl Otto Götz – und auch Philipp Guston und A. R. Penck, nachgerade zwei spätere „Wiedergänger“ Baumeisters.

Dessen Zeichnungen und Grafiken, bisweilen auch unter dem Einsatz von Farben oder getönten Papieren entwickelt als bildhaft verdichtete Kompositionen von autonomem Charakter, kreisen in den zwanziger Jahren wie auch wieder nach Kriegsende ums Thema der abstrahierten Figur, in ihrer Aktion wie in der Verortung in Fläche und Raum.

Die Linie spielt dabei unübersehbar die tragende Rolle, bis hin zum geometrischen Raster, seien es nun die „Sportbilder“ in den zwanziger Jahren, die darauf folgenden „Flämmchenbilder“ oder die „Ideogramme“, in denen die Figur schrittweise zur organischen Chiffre wird. Baumeisters an seinem Rückzugsort während der NS-Zeit verfasste, 1947 publizierte Schrift „Das Unbekannte in der Kunst“ beschäftig sich auch mit dem Wechselspiel von Sein und Nichts – mit „Restformen“.

Willi Baumeister wurde zu einer Brückenfigur zwischen der Vorkriegsmoderne und der Abstraktion nach 1945 in Deutschland und Europa.

Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen , Kulturforum, Berlin: bis 8. April. www.smb.museum

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