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Weltkulturen Museum Frankfurt Es geht wirklich wie von selbst

Das Weltkulturen Museum Frankfurt zeigt eine große Ausstellung zum Altern.

Jake Verzosa:  „The Last Tatooed Women of Kalinka“
Jake Verzosa: Aus der Serie „The Last Tatooed Women of Kalinka“, 2009-13. Foto: Verzosa

Hör auf die Worte der Zahnlosen“, sagt man auf den Fidschi-Inseln, und in Brasilien: „Alte Töpfe machen gutes Essen“. „Was ein alter Mann sehen kann, während er sitzt, kann ein junger Mann im Stehen nicht sehen“, sagt man in Eritrea, und auf den Seychellen: „Ein gut gefütterter alter Löwe ist besser als ein junger hungriger“. 

Wie sich die Überlegungen gleichen, und wie sie dokumentieren, dass die Alten für die Sprichwörter sorgen, aber die Jungen jünger sind. Die Schöpfer der Sprichwörter drohen (drohen zahnlos!), empfehlen sich, beschwichtigen. Man hat etwas voneinander, aber die Situation kippt jedes Mal, wie sie auch asymmetrisch begonnen hat, als die Jungen noch klein waren. Man muss sich arrangieren. Man arrangiert sich. Es habe sich nicht gezeigt, dass alte Menschen in unterschiedlichen Gesellschaften besser oder schlechter behandelt würden, sagt Eva Raabe, kommissarische Leiterin des Frankfurter Weltkulturen Museums. Tatsächlich kann die Ausstellung „Grey is the new Pink“ schlaglichtartig deutlich machen, wie sich Muster, Haltungen, Themen rund um das Altern ähneln (es passiert uns ja auch allen dasselbe). Und da es zum Wesen des Menschen gehört, nicht nur älter zu werden, sondern diesen Prozess genau wahrzunehmen – erst an anderen, dann an sich, und wann ist man überhaupt alt, wenn schon die Abiturientin in der Bahn melancholisch von früher spricht? –, sind die „Momentaufnahmen des Alterns“ eine Geschichte der Menschheit in hundert, nein, tausend Bildern und Details. 

Eine erstaunliche Schau, kompakt und doch geeignet für Unersättliche. Während man über die aufwendigen Tätowierungen der schönen Greisinnen von Kalinga (Philippinen) staunt, über eine Antifaltencreme aus Sumatra, deren Bestandteile Sie nicht genau kennen wollen, über afrikanische „Prestigeobjekte“ für alte Kämpen oder südamerikanische Federn, die der alternde Träger nicht mehr zum Schutz benötigte und darum den Jungen (noch Verletzbaren) überließ, zeigt sich in der interessanten Einzelheit doch permanent das System des Lebens. 

Am Anfang stand der Hinweis von Alice Pawlik, am Hause zuständig für die Visuelle Anthropologie (vormals Bildarchiv), dass es so viele interessante Abbildungen alter Menschen gebe. Es folgte ein „weltweiter Aufruf“ (Eva Raabe) für Einsendungen von Fotos und Beiträgen zum Thema, die sich jetzt die Flurwände entlangziehen und in ihrer Fülle einen Besuch für sich wert sind (alles wird aufgeschlüsselt, jedes Bild hat eine Geschichte). Wer in Ruhe schauen kann oder einfach Glück hat, entdeckt womöglich sogar einen lieben Bekannten. 

In den Ausstellungsräumen selbst setzt das Museum auf eine glückliche, optisch auch effektvolle Verbindung aus künstlerischen Positionen und eigenen Museumsstücken – vor allem Bildern, die Eva Raabe als vollwertigen Teil der Sammlung verstanden wissen will, darum die Umbenennung der Abteilung. Objekte dem Alter zuzuordnen, ist nicht immer einfach. Zwar gilt als recht sicher, dass ein stattliches Holzskulpturenpaar aus Ozeanien zwei Brüder zeigt, der ältere gut erkennbar an der größeren Zahl von Initiationsnarben auf der Brust. Die Karteikarten-Wendungen „für alte Leute“, „von alten Leuten“ oder „an alten Leuten gesehen“ jedoch, so Alice Pawlik, sagten nicht immer etwas aus. Möglicherweise werde ein Gegenstand nur noch von den Alten verwendet. 

Solches Zwielicht ist aber wesentlich, um das Alter zu beleuchten, das ohnehin ein vager Begriff ist und sein darf. Großartig die Idee, den gewitzten Fotografien des Kenianers Osborne Macharia, der alte, alternde Männer in ostentativ jugendlicher Hip-Hopper-Ausstattung zeigt, Arbeiten der Israelin Naama Attias gegenüberzuhängen, die in den USA minderjährige Schönheitsköniginnen in spe fotografierte: Kinder, deren Job es ist, möglichst erwachsen (alt) auszusehen. Ja, es wimmelt hier von verrückten Leuten, Menschen eben. 

Wissen: Die Weitergabe von Wissen bekommt Raum, und man sieht, wie die australischen Punktmalereien eine Landschaft nicht unklarer wiedergeben als das entsprechende Bild von Google Maps. Die junge Schweizerin Meret Buser ließ sich von ihrer Großmutter unter anderem ein immerwährendes Sockenrezept zum Nachstricken geben („nach gewünschter Länge abnehmen“). Sich daran anschließende Fragen – warum fragt man die Alten immer so spät und manchmal zu spät? –, schwingen beharrlich mit. Beim Altern wird es außerdem immer persönlich, beim Altern hängt jede Besucherin, jeder Besucher ständig mit drin, nicht nur weil ein Rezeptbuch zum Hineinschreiben ausliegt. Wie das Altern, das ja ständig passiert, soll die Ausstellung, ergänzt von und gespeist aus vielen Projekten, in Bewegung bleiben. 

Liebe: Die Liebe bekommt Raum, nicht zu trennen von der Melancholie des Abschieds, nicht zu trennen von alternden Körpern, wie in Hartmut Jahns Film „Akte Inge“ (1994) zu sehen. Dass der Mensch auch ein höchst merkwürdig geformtes und empfindlich aussehendes Wesen ist, wird in der Villa unausgesprochen mitgefeiert. Im selben Zimmer hängen Fotografien des aus Samoa stammenden Künstlers Raymond Sagapolutele, der seine Mutter beim rituellen Siva-Tanz fotografiert hat. Unten tanzt die Schwester eine eigenwillig moderne Version, auch ohne die Zusatzinformation ahnt man, dass sich etwas verändert hat. Die Mutter ist kurz darauf gestorben. 

Tod: Die Anwesenheit des Todes, das ist vielleicht der größte Unterschied zu dem, was der Alternde vorher erlebt hat und dem die jungen Verwandten (und Künstler) zum Teil noch verschreckt gegenüberzustehen scheinen. Die Alten aber häufig keineswegs. Eine Porträtreihe von Hundertjährigen, aufgenommen von dem Frankfurter Fotografen Karsten Thormaehlen, erzählt fast ausschließlich von der Schönheit und Heiterkeit eines ausführlich gelebten Lebens. Die leise Verlegenheit zwischen Jung und Alt, es gibt sie im Leben und in der Schau, scheint interessanterweise eher von den Jungen auszugehen. 

Gibt es auch konkrete Tipps? Andauernd. Hundert wird man leichter in Nicoya (Costa Rica), Loma Linda (Kalifornien), Sardinien (Italien), Okinawa (Japan) und Bama (China). Nicht nur Klavierspielen, auch „Super Mario“ (aber nur eine halbe Stunde am Tag) hilft dem alternden Gehirn, sich fit zu halten. Und der US-Amerikaner Edward Palkot (1913-2017) kommentiert: „Die ersten hundert Jahre sind die schwersten, danach läuft es von alleine.“

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